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Kommunikation in der Beziehung: "Fahr zur Hölle!" - Warum ich meinen Freund lieber beleidige als gar nicht zu reden

Unsere Autorin hat in Beziehungen früher häufig zurückgesteckt, weil sie zu besorgt um die Harmonie war. Heute weiß sie, dass alles raus muss - egal, ob es um Sex oder die Geschirrspülmaschine geht. Denn: "Das stört mich!" ist ein wunderbarer Satz.

Von Ninia "La Grande" Binias

Frau schreit Mann ins Ohr

Unsere Autorin ist davon überzeugt, dass Beleidigungen auf Augenhöhe ein wunderbares Mittel sind, um ersten Ärger loszulassen

Es gab da diese Reportage im . In einem Restaurant auf Mallorca wurden Paare mit versteckter Kamera beobachtet. Keines der Paare sprach besonders viel miteinander. In der Regel ging es um die Bestellung und was sie danach noch machen wollten. Es gab noch keine Smartphones und die Paare saßen der Rest der Zeit einfach da und starrten in die Luft. Ein Paar schaffte es, fast zwei Stunden nicht miteinander zu sprechen. Kein einziges Wort. Sie saßen dort und atmeten und aßen und das war alles. Ich nahm mir vor, dass mir das nie passieren sollte. Die Gefahr ist nicht groß, ich rede eh sehr viel, aber ich hatte plötzlich dieses Bild von einer Beziehung, wie sie niemals sein sollte.

Von unserer Umgebung werden mein Freund und ich oft als Traumpaar wahrgenommen. Menschen sind regelrecht überrascht, wenn ich erzähle, dass wir uns selbstverständlich auch streiten. Von Kleinigkeiten bis zur richtig großen Lebensplanungsnummer war schon alles dabei – meiner Erfahrung nach unterscheiden wir uns aber in einem kleinen Punkt von vielen anderen: Wir sprechen miteinander. Und wir pflegen liebevolle Rituale abgrundtiefer Beleidigungen. "Fick dich einfach" oder "Fahr zur Hölle!" sind noch die nettesten Dinge, die ich innerhalb eines Wochenendes so sage, wenn mir irgendetwas nicht passt. Das hat für uns nichts mit Respektlosigkeit oder Herabwürdigungen zu tun. Es ist ein Ventil, das beiden gleichermaßen zusteht. Ich bin davon überzeugt, dass Beleidigungen auf Augenhöhe ein wunderbares Mittel sind, um ersten Ärger oder angespannte Nerven loszulassen. Natürlich funktioniert das nur gleichberechtigt. Sobald einer von beiden sich durch die Beleidigungen verletzt oder verhöhnt fühlt, ist das Ganze kein Spiel mehr.

Bloß nicht aus Harmoniesucht zurückstecken!

Eine Freundin, nennen wir sie Julia, beschwert sich bei jedem Kaffee über ihren Freund. Er mache nicht das, was sie sich vorstelle. Er sei unordentlich und rücksichtslos. Sie ist von jeder Kleinigkeit genervt und steigert sich von Woche zu Woche mehr hinein. Irgendwann frage ich sie, ob sie ihm schon einmal gesagt habe, dass sie von bestimmten Verhaltensweisen genervt sei. Dass sie seinen Kaffeebecher morgens nicht jeden Tag selbst in die Geschirrspülmaschine räumen will – oder im Bad getragene Boxershorts finden möchte. "Ach, er muss doch merken, was er da macht", antwortet sie, "ich habe keine Lust, dann auch noch zu streiten." Und das ist der Punkt. Um der Harmonie willen, die eigenen Bedürfnisse nicht klar zu kommunizieren, verhindert vielleicht einen Streit. Rettet aber keine Beziehung. Das gilt nicht nur für die Geschirrspüle. Sondern auch für das Thema Sex. Ich weiß das so gut, weil ich früher selbst so war.

Ich habe aus Harmoniesucht früher oft zurückgesteckt – in Freundschaften und Beziehungen. Ich wollte viel recht machen, nicht die Böse sein und immer gefallen. Noch heute bin immer darum bemüht, dass es allen in meinem Umfeld gut geht. Dass das nur funktioniert, wenn auch ich selbst mich wohl fühle, habe ich damals oft vergessen. Ich musste erst lernen, um wieviel besser ein Leben ist, wenn man öfter mal sagt, was einem gefällt. Von der Ordnung in der Geschirrspülmaschine bis zum Orgasmus. Das bedeutet nicht, dass man dabei aggressiv oder genervt vorgehen muss. Es bedeutet aber immer, dass man es äußern muss. Auf geheime Hinweise und Zwischen-den-Zeilen haben bisher die wenigsten Menschen reagiert. Wir sind keine Hellseher, zumindest die meisten von uns nicht.

"Das stört mich!" ist ein wunderbarer Satz

Wünsche deutlich äußern zu können – und zuzuhören, ist aus meiner Sicht die Grundlage jeder Beziehung. Wir können nicht erraten, was dem anderen gefällt. Ich kann nicht davon ausgehen, dass jemanden meine kreative Art, meine Dinge nicht zu sortieren, nicht stört. Julia ist an einem Punkt, an dem sie vermutlich direkt platzt, wenn sie sich doch mal traut, etwas anzusprechen – und die Beleidigungen dann nicht mehr spaßig meint. Dann ist der Streit tatsächlich vorprogrammiert. "Pack deine verdammte Unterhose das nächste Mal bitte direkt in die Waschmaschine!" hört sich anders an als "Sorry, aber vielleicht kannst du dir angewöhnen, deine Unterhose nicht rumliegen zu lassen. Das stört mich.". "Das stört mich" ist ein wunderbarer Satz. Er ist keine Anschuldigung. Er ist ein einfaches Bedürfnis. Wenn der Mensch, den ich liebe, sich von etwas gestört fühlt, dann bemühe ich mich doch, mich zu ändern, oder? Anders, wenn mein Gegenüber wütend Vorwürfe äußert und mir erklärt, ich könne keine Ordnung halten.

Klar, wenn es richtig brennt, helfen auch infantile Beleidigungen nicht mehr. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass diese auf jeden Fall Luft rauslassen, eine größere Explosion verhindern können. Und vielleicht dazu führen, dass man als Paar auch gemeinsam schweigen kann. Weil es so schön ist – und nicht, weil man sich nichts mehr zu sagen hat.

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