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Gewisse Vorzüge: Freundschaft Plus: Psychologin verrät, warum Sex unter Freunden so kompliziert ist

Freundschaft und Sex – passt das zusammen? In Hollywood-Filmen wie "Freundschaft mit gewissen Vorzügen" sieht es ganz anders aus, aber wie ist es im wirklichen Leben: Kann Freundschaft-Plus funktionieren? NEON hat eine Sexualtherapeutin gefragt.

Eine Frau hängt klammernd an einem Mann. Beide küssen sich – haben sie vielleicht Freundschaft Plus?

Freundschaft Plus: Kann das funktionieren? Eine Psychologin liefert Antworten. (Symbolbild)

Es muss irgendwann letztes Jahr gewesen sein. Ein guter Kumpel und ich sitzen in einer Bar auf dem Hamburger Berg, mitten in Sankt Pauli. Die ein oder andere Bierrunde haben wir schon hinter uns. Die Gespräche werden kürzer, oberflächlicher und anstößiger. "Ey, hast du schon einmal über Freundschaft Plus nachgedacht“, fragt mein Freund. "Also mit einer guten Freundin?"

Ne, habe ich nicht. "Digga, das musst du unbedingt machen", ruft er euphorisch. "Das ist der absolute Traum. Du schläfst mit 'ner guten Freundin. Nur halt ohne diesen Beziehungskram." Damals ging ich einfach über seine Bemerkung hinweg. Die Idee, mit einer guten Freundin eine solche "Beziehung" einzugehen, war für mich irgendwie unrealistisch.

Hollywood lässt es so einfach aussehen, zum Beispiel im Film "Freunde mit gewissen Vorzügen" mit Justin Timberlake und Mila Kunis. Die beiden legen Regeln fest und schwupps klappt es – am Ende wird daraus sogar noch eine echte Liebesbeziehung. Beide sind glücklich. Happy End.

Freundschaft Plus heißt Grenzen festlegen – nur wo fangen die an?

Aber ich begann mich nach dem Gespräch mit meinem Kumpel zu fragen: Wie sieht es denn im wirklichen Leben aus? Kann Freundschaft Plus überhaupt funktionieren? Und wenn ja, wie?

Zeit für einen Expertenrat. "Es funktioniert für den, der Grenzen setzt, und den Anderen, der die Grenzen wiederum akzeptiert", sagt Diplom-Psychologin und Sexualtherapeutin Nele Sehrt. "Wenn der Andere aber halt doch verknallt ist und sich mehr vorstellen kann, dann wird es problematisch."

Die entscheidende Frage sei, wo genau die Grenzen lägen, erklärt sie. Und da fängt das Problem ihrer Erfahrung nach schon an. Wo ist Schluss? Darf man sich noch mit anderen Menschen treffen? Darf man nebenbei noch mit anderen schlafen? Mit oder ohne Kondom? Oder nimmt sie die Pille? Das sind so viele Fragen, auf die jeder Mensch unterschiedliche Antworten gibt. Selbst in klar definierten Beziehungen spielten Grenzen eine große Rolle, beobachtet Sehrt: "Nehmen wir eine monogame Beziehung, in der Treue an erster Stelle steht – selbst dabei ist es hilfreich, sich darüber im Klaren zu sein, wo für jeden persönlich Fremdgehen anfängt."

Gute Frage! Für den amtierenden amerikanischen Vize-Präsidenten Mike Pence heißt das schon, alleine mit einer anderen Frau, die nicht seine Ehefrau ist, in einem Raum zu sein. Gut, der Mann ist auch streng gläubig. Dennoch zeigt das Beispiel ganz gut, dass jeder Mensch Grenzen unterschiedlich definiert. Für den einen beginnt Fremdgehen schon bei intensivem Augenkontakt, für den anderen ist selbst küssen in Ordnung.

"Es ist eine Mischung aus Affäre und einer monogamen Beziehung"

Dass Freundschaft Plus häufig so kompliziert ist, liegt laut Sehrt auch an den verschiedenen Ebenen einer zwischenmenschlichen Beziehung. "Bei verheirateten Paaren mit Kindern wird das Ganze verständlich", erklärt sie. "In einer solchen Beziehung gibt es drei Ebenen: die individuelle, die Paar- und die Elternebene. Wenn sich die Beiden trennen, zerbricht die Paarebene, aber die Elternebene existiert weiter. Viele Geschiedene tragen ihre Streitigkeiten dann oft auf der letztgenannten Ebene aus – häufig zum Nachteil der gemeinsamen Kinder."

Das Zauberwort lautet also Selbstreflexion. Will heißen: Wie wirke ich auf andere? Was kann ich an mir ändern, damit es anderen besser geht? Erklärt sich eigentlich von (Achtung, Wortwitz) SELBST. Nur: Welcher Mensch würde von sich behaupten, dass das seine absolute Stärke ist? Wohl die wenigsten! Und auch der selbstreflektierteste Mensch der Welt ist manchmal alles andere als das. Die Sache ist: Bei Freundschaft Plus braucht es das ganz besonders – vor allem, um die Freundschafts- und die sexuelle Ebene voneinander zu trennen.

"Es ist eine Mischung aus Affäre und einer monogamen Beziehung", sagt Sehrt. Gerade deshalb sei es so wichtig zu differenzieren. "Eine Affäre reduziert sich ausschließlich auf Sex. Es gibt in der Regel keinen gemeinsamen Freundeskreis, keine gemeinsamen Hobbies. Ich sehe die Person nur dann, wenn es ihr auch gut geht“, sagt die Psychologin. "Bei Freundschaft Plus bin ich aber auch gleichzeitig ein Freund, das heißt für den Anderen auch in schlechten Momenten da."

Es kann funktionieren, aber …

Die Gefahr, Zurückweisung in einer solchen Konstellation persönlich zu nehmen, sei groß, warnt Sehrt. Schnell könnten Missverständnisse entstehen. Das heißt: Hat der Eine beispielsweise keine Zeit, weil er schon verplant ist, kann das die andere Person möglicherweise schon verletzen. "Auf welcher Ebene kommuniziert der Andere jetzt mit mir? War das jetzt auf die freundschaftliche oder auf die sexuelle bezogen? Das zu differenzieren erfordert ein hohes Maß an Selbstreflektion und Kommunikationsfähigkeit", sagt die Expertin.  

Freundschaft Plus könne funktionieren, aber: "Eine solche Grauzone ist schwieriger, als es viele wahrscheinlich vermuten würden." Die Frage, die ihr euch also stellen müsst, lautet schlicht und ergreifend: Ist es der Sex wert, meine Freundschaft komplizierter zu machen? Mein persönliche Antwort darauf lautet: Nein, ist es nicht.

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