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Jeans, AfD, Instragram Warum die Generation Y eigentlich eine Gruppentherapie bräuchte

Wir Gen Y-ler müssten eine riesige Gruppentherapie machen, findet unsere Autorin
Wir Gen Y-ler müssten eine riesige Gruppentherapie machen, findet unsere Autorin
© Oleksiy Maksymenko/Picture-Alliance
Der Kleiderschrank unserer Autorin platzt aus allen Nähten. Sie selbst nervt das mittlerweile. Auf der Suche nach dem Warum, stößt sie auf Angst. Was 13 Paar Jeans mit der Angst vor Veränderung zutun haben.
Von Nora Stankewitz

Ich zähle 13 Paar Jeans in meinem Schrank. Einige liegen noch im Wäschesack, vier habe ich vor Kurzem aussortiert. Dazu gesellen sich, ich weiß nicht wie viele T-Shirts, Blusen, Longsleeves, Blazer, Schuhe, Jacken und Taschen. Von meinem Kleiderschrank könnten gut vier, vielleicht fünf weitere Frauen bequem leben.

In meinem Umfeld sieht es ähnlich aus. Manche haben noch sehr viel mehr, andere ein bisschen weniger. Was uns allen gemein ist: Wir haben zu viel. Zu viel aus mehreren Perspektiven: Ressourcen, Arbeitsbedingungen, Klima - und Pleonexie, der eigenen Unersättlichkeit.

Mein letzter Jeanskauf, muss ich zu meiner Verteidigung sagen, liegt schon einige Monate zurück. Manchmal überkommt mich sogar ein Gefühl der Überforderung, wenn ich mein Pax-Monstrum (für alle, die ihn nicht kennen: Ikea-Schrank) anstarre und einfach nicht weiß, was ich anziehen soll. Dieses Gefühl verändert sich langsam. Meine Angst, nicht immer genau das zu haben, was ich glaube zu brauchen, schwindet. Früher reiste ich mit einem Riesenkoffer auf vier Rollen zu meinen Eltern, um dort eine Woche zu verbringen. Ich wollte für jede erdenkliche Gelegenheit das richtige Outfit haben. Lieber zwei. Falls eine zweimal eintritt, nicht nochmal in den selben Klamotten auftauchen zu müssen. Heute reicht mir Handgepäck. Einige werden jetzt lachen und mich für bescheuert halten. Ist okay. Andere werden sich aber auch wiedererkennen.

Eine Phase der Widersprüchlichkeit

Ich habe mich gefragt, was das ist, was sich da in unserer Generation tut, die für mich in einer Phase der Widersprüchlichkeit steckt. Wir wollen in den neuesten Trends gekleidet sein und wissen um die Auswirkungen von Fast-Fashion. Also lassen wir uns jede Woche ein neues Paket Fairwear nach Hause liefern. Was mit dem Betanken der Paketvans ist? Ach, kommt schon. Bitte mal die Kirche im Dorf lassen. Wir reisen um die Welt, sind total offen für Neues und andere Kulturen. Zuhause überlegen wir dann, vielleicht AfD zu wählen. Wir bezahlen munter mit Kreditkarte im Netz und haben am Bahnhof Angst, ausgeraubt zu werden. Wir wollen irgendwie echt sein und posten nach dem verkackten Mädelsabend trotzdem ein perfekt bearbeitetes Bild #bestemädelsforever. Was ist los mit uns?

Ich sage: Wir haben Angst. Wir haben Angst, dass sich an unserem Leben etwas ändert. Und davor wollen wir uns schützen. Obwohl wir nicht einmal unbedingt die Glücklichsten sind. Denn Angst fühlt sich scheiße an. Angst ist ein Urinstinkt, der uns schützen soll. Dieses Gefühl zu zähmen, ist also unser First-World-Problem und Ziel zugleich. Auf Basis von Angst wird Politik gemacht, werden Medikamente produziert, Konsumgüter hergestellt.

Nur wartet bei uns für gewöhnlich nicht gleich das nächste Raubtier um die Ecke und ein starker Sturm wird uns hier in Deutschland auch nicht aus den Angeln heben. Die Angst hat sich also auf Dinge umgemünzt, die uns nur vermeintlich heimsuchen. Es ist die Angst etwas zu verpassen, irgendwo nicht dazu zu passen, irgendwas herzugeben, etwas oder jemanden zu verlieren, zu akzeptieren, dass eben auch mal was schlecht läuft. Aber warum haben wir davor so eine Scheißangst? Was wäre jeweils der Worst-Case?

Der Angst ins Gesicht schauen

Für uns geht es doch nicht mehr ums nackte Überleben. Ich lasse mal einen Freundestreff ausfallen. Werden meine Freunde mich dann für immer verbannen? Nein. Falls eure das tun, solltet ihr euch schleunigst nach neuen umschauen. Ich tauche auf zwei Partys hintereinander mit demselben Outfit auf – das könnte jemand belustigend finden oder sowas von No-Go. Was passiert dann? Nichts. Es wird nichts daran verändern, wer ich bin.

Was könnten wir also tun, anstatt uns ständig von unterschwelliger Angst leiten zu lassen? Wir müssten etwas verändern. An uns. Wir Gen Y-ler müssten eine riesige Gruppentherapie machen. Ich glaube, es würde sich lohnen.

Denn ich habe das Gefühl, dass wir schon mittendrin sind im Veränderungsprozess. Wir müssen nur noch weitergehen. Der Angst ins Gesicht schauen. Mal auf den netten Post verzichten, sondern ernsthaft mit den Mädels besprechen, was letzte Nacht los war. Mal eine Verabredung absagen, wenn meine Couch heute die bessere Unterhaltung ist. Mal eine Woche eben nur mit Handgepäck verreisen. Was werden wir dann sehen? Vielleicht irgendwann das, was echt ist.

Und alles andere brauchen wir dann auch nicht mehr. Uns würden dann vielleicht zwei Paar Jeans reichen. Eine sauber. Eine zum wieder Saubermachen. Und anstelle der Angst würde Zufriedenheit treten. Oder auch manchmal ein bisschen Leck-mich-am-Arsch.

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