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"Mirror, Mirror: Wen siehst du?": Cara Delevingne hat einen Roman geschrieben. Oder schreiben lassen. Oder so.

Cara Delevingne ist Model, Schauspielerin und Sängerin - in der Reihenfolge oder einer beliebigen anderen. Jetzt debütiert sie als Romanautorin. Unklar bleibt bloß, wie viele Sätze in dem Buch tatsächlich aus ihrer Feder stammen.

Mit ist das immer so eine Sache. Fraglos ist es nicht nur unter den Meistern ihrer Fächer weit verbreitet, in fremden Gefilden zu wildern: Es gibt Schauspieler, die singen, es gibt Autoren, die schauspielern, es gibt Musiker, die schreiben. Und manche versuchen sich sogar an allem gleichzeitig.

Ist das noch vielseitige Begabung oder schon Bauchladen-Aktionismus? Trauen sich diese Künstler womöglich ein bisschen zu viel zu? Keine Frage, so mancher Schuster sollte lieber bei seinem Leisten bleiben. Kein Mensch braucht schließlich irgendwelche jung gebliebenen deutschen Schauspiel-Schluffis, die plötzlich einen auf Rocker machen.

Cara Delevingne: Von Selbstüberschätzung keine Spur

Oder doch? Wie auch immer - für gilt das alles bisher sowieso nicht, auch wenn ihr Portfolio auf den ersten Blick fast zu überwältigend scheint: Sie spielte in Filmen wie "Suicide Squad" oder "Margos Spuren" mit, sie kann singen, Gitarre und Schlagzeilen spielen, sie hat bereits Mode-Kollektionen entworfen.

Delevingne gelingen diese Dinge stets mindestens überzeugend, von Selbstüberschätzung keine Spur. Aber jetzt hat die immer noch erst 25-Jährige auch noch ein Buch geschrieben, oder besser: ein Buch unter ihrem zugkräftigen Namen veröffentlicht. Und da hört es irgendwie auf. Nicht unbedingt, weil "Mirror, Mirror: Wen siehst du?" schlecht geworden ist (ist es nicht, aber das hat Gründe, siehe weiter unten). Sondern weil es nach Etikettenschwindel riecht.

Ein Etikettenschwindel, der weit verbreitet ist: Es gibt unzählige Prominente, die glauben, zu irgendeinem Karrierezeitpunkt ihre geballte Weisheit zwischen zwei Buchdeckel pressen zu müssen - manchmal handeln die Schmöker dann von einem skurrilen Hobby (z. B. Angeln, Affen, Waffen), meistens vom eigenen ach-so-prallen Erfahrungsschatz, im schlimmsten Fall von der politischen Weltsicht.

Im Normalfall schlägt dann die Stunde der Ghostwriter, die aus den gesammelten Gedanken ihrer prominenten Klienten gerade Sätze formulieren - und fertig ist der Bestseller. Bei Sachbüchern jeglicher Couleur ist das ein akzeptabler Vorgang. Bei einem Roman wie dem von Delevingne wird es dagegen ein bisschen albern, weil es auf Nuancen ankommt, auf jedes Wort und wie es gesetzt wird, auch auf Pausen und Zwischentöne. In "Mirror, Mirror" weiß der Leser nie, ob diese literarischen Feinheiten nun das Werk von Delevingne oder ihrer auf dem Cover ebenfalls genannten Co-Autorin Rowan Coleman zurückzuführen sind.

Das Romandebüt als "Kneif-mich"-Moment

Coleman ist erfolgreiche Autorin von Frauenromanen ("Einfach unvergesslich"), ihre Expertise und Delevingnes PR-Power ergänzen sich zum feuchten Traum jedes Publikumsverlages. Man muss sich das wahrscheinlich ungefähr so vorstellen, als würde Daniel Brühl zu Clueso sagen: "Clueso, ich möchte mich als Popstar versuchen und ein Solo-Album veröffentlichen. Die Musik soll eingängig und ein bisschen melancholisch klingen, und die Lieder sollen von der Liebe handeln." Und Clueso würde sich daraufhin im Studio einschließen und das Album für Brühl aufnehmen.

Das Produkt von Delevingne/Coleman lässt sich charmant als Coming-of-Age-Story vermarkten und wird besonders unter weiblichen Jugendlichen viele Leserinnen finden. Das ist auch der Grund, warum "Mirror, Mirror" trotz Etikettenschwindels seine Daseinsberechtigung hat: Diese Jugendlichen haben sich in Delevingne ganz sicher nicht das schlechteste Vorbild ausgesucht. Ein Multitalent ist sie auch ohne Buch schon gewesen, ein "Künstler-Chamäleon" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") und eine beeindruckende Frau, die sich nicht scheut, auch zu schwierigen Themen öffentlich Position zu beziehen. Und überhaupt: Vielleicht ist es einfach nicht mehr zeitgemäß, sich bloß auf ein Talent zu konzentrieren. Schließlich gab es noch nie so viele Künstler, die alles ein bisschen beherrschen, aber nichts richtig.

Am Ende des Tages muss ein Buch aber wie jedes andere Buch behandelt werden: Wie lassen sich also die schriftstellerischen Qualitäten der Delevingne abschließend bewerten? Nun, sie schreibt leidenschaftlich, jede Zeile ist von mitreißender Begeisterungsfähigkeit. Punkt. 

Mehr gibt es nicht zu sagen zu den einzigen Texten, bei denen man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen kann, dass sie von Delevingne persönlich verfasst wurden: Der Danksagung am Ende der gut 360 Seiten von "Mirror, Mirror" und den jubelnden Instagram-Posts, mit denen sie ihr Buch als "Kneif-mich"-Moment verkauft.

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