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Vermeintlicher Glaubenskonflikt: Ich führe Abtreibungen durch, gerade weil ich Christin bin

Unsere Autorin arbeitet als Gynäkologin in den USA. Zu ihrem täglichen Job gehört es, Abtreibungen durchzuführen. Nicht trotz, sondern wegen ihres christlichen Glaubens möchte sie dies gern auch weiterhin tun.

Von Refinery29-Autorin Dr. Sarah Wallett

Ich führe Abtreibungen durch, gerade weil ich Christin bin

"Ich wurde Gynäkologin und wusste, dass Abtreibungen ein integraler Teil dessen waren, was Frauen von mir benötigten und bekommen werden."

Ich bin eine Frau, Gynäkologin, Mutter – und ich führe Abtreibungen durch. Es beeinflusst meinen Alltag und meinen Werdegang, weil ich glaube, dass es das Wichtigste ist, was ich jemals getan haben werde.

Ich bin sehr bewusst zu dieser Arbeit gekommen. Ich ging zur Uni und wusste, ich wollte Ärztin werden. Ich studierte Medizin mit dem Wissen, dass ich Frauen helfen wollte. Ich wurde Gynäkologin und wusste, dass Abtreibungen ein integraler Teil dessen waren, was Frauen von mir benötigten und bekommen werden.

Ich bin in einem christlichen Haushalt in South Carolina aufgewachsen. Meine Familie ging regelmäßig zur Kirche, betete vor jeder Mahlzeit und mir wurde beigebracht, dass es meine Pflicht war, Menschen in Not zu helfen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Patientinnen, die ich tagtäglich sehe, sind Menschen in Not. Die medizinische Hilfe, die ich biete, ist in vielen Fällen sogar lebensrettend.

Mein Glaube sagt mir, dass ich nicht verurteilen soll

Das Mitgefühl und die Empathie, die mich mein christlicher Glaube gelehrt hat, sind fundamental für meine Arbeit. Viel zu oft sind die Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, einem anhaltenden Stigma ausgesetzt – ich sehe das jeden Tag. Allein der Gang in eine Klinik ist für viele Frauen eine emotionale Bürde. Eine Patientin, die bereits Mutter vierer Kinder ist, konnte einfach nicht aufhören mir zu erklären, warum sie eine Abtreibung durchführen lassen wollte. Sie hatte das Gefühl, sie müsse sich mir gegenüber rechtfertigen. Sie sagte immer wieder, dass sie bereits eine große Familie und finanzielle Sorgen hatte, dass ihre Schwangerschaften risikoreich waren, und dass ihr Partner ihr zustimmte – sie sagte mir alles, um sicher zu gehen, dass ich ihr Leben und ihre Situation verstehen konnte. Selbst vor der Frau, die Abtreibungen durchführt, empfand sie also den Drang, ihre Entscheidung zu rechtfertigen.

Leider kommt das sehr häufig vor. Unzählige Frauen fragen mich, ob ich sie für eine böse Person halte, weil sie, aus welchen Gründen auch immer, einen völlig legalen Eingriff in Anspruch nehmen.

Das Paradoxe: Mein Glaube ist es, der mir sagt, ich soll nicht verurteilen und jedem Akzeptanz entgegenbringen. Es ist meine Pflicht als Ärztin und als gläubige Person ihnen wenigstens ein Gegengewicht zu all der Scham zu bieten, die sie in diesem Moment sowieso schon empfinden.

Wenn Scham und Stigma Frauen in die Isolation treiben, ist Unterstützung umso wichtiger. Die Entscheidung einer Frau, den Weg zu gehen, der für sie und ihre Familie der richtige ist, führt zu oft zu Verurteilung – und in kirchlichen Kreisen auch nicht selten zur Entfremdung von der Gemeinde. Viele junge Frauen kommen auch alleine, ohne Familie, ohne Freunde. Immer wieder höre ich, dass eine Patientin erst die Uni abschließen und dann Mutter werden wollte. Und doch finden diese Frauen niemanden, der sie in ihrer Entscheidung unterstützt. Stattdessen wird oft versucht, sie von der Fortsetzung ihrer Schwangerschaft zu überzeugen.

Obwohl ich das eigentlich nicht vergleichen möchte, ist die Arbeit als Abtreibungsanbieterin ebenso mit einem gewissen Stigma belastet und wir reden nur selten mit Freude über unsere Arbeit. Vor allem in strengeren religiösen Kreisen wird man eher geächtet, zeitweise erhält man sogar Drohungen. Ich fühle mich oft selbst unter Medizinerinnen unwohl, da Abtreibungen häufig nicht als so ehrenwert betrachtet werden, wie beispielsweise die Tätigkeiten eines Notfallarztes oder einer Notfallärztin. Während meiner Ausbildung fragte mich einer meiner Mentoren, den ich bis dahin sehr respektiert hatte, warum ich meine Zeit mit Abtreibungen verschwenden wollte, wenn ich doch viel wichtigere Arbeit leisten könnte.

Nicht nur die rechtliche Lage besorgt mich

Von meiner ursprünglichen Glaubensgemeinde habe ich mich mittlerweile distanziert, weil ich mich nicht akzeptiert fühle. Und auch rechtlich wird es einem, vor allem hier in den USA, nicht einfach gemacht. Ich muss aktuell diverse Auflagen erfüllen, angefangen bei einer bestimmten Entfernung meiner Praxis zum nächsten Krankenhaus, bis hin zu spezifischen Lizenzen, die ich jährlich beantragen muss. Dabei erleiden Frauen in den USA nicht einmal besonders häufig Verletzungen während einer Abtreibung – wenn sie denn ordnungsgemäß durchgeführt wird.

Tatsächlich treten bei Frauen beispielsweise häufiger Komplikationen bei der Entfernung ihrer Weisheitszähne auf, als bei einer Abtreibung, so eine Studie aus dem Jahr 2015. Ich bin durch meinen Bundesstaat verpflichtet meinen Patientinnen Infomaterial zur Verfügung zu stellen, das irreführend ist und nur darauf ausgelegt ist, sie daran zu hindern, eine wohl überlegte Abtreibung durchführen zu lassen. Meine Patientinnen müssen zweimal innerhalb von 48 Stunden persönlich in der Praxis vorsprechen, um die medizinische Behandlung zu bekommen, die sie wünschen. Diese Gesetze tragen nicht im Geringsten dazu bei, meine Patientinnen zu schützen. Verschiedene Studien zeigen, dass diese Gesetze tatsächlich genau denselben Frauen schaden, denen sie angeblich nützen sollen.

So wie ich den aktuellen Verlauf in den USA beobachte, bin ich nicht nur besorgt wegen der rechtlichen Lage. Auch das gesellschaftliche Stigma wird perpetuiert und aufrechterhalten. Ich habe mich dafür entschieden, Abtreibungen anzubieten. Aber niemand beschließt bewusst, im Leben einmal die Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung treffen zu müssen. Viele meiner Patientinnen sind ebenfalls streng gläubig und ich hoffe, dass ihnen im Leben Akzeptanz, Trost und Verständnis entgegen gebracht wird. Ich werde weiterhin alles tun, was in meiner Macht steht, um ihnen dies mitzugeben.

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