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Kampf gegen die Krankheit: Krebs-Diagnose mit 29: "Wenn es jemand schaffen kann, dann ich"

Ludwig ist 29 und will gerade durchstarten: Studium fertig, Einstieg in den Beruf, mit der Freundin zusammenziehen. Dann erkrankt er plötzlich an Krebs. Uns hat er erzählt, wie er die Krankheit besiegte und was er daraus gelernt hat.

Protokoll: Eugen Epp

Patient bei der Chemotherapie

Patient bei der Chemotherapie (Symbolbild)

Meine wusste es als Erste. Von ihr hörte ich zum ersten Mal dieses Wort, das mein Leben zumindest für einige Zeit verändern sollte: Lymphdrüsenkrebs. Es war im vergangenen Jahr kurz vor Weihnachten, wir saßen gemütlich mit der Familie zusammen und freuten uns auf die Festtage. Meine Mutter ist vom Fach, eine erfahrene Internistin – und sie wusste, wie man die Ereignisse der vorangegangenen Tage deuten musste.

Knapp zwei Wochen vorher hatte ich zum ersten Mal einen Knubbel an meinem Hals bemerkt, von außen nicht zu sehen, nur zu fühlen. Als der nicht verschwand, war ich zum Arzt gegangen. Als bei einer der Untersuchungen einer der Ärzte dann mehrere seiner Kollegen hinzurief und nach eingehender Beratung ernst zu mir sagte: "Es sieht nicht gut aus" – da wusste ich, dass etwas nicht stimmte.

Bald ist Weihnachten – und ich habe Krebs

Und dann also dieses Wort, . Am 23. Dezember bekam ich die offizielle Diagnose, Schwarz auf Weiß. Morgen ist Weihnachten, die Kerzen leuchten – und ich habe Krebs, mit 29 Jahren. Gerade war ich mit meinem Theologiestudium fertig geworden, ich hatte die Zusage für meinen Vikariatsplatz auf dem Tisch liegen, wollte mit meiner Freundin zusammenziehen. Ein Wort brachte alles durcheinander. Das machte mich wütend.

Durch meine Mutter war ich immerhin vorbereitet, trotzdem fehlten mir im Büro des Arztes zunächst die Worte. Dann die Fragen: Ist das ansteckend? Kann ich in einer WG leben? Darf ich trinken? Und: Wie gefährlich ist das?

Eine Krankheit, die man nicht spürt

Ich wusste natürlich, dass es Krebs gibt. Aber ich wusste weder, was das heißt, noch wie es weitergeht. Es war absurd: Ich litt an einer Krankheit, die ich nicht spürte, keine Schmerzen, keine äußerlichen Veränderungen. Ich war wie im Tunnel. Meine Eltern, vor allem meine Mutter, und meine Freundin sorgten dafür, dass das Leben weitergeht. Heute bin ich froh, dass damals andere Menschen Sachen für mich entschieden haben.

Ich bin Grundoptimist. Für mich selbst legte ich fest: Ich will da durch. Wenn ich heute sterbe, will ich zufrieden sein – das ist mein tägliches Lebensmotto. In jenen Momenten galt es besonders. Die Heilungschancen stehen für junge Männer mit meiner körperlichen Verfassung gut, da die Krankheit früh erkannt wurde. Ich wusste: Wenn es jemand schaffen kann, dann ich. Ich bringe sozial, körperlich und psychisch die optimalen Voraussetzungen mit. Aber es wird ein Kampf.

Chemotherapie – jedesmal wie ausgekotzt

Das Entscheidende ist: nicht alleine sein. Ohne Familie, ohne Partnerin, ohne Freunde wäre es hart, fast unmöglich. Einige Wochen nach der Diagnose begann die Chemotherapie. Du fährst im Taxi zum Krankenhaus, wartest zwei bis drei Stunden, die Menschen um dich herum sehen aus wie Krebspatienten: keine Haare, Mundschutz, aber auch keine Friedhofsstimmung. Dann liegst du anderthalb Stunden lang auf der Liege, angeschlossen an einen Medikamentenbeutel. Danach fühlst du dich jedesmal wie ausgekotzt. 

Du kannst nichts essen, du willst nur liegen, dein Körper grummelt nur noch. Du hast keinen Hunger und musst trotzdem essen – und vor allem viel trinken. Fünf Tage lang geht das so. Meine Freundin musste für mich einkaufen, kochen und putzen. Wir waren schneller als geplant zusammengezogen, in meiner WG, von Hause aus ein einziges Bazillenparadies, konnte ich mit meinem geschwächten Immunsystem nicht weiter wohnen. Aber ich wusste: Jetzt wird der Scheißkrebs endlich in seine Schranken gewiesen.

Das Leben geht weiter

Alle 14 Tage musste ich zur Chemo, insgesamt viermal. Dazwischen geht das Leben erstaunlich normal weiter. "Nehmen Sie sich im nächsten Jahr nichts vor", hatte mir die Ärztin vor der Therapie noch gesagt. Ich aber konnte zwischen den Sitzungen zumindest acht Stunden in der Woche arbeiten und ab und zu sogar meine Fußball-B-Jugend trainieren.

Ich habe nie gemerkt, dass ich schwerkrank bin. Nur die Haare wurden bei jedem Waschen weniger, das ist äußerlich sichtbar. Meistens konnte ich mich gut ablenken, auch in meinem Freundeskreis war das nicht das wichtigste Thema. "Dir sieht man den Krebs gar nicht an", war die häufigste Reaktion. Für mich standen nie die Emotionen im Vordergrund, sondern die Abläufe: Was muss ich machen, um gesund zu werden?

Das erste Mal weinen

Dass ich diese Zeit so gut überstanden habe, habe ich vielen Menschen zu verdanken, die mich unterstützt haben – und nicht zuletzt meinem Glauben an Gott. Ich habe Zeit verloren, aber daran mache ich einen Haken. Und es hat mir geholfen, dass andere Menschen damit oft ebenso nüchtern umgegangen sind. Alles andere hätte niemanden weitergebracht.

Nach der Chemotherapie kam die Bestrahlung. Millimetergenau wird der Krebs bestrahlt. Außer etwas Schlappheit und Müdigkeit spürte ich keine weiteren Nebenwirkungen. Ich merkte, wie es voranging. Doch dann kamen die Symptome wieder zurück, die vor mehr als einem halben Jahr zur Diagnose geführt hatten: Nachtschweiß, Müdigkeit, meine OP-Wunde schmerzt. Und damit die bange Frage: War der Krebs doch stärker?

Drei Monate nach dem Ende der Bestrahlung sollte ich die Antwort erfahren. Rundumcheck bei der Onkologin, der entscheidende Showdown. Sie kam ins Zimmer und sagte: "Ich will Sie nicht lange auf die Folter spannen: Sie haben den Krebs besiegt." Saugeil. Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal in all den Monaten wirklich geweint habe.

Nichts ist selbstverständlich

Was hat sich für mich verändert? Eigentlich nicht viel. Der Krebs ist durch, jetzt darf ich weitermachen. Bis heute ist unklar, wo der Krebs herkam, viel ändern muss ich nicht. Ich soll Sport machen, mich gesund ernähren, viel trinken, viel draußen sein – aber das gilt ja auch für alle anderen. 

Was ich gelernt habe: einen realistischen Blick auf das Leben und eine neue Tiefe im Alltag. Wir können alles und schaffen alles, wir bestimmen, was passiert – dieser Optimismus unserer Generation ist naiv. Auch für mich war Krebs immer etwas, das anderen passiert. Aber das "Deutschland, in dem wir gut und sicher leben" ist nur die halbe Wahrheit. Meine Krankheit hat mir gezeigt, dass nichts selbstverständlich ist, alles kann jederzeit zusammenbrechen.

Dann ist es gut, vorbereitet zu sein. Erst in solchen Situationen zeigt sich, was wirklich trägt. Wo echte Beziehungen da sind, wirkliche Freunde, echte Liebe. Man kann in den guten Zeiten für die schlechten vorsorgen. Dann weiß man, an wen man sich wenden kann.


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