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Banksy-Hotel, Ernährung u. v. m.: Das steht in unserer August-Ausgabe

Wollen wir uns nur bewusst ernähren - oder sind wir alle längst essgestört? | So schläft es sich im Banksy-Hotel in Bethlehem | Wie behält man die Eltern des Ex in seinem Leben? | In Myanmar macht die Kirche Jagd auf Junkies u. v. m.

August Ausgabe Cover

EDITORIAL

Manchmal verstand ich mich mit den Jungs von der Kirche einfach gut. Kaum zu glauben, wenn man weiß, was sie tun.

Seit zwei Jahren lebe ich in Myanmar, für Recherchen reise ich oft durch das Land. Besonders verstört haben mich aber die Eindrücke im Norden . Hier, in der Region Kachin, sperren Vertreter der Kirche Drogensüchtige in Bibel- Camps, um sie mit kaltem Entzug, Züchtigungen und dem Wort Gottes zu bekehren.

In dem Camp erlebte ich, wie sie demütigten und misshandelten. Dann wieder erschienen sie wie harmlose Jungs, etwa als sie als freiwillige Sicherheitsleute auf einer Hochzeit im Einsatz waren (Bild oben). Da unterhielten wir uns, machten Witze.

Während sonst ich die Fragen stellte, wollten sie irgendwann, dass ich in einer Andacht auch ihre beantworte: zur Drogenszene in Berlin, wieso zum Teufel ich freiwillig nach Myanmar gezogen sei und was meine Meinung zu den Bibel- Camps sei, zu denen ich schon seit fast fünf Wochen recherchierte. Gerade auf diese Frage fiel mir die Antwort schwer. Ebenso wie auf die meiner Übersetzerin. Einmal brauste ich mit ihr auf dem Roller durch die Nacht. Der Himmel war sternenklar, als sie mich unvermittelt fragte, ob ich glaubte, dass die Apokalypse nahe sei. Ich war mir gar nicht mehr so sicher.

Wir hatten den Tag auf einer Konferenz der Kirche verbracht und Vorträge dazu gehört, wie man mit Süchtigen umgeht. Misshandlungen wurden ganz offen gerechtfertigt – die Kirchenleute kennen keinen anderen Weg. In Kachin hatte ich immer noch niemanden gefunden, der die Aktionen der Kirche so verstörend fand wie ich. Nach Myanmar bin ich gezogen, um mich irritieren zu lassen. Doch was ich in Kachin erlebte, ließ mich nachts immer wieder wach liegen. Ich war ratlos.

Ein paar Wochen später erfuhr ich, dass in einem der Bibel- Camps ein Süchtiger gestorben war. Der Camp-Boss sitzt dafür nun im Knast. Endlich ergab in meinem Kopf alles wieder Sinn. Zumindest für einen kurzen Moment. 

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