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Spenden und Zivilcourage: Man kann weiter Gutes tun – auch nach Weihnachten

In den Wochen vor Weihnachten wurde wieder einmal kräftig gespendet und sich sozial engagiert. Wollten wir damit nur unser Gewissen fürs Fest beruhigen? Hoffentlich nicht, denn die Probleme bleiben auch, wenn der Tannenbaum wieder weg ist.

Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Hautfarbe legen ihre Hände übereinander

Sozialer Zusammenhalt ist wichtig – rund ums Jahr

Jedes Jahr im Dezember entdeckt Deutschland seine soziale Seite. Fast ein Viertel aller privaten Spenden wurden 2016 im letzten Monat des Jahres getätigt, hat der Deutsche Spendenrat mitgeteilt. Wenn Weihnachten vor der Tür steht, sind wir plötzlich bereit, etwas abzugeben, uns sozial zu engagieren und auf die zu schauen, denen es nicht so gut geht wie uns. Das war – auch wenn die Statistiken noch nicht vorliegen – 2017 auch nicht anders.

Überall wurden Benefizaktionen gestartet, Spendenmarathons, wie auch immer man es nannte. Der Obdachlose am Straßenrand bekam auch mal wieder einen Euro. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: "Ist ja bald Weihnachten." Auch wir Journalisten machen uns in den letzten Wochen vor dem Weihnachtsurlaub besonders gern auf die Suche nach den schönen, rührenden Geschichten.

An Weihnachten helfen – und sonst nicht?

Das alles ist überaus lobenswert – gut, dass es diese Solidarität in den Tagen vor dem Fest gibt. Aber mal ehrlich: Warum eigentlich gerade dann – und nur dann? Obdachlose haben es im Winter zwar tatsächlich besonders schwer, aber auch zu allen anderen Jahreszeiten ist ihr Leben kein Zuckerschlecken. Einige Bundesländer haben über die Feiertage die Abschiebungen ausgesetzt – das sei ein "Gebot der Weihnachtszeit" gegenüber den Flüchtlingen, sagte der thüringische Migrationsminister Dieter Lauinger (Grüne). Da stellt sich die Frage, ob Afghanistan sicherer ist, wenn in Deutschland gerade nicht gefeiert wird.

Kann es sein, dass unsere Spendenbereitschaft und Harmoniebedürftigkeit in der Adventszeit nur eine kleine Beruhigungspille für unser soziales Gewissen ist? Dass wir uns so besser fühlen können, während wir uns in einer warmen Stube mit Freunden und Familie tagelang von einem Fresskoma ins andere fallen, und andere alleine hungern und frieren? Ein kleines Feigenblatt, das dann die elf Monate rund um den Advent halten muss?

Wie ernst es uns wirklich ist, zeigt sich im Rest des Jahres – und der beginnt jetzt, da die Tannenbäume sukzessive wieder aus den Wohnzimmern verschwinden. Natürlich hilft jede Unterstützung, egal zu welcher Zeit. Die Probleme aber verschwinden nicht, sie scheren sich nicht um den Kalender und irgendwelche Feiertage.

Das kleine und große Leid in unserem Umfeld

Eigentlich müssten wir uns doch das ganze Jahr lang ärgern über sinnlose Kriege, hungernde Kinder, sterbende Zivilisten, über Umweltverschmutzung, Menschenhandel, Sklaverei und Zwangsprostitution in aller Welt. Und wenn wir damit fertig wären, müssten wir gleich wieder wütend werden über Altersarmut, vernachlässigte Kinder, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland, darüber, dass es in unserem reichen Land Menschen gibt, die offensichtlich durch das soziale Netz fallen. Und uns fragen: Wie können wir das ändern? Oder doch zumindest: Wie können wir helfen?

Mag sein, dass die Antwort auf diese Frage mitunter ernüchternd ausfällt. Viele Probleme auf dem Planeten können wir nicht lösen, sie sind Aufgabe von Politik und Wirtschaft. Bei manchen können wir helfen, mit unseren begrenzten Mitteln die Ursachen zu bekämpfen oder die Folgen zu lindern. Und bei anderen, in unserer direkten Umgebung, liegt es an uns, das kleine und große Leid in unserem Umfeld zu sehen und anzugehen. Der Obdachlose neben dem Supermarkt wird auch morgen noch dort sitzen. Und Oma freut sich auch über Besuch, wenn es keinen Braten und keine Geschenke gibt.

Was an Weihnachten richtig ist, kann den Rest des Jahres ja nicht falsch sein.


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