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Praxis ohne Grenzen: Dieser Arzt behandelt jeden - außer Menschen mit Krankenversicherung

Er ist fast 80, eigentlich längst im Ruhestand und erhält keinen Cent für seine Arbeit. Peter Ostendorf kümmert sich mit einem Team ehrenamtlicher Ärzte um Menschen, die vom Staat alleingelassen werden: Kranke ohne Krankenversicherung.

Mathias Harnak steuert mit seinem Leben auf einen Abgrund zu. Er ist 36 Jahre alt, hat seine Arbeit verloren, seine und seine Zuversicht. Er lässt sich gehen, ist depressiv und droht, in die Obdachlosigkeit abzurutschen. Hartz IV möchte der ehemalige Vertreter nicht annehmen und wenn er ins Jobcenter geht, macht das seine Hoffnungslosigkeit nur noch größer. Denn Harnaks halber Oberkiefer ist völlig zahnlos. "Ohne diese Zähne können wir sie in ihrem ehemaligen Beruf als Vertreter nirgendwo einsetzen", sagt ihm sein Sachbearbeiter.

Auf der Suche nach Hilfe landet Harnak in der Praxis ohne Grenzen. In der im Kellergeschoss eines Pflegeheimes im Hamburger Stadtteil Horn können sich Menschen, die nicht krankenversichert sind, kostenlos medizinisch versorgen lassen. Insgesamt 45 Ärzte kümmern sich im Wechsel einmal wöchentlich ehrenamtlich um die Patienten, dazu Krankenschwestern, Dolmetscher und eine Sozialberaterin. Acht Fachbereiche sind vertreten, von Augenheilkunde über Gynäkologie bis zur Zahnmedizin. Auch Harnak findet hier Unterstützung. Die Zahnärzte der Praxis nehmen sich seiner an und sorgen dafür, dass der 36-Jährige ein Gebiss bekommt - und damit die Chance auf eine bessere Zukunft.

Herr Professor Doktor Peter Ostendorf in einem Behandlungszimmer der Praxis ohne Grenzen

"Keine armen Geräte für arme Leute": Professor Doktor Peter Ostendorf in einem der modernen Behandlungszimmer der Praxis ohne Grenzen für Menschen ohne Krankenversicherung


Praxis ohne Grenzen lebt von Spendern und Sponsoren

Mathias Harnak heißt nicht wirklich so. Aber sein Schicksal ist echt und es ist beispielhaft für die Schicksale vieler Patienten, die in der Praxis ohne Grenzen behandelt werden. Zu verdanken haben sie diese Behandlung Professor Dr. Peter Ostendorf. Der ehemalige Chefarzt des Hamburger Marienkrankenhauses hat die vom norddeutschen Praxis-ohne-Grenzen-Netzwerk inspirierte Ambulanz für Unversicherte vor drei Jahren ins Leben gerufen, damals noch in drei Räumen, die ihm das Seniorenheim Pflegen & Wohnen kostenlos zur Verfügung stellte.

"Ich hatte die erste Idee zu der Praxis im Oktober 2013", erzählt Ostendorf mit ruhiger, warmer Stimme, während er durch die mittlerweile auf mehr als 300 Quadratmeter angewachsene Ambulanz führt. "Dann habe ich sechs Monate gebraucht, um das ganze zu planen und einen Verein zu gründen." Dieser sei extrem wichtig, erklärt der Mediziner, denn nur ein gemeinnütziger Verein dürfe Spendengelder sammeln und Spendenbescheinigungen ausstellen. "Der Hamburger spendet gerne", sagt Ostendorf. "Aber er will dafür eine Spendenbescheinigung."

"Der Stadt sag ich immer: 'Wir befrieden auch'"

Und ohne Spenden geht gar nichts in der Praxis ohne Grenzen. Ihre Finanzierung erfolgt ausschließlich durch Sponsoren und private Geldgeber, staatliche Unterstützung gibt es nicht. Dabei müsste der Staat größtes Interesse daran haben, dass Einrichtungen wie die von Ostendorf reibungslos funktionieren. "Der Stadt sag ich immer: 'Wir befrieden auch'", erzählt der Professor und veranschaulicht anhand eines praktischen Beispiels, was er damit meint:

"Wir haben viele Schwangere, die eine Vorsorgeuntersuchung bekommen. Wenn das nicht der Fall wäre, würden diese Frauen im Krankenhaus aufschlagen, in den Endwehen. Sie kämen dann vielleicht nachts um 12 Uhr an und der junge Assistent würde fragen:

'Was wollen Sie denn hier? Haben Sie denn einen Mutterpass?'

'Nein.'

'Haben Sie eine Blutgruppe?'

'Nein.'

'Haben Sie eine Rhesusfaktorbestimmung?'

'Nein.'

'Sind Sie -positiv?'

'Weiß ich nicht.'

Und dann gehen die Wehen los. Und dann soll der arme Junge die richtigen Maßnahmen treffen."

Wenn solche Notsituationen sich häuften und die Familien das Gefühl hätten, sie würden im Stich gelassen, bestünde die Gefahr, dass die jungen Väter auf die Barrikaden gingen, befürchtet Ostendorf. "Also machen wir auch eine Befriedung dieser Gruppen hier, dass wir gar nicht so viel Unruhe durch sie bekommen. Das müsst ihr auch mal ein bisschen mitberücksichtigen, sage ich der Politik immer."

Kaum Veränderungen durch den Flüchtlingszuzug

Die Gruppen, die in der Ambulanz ärztliche Hilfe suchen, das sind zu etwa 40 Prozent Schwarzafrikaner, 40 Prozent osteuropäische EU-Bürger, außerdem Russen und Südamerikaner und fünf bis zehn Prozent deutsche Unversicherte, wie Ostendorf berichtet. Der vermehrte Flüchtlingszuzug habe die Zusammensetzung kaum verändert. Abgewiesen werde niemand, auch Betrunkene oder Drogenkonsumenten nicht. "Nein, nein, nein, wir weisen keinen ab", versichert der Professor. "Das ist das Schöne, dass wir das alles nicht machen müssen. Wenn wir Obdachlose haben, die wirklich zum Teil geruchsmäßig schwer zu ertragen sind, dann müssen die bis zum Ende der Sprechstunde im Flur warten. Das tun die dann aber auch gern."

Dass die kostenlose medizinische Versorgung ausgenutzt wird, glaubt Ostendorf nicht. Jeder werde gefragt, ob er krankenversichert sei, auch wenn die Angaben nicht überprüft würden. "Kürzlich war eine Dame hier, die sagte: 'Ja, bin versichert', erzählt der Mediziner. "Ich sagte: 'Dann können wir sie nicht behandeln.'" Dann habe er die Frau gefragt, warum sie denn gekommen sei? Ihre Antwort zaubert noch immer ein Lächeln auf sein Gesicht, als er sie wiedergibt: "Hier sollen so gute Ärzte sein."

Die Dame dürfte recht haben, denn die Praxis ohne Grenzen vereinigt deutlich mehr Berufserfahrung unter ihrem Dach als gewöhnliche Gesundheitszentren. Bis auf einen Kollegen seien alle 45 Ärzte älter als 65, erzählt Ostendorf. Er selbst ist 79 Jahre alt, wirkt dank seines vollen Haares und seiner Agilität aber jünger. Das führt er auch auf seine Tätigkeit zurück: "Ich wollte immer etwas haben, was nach vorne blicken lässt", sagt der Professor. "Ich glaube, das tut der Gesundheit gut und erhält die körperliche Spannung, die Immunspannung und die geistige Spannung. Man bleibt beweglich." Drei Stunden sitzt er jeden Tag in seinem kleinen Praxiszimmer, um Bestellungen abzuarbeiten, Operationen zu organisieren und Geld aufzutreiben.

Und jeden Mittwochnachmittag ist Sprechstunde.

Dann versammeln sich ab 14 Uhr bis zu 100 Patienten in der Ambulanz. In den Warteräumen und auf dem Flur breitet sich ein Klangteppich aus unterschiedlichsten Sprachen aus. Babys schreien, Kinder wuseln herum, die Luft riecht nach Parfüm, Schweiß, Haarwachs und Obdachlosigkeit. Die meisten Besucher harren geduldig aus, bis die Nummer, die sie gezogen haben, auf dem elektronischen Display erscheint oder ihr Name aufgerufen wird. Und für den seltenen Fall, dass doch jemandem der Geduldsfaden reißt, sitzt auf dem Flur ein Wachmann.

"Keine armen Geräte für arme Leute"

Wer schließlich an die Reihe kommt, den erwarten blitzsaubere, frisch möblierte Behandlungsräume mit bester medizinischer Ausrüstung. Es gibt Ultraschall-, EKG- und Lungenfunktionstestgeräte, einen kompletten Zahnarztraum mit kleinem Röntgenapparat, ein Kolposkop für gynäkologische Untersuchungen, einen Wehenschreiber und einen hochmodernen, schrankgroßen Sterilisator. "Das Ding kostet 27.000 Euro. Das haben die uns gespendet", sagt Ostendorf voller Dankbarkeit und zeigt auf ein Schild mit dem Namen des Wohltäters: Hamburger Spendenparlament - ein gemeinnütziger Verein, der seit mehr als zwanzig Jahren den Armen, Obdachlosen und Vereinsamten in hilft.

Großzügigster Geldgeber der Ambulanz aber ist ein wohlhabender Hamburger Bürger. Über seine gleichnamige Stiftung hat der frühere Bauunternehmer Reimund C. Reich, Jahrgang 1933, den gesamten Ausbau der Praxis in den Kellerräumen des Horner Pflegeheims finanziert. "Der hat sich spontan bei mir gemeldet", schildert Ostendorf den ersten Kontakt mit dem kinderlosen Witwer. "Und nach dem Gespräch von zwei Stunden sagt er: 'Wollen Sie 'n Haus oder wollen Sie 'ne Etage?' Und ich hab gesagt: 'Ne Etage reicht mir.' Und dann hat der hier 450.000 Euro reingesteckt."

Patienten in der Praxis ohne Grenzen für Menschen ohne Krankenversicherung in Hamburg-Horn

Warten auf Hilfe: Patienten in der Ambulanz für Unversicherte in Hamburg-Horn

"Keine armen Geräte für arme Leute", diese Devise hat Professor Ostendorf von Anfang an bei seinem Hilfsprojekt verfolgt. Und Dank der Sponsoren konnte er sie konsequent umsetzen. "Die Kollegen, die zu uns kommen und hier mitarbeiten, sagen: 'Das ist moderner als in unseren eigenen Praxen, die wir aufgegeben haben'", erzählt der 79-Jährige. Überhaupt seien die Arbeitsbedingungen in der Ambulanz für die Ärzte im Ruhestand so, wie sie es sich während ihrer aktiven Zeit erträumt hätten und "wie wir Mediziner uns das idealerweise vorstellen". "Wir brauchen nicht auf die Zeit zu achten", erklärt der Professor. "Wir machen die Untersuchungen, die nötig sind. Alle. Aber wir machen keine unnötigen, weil wir ja kein Geld verdienen müssen und auch kein Geld verdienen können."

Deutsche Patienten sind oft insolvente Selbstständige

3682 Patienten hat die Ambulanz auf diese Weise bereits in den ersten zehn Monaten dieses Jahres betreut. 2016 waren es etwa 2900 -im ganzen Jahr. "Das hat sich noch mal wieder wahnsinnig beschleunigt", sagt Ostendorf. Warum, weiß der Professor auch nicht. Natürlich werde die Praxis immer bekannter, aber es gebe wohl auch einfach mehr Unversicherte in Deutschland, vermutet er. Rund 80.000 waren es 2015 laut den alle vier Jahre vom Statistischen Bundesamt ermittelten Zahlen. Tatsächlich war die Tendenz bis dahin sogar rückläufig. So wurden 2011 noch 128.000 Menschen ohne Krankenversicherung registriert und 2007 sogar 196.000. Ein genauer Vergleich ist aber nicht möglich, da sich zwischenzeitlich sowohl die Gesetzeslage als auch die Erhebungsmethode verändert haben. Außerdem dürfte es eine sehr hohe Dunkelziffer geben, weil in der Statistik weder Obdachlose noch illegale Einwanderer berücksichtigt werden.

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Aber auch, wenn die Patientenzahl rasant wächst, fällt es nicht jedem leicht, die kostenlose Hilfe der Ambulanz in Anspruch zu nehmen. Vor allem Deutsche hätten oft große Scham zu überwinden und meldeten sich manchmal erst, wenn es wirklich nicht mehr anders ginge, schildert Ostendorf seine Beobachtungen. Viele von ihnen seien insolvente ehemalige Selbstständige. "Die waren ja mal privat versichert, in der Regel. Mittelstand, drei, vier, zehn, fünfzehn Angestellte", erzählt der Professor. "Plötzlich macht die Firma pleite. Und dann lassen die zunächst die Krankenkasse sausen. Feuerversicherung, Autoversicherung lassen sie noch weiterlaufen. Und nach 10 Jahren haben sie plötzlich eine schwere Erkrankung. Und dann kommen sie hierhin."

Nierentumor bei 45-Jährigem entdeckt

Die Krankheiten, mit denen die Ärzte in Horn bei ihrer Arbeit konfrontiert werden, sind so vielfältig wie ihre Patienten. Viele Schwarzafrikaner litten zum Beispiel an Bluthochdruck, erläutert Ostendorf, aber auch an Magen- und Darmproblemen. "Sie haben Infektionen, die wir hier weniger haben, die aber typische Tropenerkrankungen sind. Wir entdecken immer wieder sehr viele Hepatitis- und HIV-Träger." Patienten aus Osteuropa seien häufig mit selteneren Tuberkuloseerregern infiziert. Und bei schwangeren Frauen begegne man den typischen Schwangerschaftsproblemen - Blutungen, Wassereinlagerungen, Rückenschmerzen, Sodbrennen.

Aber auch Fälle von Krebserkrankungen treten immer wieder auf. "Jetzt haben wir gerade einen Nierentumor entdeckt bei einem 45-jährigen Patienten, der wusste nichts davon", erzählt Ostendorf. "Den haben wir zur Operation gebracht und dann ist ihm minimalinvasiv die halbe Niere rausgenommen worden mit dem Tumor und die andere Hälfte ist drinnen geblieben. So ist die moderne Medizin inzwischen. Röhrchenmethode. Minimalinvasiv." Gerade erst sei der Mann wieder in der Praxis gewesen, berichtet der Arzt. Da habe er ihn untersucht. "Alles sieht prächtig aus. Der ist wieder in Ordnung."

In Ordnung ist auch Mathias Harnak wieder. "Als er zu uns kam, war er sehr, sehr betrübt", erinnert sich Ostendorf. "Unsere Zahnärzte haben ihn dann wunderbar versorgt." Plötzlich habe der Patient wieder angefangen, sich zu waschen, aus seiner Umgebung Kleidung bekommen und sich wieder im Jobcenter vorgestellt. "Und jetzt fährt er als Vertreter in der Landschaft herum", schwärmt der Professor. "Mit 36 Jahren hat er die Kurve um 180 Grad gedreht und ist wieder auf dem Weg in ein normales, selbstbestimmtes Leben. Wunderbar!"

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