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Alle irre!: "So bin ich halt" - Ist es richtig, sich mit seinen Macken zu schmücken?

Spleens hat jeder. Neuerdings wird soziales Versagen aber als Besonderheit des eigenen Charakters zelebriert. Ist das die überfällige Umarmung von Schwächen oder bloß asoziales Verhalten?

Der bescheuertste Satz meiner Schulzeit, ich kann das mit dem Abstand all der Jahre mit Sicherheit behaupten: "Das ist halt mein Temperament."

Er stammte von meiner Klassenkameradin Veronica, die ihn immer dann schrieb oder sagte, wenn sie sich gerade mal wieder nicht im Griff gehabt hatte. Mit deinem Exfreund geknutscht? Tut mir echt leid, aber mein Temperament ist auf der Party so krass mit mir durchgegangen, ich konnte nicht widerstehen. Betrunken Geheimnisse ausgeplaudert und sich später nicht mal dafür entschuldigt? Du kennst doch mein Temperament, ich bin halt nicht so kontrolliert wie du. Eine Dreiviertelstunde zu spät gekommen? Sorry, aber ... Jaja, dein Temperament hat dich daran gehindert, dir die Haare schneller zu föhnen, schon klar.

Reiß dich am Riemen - Nicht jeder Spleen ist cool

Damals habe ich jedes Mal "Ja, doch, verstehe schon, was du meinst, aber is halt echt nicht so nett gewesen ..." gemurmelt und im nächsten Moment trotzdem klein beigegeben. Heute bin ich ein bisschen weiter (oder einfach genervter). Denn entgegen aller "Du musst in jedem Moment und unter allen Umständen immer ganz arg zu dir und deinen Bedürfnissen stehen"-Ideologie unserer Zeit finde ich das Unvermögen, sich am Riemen zu reißen, nicht okay. Und schon gar nicht cool oder irgendwie lässig. Möglicherweise höre ich mich an wie der letzte Spießer, aber es scheint ja wirklich erwähnenswert: Pünktlich zu sein, höflich zu sein, den anderen nicht nur mit seinen Problemen vollzulabern, auch mal was zu machen, auf das man keine Lust hat, auch mal was auszulassen, auf das man eigentlich gerade Lust hätte ist nicht Selbstverleugnung, sondern Sozialkompetenz.

Die Veronicas, scheint mir, haben sich in den vergangenen Jahren ganz gut eingerichtet in ihrem Dauerdefizit und sogar noch mehr. Dieses elende "Ich bin halt so" ist zur Generalentschuldigung einer Generation geworden, die auch behauptet "110 Prozent zu geben" , wenn sie einfach nur ein Uni-Referat vorbereitet, eine Runde joggt oder einen Catwalk in einer Castingshow hinunterstakst, und also Lob alleine dafür fordert, dass sie so tapfer existiert. "Ich bin halt so" als ob das irgendwas heißen würde. Als ob alle so irre besonders wären. Lebensziel Einhornwerdung, oder was?

Scheiße bleibt Scheiße, auch wenn sie aus dem Arsch eines Einhorns plumpst

Aus irgendeinem Grund ist es schick geworden, sich möglichst häufig sozial inkompatibel zu verhalten. Das Missverständnis, dass der, der aus der Reihe tanzt, das gewiss nur tut, weil er in einem anderen Lebensbereich ein ganz großes, bisher nur dummerweise verkanntes Genie ist, hat sich flächendeckend etabliert. Was zur Folge hat, dass der, der nett ist und sich Mühe gibt, zwar als angenehm, irgendwie aber auch ein bisschen als Depp wahrgenommen wird.

Nach meinen jüngsten "Ich hab in dieser Hinsicht eine Macke"/"Weißt ja, wie ich da ticke"/"Ich bin halt so"-Erfahrungen habe ich deshalb entschieden: Ist mir ab jetzt scheißegal. Ich möchte damit in Ruhe gelassen werden. Und wenn sich die Leute dafür ändern müssen: bitte sehr. Wer damit dann nicht einverstanden ist, weil er die Aufgabe seiner Sozialinkompetenz (oft eher: Inkontinenz) als Verlust seines schillerndsten Charaktermosaiks empfindet, möge einfach ohne mich ganz er selbst sein. Denn eines steht mal fest: Scheiße bleibt Scheiße, auch wenn sie aus dem Arsch eines Einhorns plumpst.

Man darf sich nicht in das Leben anderer einmischen, findet NEON-Redakteurin Lena Steeg, 33, macht es aber trotzdem. Willst du auch, dass Lena sich in dein Leben einmischt? Schreib ihr deine Frage an: alleirre@neon.de


Dieser Text ist in der Ausgabe 10/17 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android erschienen. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.

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