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Simon Kremer - Lost in Nahost: Sauerkraut im Handgepäck: Was man (als Deutscher) im Ausland braucht, um glücklich zu sein

Jeder, der länger im Ausland lebt, entwickelt irgendwann einen Spleen, um sich wohl zu fühlen. Die einen brauchen Schokolade, die anderen ein bestimmtes Waschpulver und Deutsche wie ich: Sauerkraut im Handgepäck und Butter im Koffer.

Von Simon Kremer, Tunis

Sauerkraut

Was man als Deutscher im Ausland schon mal vermisst: Sauerkraut

Picture Alliance

Die Regeln für Handgepäck im Flieger sind eigentlich recht einfach: Keine Waffen, Stricknadeln, Flüssigkeiten über 100 ml, Feuerwerkskörper, Schlittschuhe, Gels… "Und das Sauerkraut?" Ich gucke irritiert, als wir kurz vor der Handgepäckskontrolle stehen. "Können wir das eigentlich mitnehmen?" Meine Frau stellt kluge Fragen. Immerhin ist da Flüssigkeit mit dabei - in den sechs Paketen Sauerkraut im Handgepäck. Und das Spülmaschinenpulver ist schließlich auch chemisch. Also verboten? 

Käsegeruch im Handgepäck

"Der nächste!" Wir rücken vor. Meine Hand wird ein bisschen schwitzig. Nicht das Sauerkraut wegnehmen, bitte. Ich packe ein Paket nach dem anderen aus. Eine Tafel Rittersport Cornflakes. Noch eine. Noch eine. Das frische Kosakenbrot vom Bäcker. Das Paket Spülmaschinenpulver. Hinter mir packt ein Geschäftsmann seinen Laptop in den grauen Plastikkasten. Ich lächele den Sicherheitsbeamten ein bisschen debil an. "Was man halt so braucht…" Er lächelt wissend. "Ist ok." Wenn er wüsste, dass wir im aufgegebenen Koffer noch ein paar Pakete Butter haben, würde er uns vermutlich für komplett bescheuert erklären. 

Jeder, der längere Zeit im Ausland lebt, entwickelt irgendwann seinen Spleen, was er so braucht, um sich wohl zu fühlen und zumindest das Gefühl von Heimat und Kontrolle zu haben. Bei Deutschen immer ein Thema: frisches Brot vom Bäcker. Weil es natürlich nirgendwo auf der Welt so ein Brot gibt wie beim Bäcker um die Ecke. Damals, als man noch in Deutschland gelebt hat. Bei uns ist es Pflaumenmus - und Sauerkraut. Und Spülmaschinenpulver, weil die hiesigen Tabs nicht richtig sauber machen, bilden wir uns ein. Eine Bekannte aus Beirut meinte letztens: "Das Gute, wenn man mit Air France in Beirut landet, ist ja, dass man den Geruch des vor sich hin gammelnden Mülls in den Straßen wieder zu schätzen weiß. Bei dem ganzen Käsegeruch im Handgepäck."

Es ist ein echtes Wunder, was manche Menschen so alles in den Flieger bekommen. Letztens war uns ein Koffer abhandengekommen und ich musste ihn am Flughafen in Tunis am nächsten Tag suchen. Der Gang in die Aufbewahrungshalle mit all dem Gepäck ist ein Gang in die Geruchshölle. In den Regalen stapeln sich die verlorenen Koffer wie in einem Baumarkt. Jede Fluglinie hat ihren Gang. Man könnte hier für "Wetten, dass..?!" üben, wenn es die Sendung noch geben würde. "Simon K. aus Tunis wettet, dass er anhand des Geruchs die Fluglinie nennen kann, mit der der Koffer transportiert wurde."

Kinderwägen, Olivenölpfützen und Mangosud

Im Gang mit den verlorenen Koffern von Air France ist es leicht. Es riecht nach Käse - würzig, durchdringend. Ein bisschen schimmelig. Manche Koffer liegen hier bestimmt seit mehreren Monaten. Vor dem Alitalia-Regal hat sich eine zähe Pfütze gebildet. Irgendwo muss eine Flasche Olivenöl ausgelaufen sein. In der Reihe mit den Koffern aus dem Senegal, aus Guinea, aus Mali riecht es vergoren. Hier müssen Melonen, Orangen oder Mangos liegen. Darüber stapeln sich Kinderwägen, einzelne Räder: ein wahrer Baukasten für ein neues Babygefährt. 

Im letzten Jahr machte ein Foto vom Flughafen Tripolis in Libyen die Runde im Netz. Da drehte ein Leinensack seine einsamen Runden auf dem Gepäckband. Vorne guckte der Kopf einer Gazelle raus, die Augen verbunden. Gerade bei Flügen mit lokalen, arabischen Airlines, bekommt auch der Begriff des "Personal Items" eine neue Bedeutung. Omas, die kaum noch laufen können, schleppen zwei, drei mit breitem Plastikklebeband zusammengehaltene Ikea-Tüten mit sich. Darin: Decken, Spielzeuge, nachgemachte Parfums, Geschenke für die ganze Familie.  

Die Palme gehört nicht auf den Gang

Auf einem Flug von Damaskus nach Tunis wurde es aber auch einem der Flugbegleiter zu viel: "Die Palme können sie nicht hier im Gang stehen lassen", blaffte er einen Fluggast an. Neben dem Passagier stand ein Blumentopf aus dem eine fast eineinhalb Meter hohe Palme ragte. Der Steward schnappte sich die Palme und versuchte, sie quer ins Gepäckfach zu schieben. Der Acker rieselte auf die darunter sitzenden Passagiere. 

Dem Fluggast wurde es zu viel. Er schnappte sich seine Palme und knallte sie neben sich auf den freien Sitz, die Palmenblätter ragten über die nächsten Sitzreihen hinaus. Dem Steward war klar, dass er gegen den Gast keine Chance mehr hatte. Nur einen Sieg musste er sich noch holen: Er griff über den Gast hinweg auf den Mittelplatz, da wo jetzt die Palme saß. Und schnallte sie an. Dann ging er weiter. Als Sieger. 

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