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Ein bisschen Lost in Nahost: Die Milchkrise von La Marsa oder: wie uns Tunesien zum Butter-Hamstern zwingt

stern-Stimme Simon Kremer hatte als Kind nie verstanden, wieso die Großeltern im Keller Unmengen an Kartoffeln und eingekochtem Obst lagerten. Dann zog er in den Nahen Osten - nun friert er Butter paketweise ein.

Von Simon Kremer, Tunis

Milchkrise in Tunesien

Milchkrise in Tunesien - pro Kunde nur eine Tüte

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Irgendwann, wenn wir vielleicht einmal nicht mehr hier in Nordafrika leben, dann werden wir uns in unseren Schaukelstühlen zurücklehnen, die Enkel zu unseren Füßen sitzend, und wir werden uns anschauen, mit verklärtem Blick auf unsere Zeit hier, und einer von uns wird fragen: "Weißt Du noch? Die Butterkrise von La Marsa?". Und er wird lächeln. Und es wird sich anhören, wie wenn Historiker von Karthago sprechen und von Bischof Cyprien und der Krise mit Rom in den 250ern n. Chr. Solange aber werden wir uns, sobald wir uns heute auf der Straße treffen, fragen: "Und, hast Du schon irgendwo Milch oder Butter gesehen?"

Tunesien - von Butterbergen weit entfernt

Denn tatsächlich hat Tunesien gerade eine echte Milchkrise. Von Milchseen und Butterbergen, wie es sie in den 1980er Jahren in der EU gab, kann Nordafrika derzeit nur träumen. Stattdessen: Leere Regale in den Supermärkten; kleine Schildchen, die darauf hinweisen, dass pro Person nur ein Paket Milch gekauft werden dürfen; und besorgte Käufer, die früh morgens, wenn ein kleiner Supermarkt gerade aufmacht, ganze Einkaufswagen mit Milchpaketen durch die Tür und die kleinen Gassen des Mittelmeerstädtchens navigieren.

Früher habe ich meine Oma und meinen Opa nie verstanden, wieso sich hinter den selbstgenähten Vorhängen an den Regalen im Keller die Einmachgläser stapelten. Ich war der Konfitüren-Connaisseur, der an den Reihen entlangschritt, mit dem Finger über die verstaubten Alu-Deckelchen strich und die Etiketten las: Jo-Ha 92, Erdbeer 94. Der Johannisbeerjahrgang von 1997 war von ausgezeichneter Qualität und mein absoluter Liebling.  

Ich nahm ein Glas, ging nach oben, setzte mich auf den Schoß meines Opas, spürte die Beinprothese, die er trug, seit einer seiner Kameraden - beide 18 Jahre alt - beim Brennholzsammeln in russischer Gefangenschaft auf eine Mine trat und sie ihm - dem passionierten Turner - das Bein einfach abschnitt. Zusammen guckten wir dann die Sportschau oder Peter Steiners Theaterstadl. Wer in den 80ern geboren worden ist, der kennt den Mangel und die Krise nicht.

Und jetzt liegen im Tiefkühlfach unseres Kühlschranks sieben Pakete Butter, Vitalait, à 200 Gramm. In den sozialen Medien und den Zeitungen wird wild spekuliert: Einige Firmen hielten die Milch angeblich absichtlich zurück, um die Preise zu erhöhen. Oder um mehr staatliche Subventionen zu bekommen. An anderer Stelle liest man von libyschen Schmugglern, die wegen des Bürgerkriegs im Nachbarland über die Grenze kommen und Lastwagenweise die Butter mitnehmen. Dann hört man, dass viele Bauern ihre Kühe nach Algerien verkauft hätten, weil auch dort Mangel herrsche und der Kuhverkauf sich für die tunesischen Bauern mehr lohne. In Zeiten der Krise mangelt es an einem nicht: wilden Theorien und Gerüchten.

Ich will Butter haben!

Die Gründe sind mir fast egal: Ich will meine Butter auf dem Brot haben - auch wenn es kein Sauerländer Schwarzbrot ist – aber die fast manische Suche deutscher Expats nach deutschem Brot ist eine andere Geschichte. Dabei ist der Mangel kein neues Phänomen: Immer wieder gibt es hier in Tunesien mal wochenlang keine Milch zu kaufen. In den Sommermonaten gibt es keinen Salat (zumindest keinen, der nicht welk ist) und daneben nur ein paar verschrumpelte Tomaten, Auberginen und Zucchini. Wer gern "regional und saisonal" einkauft, der hätte hier seine wahre Freude.

Aber ich bin es gewohnt, das zu kaufen, worauf ich gerade Lust habe. Oder zur Not auch den Pizzadienst anzurufen. Da habe ich hier dann ein Problem, wenn es zum Beispiel gerade regnet und der Pizzabote sich nicht auf den Roller setzen will. "Morgen wieder, inshallah, wenn die Sonne scheint."

Die ständige Verfügbarkeit von allem möglichen - Obst, Gemüse, Butter - hat mich verwöhnt. Vielleicht ist das jetzt eine Art Lektion, die ich als verzogener Ausländer lernen soll. Gut, ist angekommen. Aber ich will jetzt nicht mehr die Margarine kaufen, die sich streicht wie flüssiges Rapsöl. Beim Essen, da hört die Integration wirklich auf.