Das Kleid reicht zu den Knöcheln, dazu grober Strick und gedecktes Grün – Julia Gehrckens sieht harmlos aus, als sie ans Rednerpult tritt. Sie wird nicht harmlos klingen.
An diesem Tag im November 2025, beim Gründungskongress der Generation Deutschland in Gießen, ist die junge Frau auf ein Amt aus: einen Posten im Bundesvorstand der neuen AfD-Jugend. Dabei hatten sich führende Parteimitglieder vorab eigentlich auf einen anderen Kandidaten für das Amt des Beisitzers geeinigt. Gehrckens tritt trotzdem an. Sie muss mit ihrer Rede überzeugen, denn jetzt entscheidet kein Hinterzimmer, sondern die Stimmung im Saal.
In der Öffentlichkeit spricht Gehrckens radikal. Hinter verschlossenen Türen noch radikaler
„Deutschlands Frauen“, ruft sie von der Bühne, „werden zu Freiwild degradiert.” Offenbar meint sie damit, dass es migrantische Männer seien, die deutsche Frauen in Gefahr brächten: „Nur millionenfache Remigration schützt unsere Frauen und Kinder.”
Es ist eine Rede von bemerkenswerter Radikalität. Forderungen nach „Remigration“ könnten in einem möglichen Verbotsverfahren gegen die AfD eine Rolle spielen. Viele in der Partei versuchen allerdings, den Kampfbegriff zu verharmlosen, indem sie behaupten, dass er nur auf Ausreisepflichtige abziele. Gehrckens aber fordert die Ausreise gleich „millionenfach“. Bei gut 230.000 Ausreisepflichtigen in Deutschland ist klar, was sie wohl meint: Abschiebung weit darüber hinaus – auch von gut integrierten Menschen ohne deutschen Pass.
Die Rede kommt gut an in Gießen: Der Saal jubelt, Gehrckens gewinnt die Kampfabstimmung mit 63 Prozent gegen den Absprachekandidaten. Sie ist damit eine von zwei Frauen neben 13 Männern im Bundesvorstand der neuen AfD-Jugendorganisation.
Exklusive Undercover-Recherchen von stern und RTL zeigen nun, dass Gehrckens Ansichten noch radikaler sind als jene, die sie am Gießener Rednerpult in aller Öffentlichkeit äußerte. Der Fall Gehrckens wirft damit Fragen auf, die weit über ihre Person hinausreichen: Wie gefährlich ist die Generation Deutschland? Und was unternimmt die Parteispitze gegen offensichtlich extreme Tendenzen in ihrer Jugendorganisation?