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Weltverbesserer: Von einem, der die Meere vom Plastikmüll befreit

Niemand kann alles richtig machen, aber jeder etwas verändern. Manche Menschen haben schon mal angefangen - zum Beispiel Christoph Schulz: Der 28-Jährige räumt an den Traumzielen der Backpacker-Szene den Abfall auf.

Von Charlott Friederich

Plastikmüll am Strand

Angespülter Plastikmüll am Strand der Insel Henderson im Südost-Pazifik - manchmal ist ein Strand so zugemüllt, dass Christoph Schulz für 20 Meter sechs Reisesäcke braucht (Symbolbild)

Warum bitte ist denn die Küche voll mit Plastik? Auf dem Boden stehen Flaschen, im Regal stapeln sich Tupperdosen. Dabei will Christoph Schulz doch ein Leben ohne Plastik. "Die gehören meinen Mitbewohnern", sagt er und zeigt auf eine Ecke seiner Berliner Küche. "Das ist meine." Dort stehen Glasflaschen und akkurat geschrubbte Einmachgläser. Ein Jutesack, vollgestopft mit noch mehr Stoffbeuteln, baumelt am selbst gezimmerten Holzregal.

Seit drei Jahren lebt Christoph fast völlig plastikfrei. Dass seine Mitbewohner da nicht mitmachen, akzeptiert er: "Ich möchte sie nicht bekehren oder ihnen ein schlechtes Gewissen machen."

Über Amazon verkauft er Zahnbürsten aus Holz, Seifen ohne Plastikzusätze und Trinkflaschen aus Aluminium. Was er damit verdient, investiert er auch in Flugtickets an die Dreck-Hotspots dieser Welt: Er reist an die Traumziele der Backpacker-Szene, nach oder Bali, um aufzuräumen.

"Ich erzähle ihnen einfach eine wahre Geschichte"

Vor Ort fragt Christoph Einheimische und Touristen, an welchen Stränden am meisten Müll liegt, steckt die Orte auf der Karte ab und organisiert leere Müll- oder Reissäcke. Helfer findet er über oder lokale Surfschulen und Bars. "Meistens braucht es nicht viel, um die Leute zu überzeugen" , sagt er. "Ich erzähle ihnen einfach eine wahre Geschichte: Fische fressen das Plastik, das wir ins Meer werfen, und wir fressen die Fische mit dem Plastik drin."

Locals wundern sich zwar oft erst mal, wenn ein europäisch aussehender Typ mit Müllsäcken früh morgens im Sand nach wertlosem Müll stochert. "Wenn ich erkläre, warum ich das mache, freuen sich die meisten aber und packen hin und wieder sogar selbst mit an."

Auf Gili Trawangan, einem Inselparadies zwischen Bali und Lombok, sammelte Christoph mit 25 anderen an einem Nachmittag mehr als 70 Kilo Müll. Später luden die Betreiber der Strandbars die Helfer auf ein paar Bier ein. "Wir saßen bis spät in die Nacht zusammen, Einheimische wie Touristen, und freuten uns an unserem Erfolg." Manchmal entstehen sogar Freundschaften. "Beim Aufräumen auf Sri Lanka habe ich Janine aus Kanada kennengelernt. Vor ein paar Tagen haben wir uns auf Nusa Lembongan wieder getroffen und ein Clean-up organisiert."

Natürlich weiß Christoph, dass er mit ein paar Aktionen das Müllproblem nicht lösen wird. "Immer wenn ich weiterfahre, denke ich: Hier bin ich noch lange nicht fertig." Umso schöner war es für ihn, als kürzlich eine sri-lankische Surfschule in seine "Nature & Beach Clean Up"-Gruppe auf Facebook postete, dass sie nun ihre eigenen Aufräumaktionen organisiere. "Das ist schon ein geiles Gefühl", sagt Christoph, "wenn ich sehe, dass die Leute ohne mich weitermachen. Das zeigt mir, dass ich dieses eine Mal etwas bewirkt habe." Immer mehr Mitstreiter folgen ihm digital, sein Blog hat inzwischen über 300 Klicks am Tag.

Neben vielen Unterstützern hat er auch einige Kritiker. Er sei heuchlerisch, werfen sie ihm vor, weil er für ein nachhaltiges Leben werbe und gleichzeitig mit Flügen dem Klima schade. Warum er sich in einem Punkt moralisch verhält, in einem anderen aber nicht, begründet Christoph so: "Ich brauche einfach den Kontakt zu den Menschen, damit ich das Gefühl habe, wirklich etwas zu erreichen. Außerdem müssen die Leute ja sehen: Der labert nicht nur, der macht wirklich was."

Wie man plastikfreie Shampoos und Deos mixt

Auf die Frage, was das Versprechen an seine Unterstützer denn eigentlich sei, weiß Christoph keine konkrete Antwort. "Dass irgendwann kein mehr ins Meer gelangt, klingt unrealistisch. Trotzdem wünsche ich mir, dass möglichst viele diesen Traum teilen."

Um das zu erreichen, bloggt Christoph auf der Website Care Elite mit zwei Mitarbeitern über die Gefahr von Müll im Meer und zeigt, wie man zum Beispiel plastikfreie Shampoos und Deos mixt. Vor ein paar Wochen sprach er vor der Abschlussklasse einer Berufsschule, eigentlich ging es um die Arbeit als Selbstständiger, doch die Schüler waren mehr an Christophs Projekten interessiert; für die Diskussion ließen sie sogar die große Pause sausen. "In solchen Momenten merke ich, dass ich wirklich Menschen für meinen Traum begeistere deshalb mache ich weiter."

Termine für Aufräumaktionen in Europa und Asien: trashhero.org/what-wedo/#weekly-cleanups

Tipps, um ein eigenes Clean-up zu organisieren: sea-shepherd.de/mitmachen/vermuellung/beach-cleanup

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