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Wissen: „Die Augen müssen funkeln!“

Wer sich ein hohes Gehalt wünscht, vergisst vielleicht, dass man für dieses Ziel oft mit Lebensqualität bezahlt. Umgekehrt ist nicht sicher, ob einen der schlecht bezahlte Traumjob wirklich glücklich macht. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Anja Förster weiß, wie man sich berufliche Ziele richtig setzt.

Portrait einer jungen Frau

Portraits unserer Generation von Alice Moitié

Fotos: Alice Moitié

GESICHTER DER ZEIT: Die französische Fotografin Alice Moitié, 23, hat für NEON unsere Generation porträtiert, die ein paradoxes Leben führt: Einerseits genießen wir die neue Freiheit, andererseits setzen wir uns selbst enorm unter Druck.

Manchmal, muss man Jobs auch loslassen. Ein Gespräch mit Wirtschaftswissenschaftlerin Anja Förster.

Frau Förster, wenn ich nichts vom Leben wollen würde als ein Dach über dem Kopf, Essen und eine Beziehung – wäre ich dann glücklich?
Es wäre auf jeden Fall ein wunderbar einfaches Leben, das sich auf die Erfüllung der grundlegendsten Bedürfnisse beschränkt: Nahrung, Rast, Fortpflanzung. Aber ich glaube, dass sich die meisten Menschen, wenn sie nicht hungern müssen oder schrecklich einsam sind, doch mehr vom Leben erwarten – und das führt zu Fragen, die wir uns stellen, und letztlich auch zu Selbstzweifel. Das ist gut so, denn sonst würde sich unser Dasein nicht von dem einer Amöbe unterscheiden.

Demnach wäre ich also nicht glücklich?
Mir persönlich würde es nicht ausreichen, nur meine basalen Bedürfnisse zu befriedigen. Ich möchte in meinem Leben eine andere Bewusstseinsebene erreichen.

Was meinen Sie damit genau?
Regisseur meines Lebens zu sein statt nur ein Requisit mit Pulsschlag.

Eigentlich geht es uns ja gut – die meisten von uns haben keine drängenden materiellen Sorgen und werden vom persönlichen Umfeld bei fast jedem Projekt unterstützt …

Klar. Wir genießen heute die Freiheit, unseren eigenen Weg zu gehen und können im Vergleich zu früheren Generationen sehr viel eigenständiger über unser Leben bestimmen. Die Paradoxie liegt jedoch darin, dass diese Offenheit dazu führt, dass die Anforderungen an die Fähigkeit des Einzelnen in geradezu extremer Weise steigen.

Ist das der Grund, warum sich laut einer aktuellen Verdi-Studie mehr als siebzig Prozent der Arbeitnehmer heute "voll" oder "ein wenig" von ihrem Beruf belastet fühlen. Steigt der Leistungsdruck?
Ich habe überhaupt nichts gegen Leistung, Ehrgeiz und große Ziele. Ganz im Gegenteil. Allerdings muss jeder wissen, wann er eine Grenze zieht und sagt: "Genug!" Zu oft versuchen wir, den Ansprüchen unseres Umfelds zu genügen. Wenn wir nicht aufpassen, werden wir zu "Beifallssklaven", die sich allein über materiellen und vorzeigbaren Erfolg definieren. Für den Einzelnen gilt dann, was für Unternehmen längst Gesetz ist: Man wird nur an den letzten Quartalsberichten gemessen.

Wie soll man denn ein Unternehmen anders führen, als auf Kosten, Trends und Umsätze zu achten?
Natürlich sind Zahlen wichtig. Aber die Herzen der Menschen erreicht man auf diese Art und Weise nicht. Was Menschen seit jeher zu außergewöhnlichen Leistungen angespornt hat, sind Werte wie Liebe, Schönheit, Abenteuer und Dienst an der Menschheit. Nur wenn ich das Gefühl habe, dass mein Arbeitgeber derartige Werte glaubhaft verkörpert, bin ich total motiviert.

Für den Einzelnen sind die Corporate Values vielleicht gar nicht so wichtig, wenn er vor allem seine Miete zahlen muss.
Alles beginnt mit der Erkenntnis, dass nicht alles, was zählt, gezählt werden kann. Und nicht alles, was gezählt werden kann, zählt.

Zahlen und Messgrößen haben ihre Berechtigung, aber wenn es darum geht, wie sehr ein Mensch in seiner Aufgabe aufgeht, sind drei Faktoren viel entscheidender: Erstens braucht man Initiative, also die Bereitschaft, aus eigenem Antrieb heraus zu handeln und spannende Projekte voranzutreiben. Zweitens geht es um Kreativität, und damit verbunden um die Fähigkeit, neue Antworten auf bestehende Fragen zu finden. Und dann ist da noch die Leidenschaft, die dazu führt, dass Hände, Hirn und Herz eine Einheit bilden. Der Mensch arbeitet, weil er das Arbeiten an sich als befriedigend empfindet – im Idealfall kommt dabei aber noch etwas heraus, das er als sinnvoll erachtet. Man muss einen gemeinsamen Nenner zwischen den Dingen finden, die man gerne tut, und den Dingen, die man gut kann.

Das klingt logisch. Warum fällt es vielen Leuten trotzdem so schwer, einen Beruf oder einen Raum zu finden, in dem sie Initiative, Kreativität und Leidenschaft entwickeln können?
Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass sich Menschen die ganz großen Fragen stellen: Wer bin ich, was will ich, wofür stehe ich …? Nur wer eine Antwort auf diese Fragen gefunden hat, steht fest im Leben und kann gute Entscheidungen treffen. In unserem Buch geht es an einer Stelle zum Beispiel um Joschka Fischer …

Den Außenminister der rot-grünen Koalition, die Deutschland zwischen 1998 und 2005 regiert hat.
Genau. Fischer hat sich 2003 auf der Münchner Sicherheitskonferenz gegen das außenpolitische Establishment aus den USA und Großbritannien gestellt und einen Kriegseinsatz des Westens im Irak abgelehnt. Der Feldzug gegen Saddam Hussein war zwar damals bereits ausgemachte Sache, die USA hatten eine große Streitmacht zusammengezogen. Dennoch sagte Fischer: "I am not convinced." Er hat den Irakkrieg so nicht verhindert. Aber er hat eine klare Haltung eingenommen, statt sich von der Macht und dem Druck der Mehrheit überstimmen zu lassen.

Ihr Buch "Hört auf zu arbeiten!" hat die Unterzeile: "Eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt". Heißt das, dass die meisten von uns im Alltag sinnlose Dinge tun?
Nein. Ich glaube nicht, dass nur Menschen einen sinnvollen Job haben, die die Armut auf der Welt bekämpfen oder ein Mittel gegen Krebs entwickeln. Viel wichtiger ist, dass wir – auch im kleinen Rahmen – das Gefühl haben, mit unserer Arbeit einen Unterschied zu machen. Wenn meine Arbeit mir das Gefühl gibt, etwas zu tun, das mir wichtig ist, und ich mich Zielen verpflichtet fühle, die mir persönlich am Herzen liegen, ist das genau richtig.

In Ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen guter Arbeit, mieser Arbeit und bedeutsamer Arbeit.
Was miese Arbeit ist und warum es gut ist, diese möglichst auf ein Minimum zu reduzieren, wissen die meisten Menschen ganz genau.

Miese Arbeit ist stumpf, anstrengend, nervt; sie tritt in den verschiedensten Formen auf: bürokratische Strukturen, Endlos-Meetings, bei denen nichts herauskommt, Formulare, die ausgefüllt werden müssen, obwohl sie niemand liest, der ganze betriebliche Informationsmüll, der das E-Mail-Postfach vollspamt. Viel schwieriger ist es, das richtige Verhältnis zu der, wie wir sie nennen, guten Arbeit zu entwickeln: Damit meinen wir die vertraute, nützliche und produktive Tätigkeit, mit der wir den Großteil unserer Zeit verbringen. Nur wenn wir auf diese Art und Weise arbeiten, haben wir Erfolg, kommen in unserer Karriere voran und bekommen auch Anerkennung. Das ist halt der Lauf der Dinge: Arbeite dich hoch, verdiene mehr Geld, konsumiere mehr …

So haben wir es gelernt.
Das gefährliche an der guten Arbeit ist, dass man sie nie abschließen kann, sie basiert auf dem Höher-schneller-besser-Prinzip und treibt uns immer weiter. Es ist nicht vorgesehen, anzukommen. Deshalb ist gute Arbeit gleichzeitig etwas Gefährliches, weil sie uns schleichend von dem abbringt, was für uns wirklich zählt: Sie lässt unsere Augen nicht funkeln.

Was müssen wir tun, damit unsere Augen funkeln?
Wir müssen bedeutsam arbeiten – damit meine ich Tätigkeiten, die uns gar nicht anstrengend vorkommen. Wir alle kennen solche Momente. Wenn wir bei einer Aufgabe das Gefühl haben, voll und ganz in unserem Element zu sein. Wir fühlen uns dann mit positiver Energie aufgeladen, die tief von innen kommt und nach außen hin abstrahlt.

Bitte erklären Sie das genauer.
Mir geht es vor allem um die Entfaltung meines Potenzials. Es ist doch ein Drama, dass so viele Menschen durchs Leben gehen, ohne das Beste aus ihren Möglichkeiten zu machen. Das Leben ist im Grunde eine Suche nach der eigenen Identität. Aber dafür gibt es keine Gebrauchsanweisung.

Das hilft jetzt nicht unbedingt weiter.
Sehen Sie: Jedes Kind geht durch eine Trotzphase, in der die Kleinen ihren Willen durchsetzen und sich offensiv für oder gegen Dinge entscheiden. Viele Eltern empfinden diese Zeit als anstrengend, dabei ist sie extrem wichtig, damit Kinder lernen, eigenständig zu handeln und Grenzen zu setzen. Sie definieren so, wer sie sind und wer sie nicht sind. Das Kind sagt also nichts anderes als: "Ich habe ein Recht auf eine eigene Meinung – ich bin ich!" Das ist ein wesentlicher Bestandteil in der Entwicklung eines jeden Menschen.

In Deutschland kommt Widerspruch aber nicht besonders gut an.
Der Mensch sehnt sich nach Sicherheit und Anerkennung und macht vor allem Dinge, die sich schon mal in seinem sozialen Umfeld bewährt haben – wir nennen das Social Proof.

"Nein" ist deshalb vermutlich der wichtigste Begriff in unserem Wortschatz – trotzdem haben wir große Hemmungen, ihn zu verwenden. Es fällt uns so schwer, Nein zu sagen, weil wir in einem Spannungsverhältnis zwischen Machtausübung und Beziehungspflege gefangen sind. Wer Nein sagt, übt Macht aus, belastet in der Regel aber seine soziale Beziehung. Und wer seine Beziehungen pflegt, und das gilt im Büro wie im Privatleben, muss Kompromisse eingehen und Macht abgeben.

Wie findet man da die richtige Balance? Vielleicht ist es kein Wunder, dass viele lieber abwarten als etwas in ihrem Leben zu verändern.
Um etwas zu ändern, braucht es Mut und Entschiedenheit. Es ist sehr viel einfacher, am bekannten Leben festzuhalten, selbst wenn es uns anscheinend nirgendwo hinführt. Eine Veränderung im Leben zwingt uns, auf einer anderen Leiter noch einmal auf der untersten Sprosse zu beginnen. Doch wenn wir entdecken, dass die Leiter, die wir gerade hochklettern, an der falschen Mauer lehnt, müssen wir handeln und eine andere Leiter finden. Allerdings ist es eine Sache, die Entscheidung im Geist zu fällen, und eine ganz andere, sie auch in die Tat umzusetzen. Denn für das Erklimmen der neuen Leiter ist ein Preis fällig – für das Verharren auf der alten Leiter allerdings auch.

Sie haben selbst lange in einer großen Unternehmungsberatung gearbeitet und dann gekündigt, um als Autorin und Coach zu arbeiten. Fiel Ihnen das schwer?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es interessante, kreative Köpfe in der Wirtschaft besonders schwer haben. Der Wunsch nach Querdenkern und Innovatoren, die interessante Ideen jenseits des Mainstreams entwickeln und vorantreiben, ist gängige Personaler-Rhetorik und darf in keiner Stellenanzeige fehlen. Tatsächlich ist es aber nicht mehr als müder Wortquark und hat mit der gelebten Realität ungefähr so viel zu tun wie Bambi mit einem realen Reh. Wer eine Meinung vertritt, die von der herrschenden Norm abweicht, ist sehr schnell einsam. Es ist geradezu verrückt, dass viele Unternehmen Ideenreichtum fordern, tatsächlich aber Anpassung belohnen.

Vielleicht waren Sie aber auch einfach zu schwach für den Job?
Eine Unternehmenskultur, in der nur die Angepassten Erfolg haben, macht irgendwann mürbe. Für mein eigenes Lebensglück war es deshalb wichtig, meine Talente zu erkennen und dann einen Platz zu suchen, wo ich sie einsetzen kann.

Was kann man tun, um herauszufinden, ob man einen Traumjob hat oder sich doch anderweitig umschauen sollte?
Ich finde es immer hilfreich, ein Arbeitstagebuch zu führen.

Darin zeichne ich auf, was ich an einem Tag alles erledigt habe – und wie ich mich dabei gefühlt habe. Ich setze beim Schreiben durchaus auch Emoticons ein: Ein Smiley kann lächeln, einen Strichmund ziehen oder die Mundwinkel hängen lassen. Wenn man acht Wochen jeden Tag in das Tagebuch schreibt, bekommt man einen ganz guten Eindruck, wo man wirklich steht. Wenn es nicht gut läuft, ist es allerhöchste Zeit, etwas zu ändern. Oder man merkt, dass es eigentlich ganz okay läuft. Aber das ist auch eine gute Selbsterkenntnis.

Was sollte man tun, wenn man sehr viele traurige Emoticons in seinem Arbeitstagebuch findet?
Auf jeden Fall nicht sofort kündigen. Zunächst sollte man sich die eigene Situation bewusst machen und dann zum Beispiel versuchen, gewisse Details in seinem Arbeitsalltag zu verändern und ungeliebte Tätigkeiten an Kollegen abzugeben. Ich hasse zum Beispiel buchhalterische Aufgaben, als Projektleiterin war ich in meinem alten Job jedoch dafür zuständig. Es steht aber in keinem Gesetzbuch, dass ich diese Arbeit nicht mit jemandem im Team tauschen kann. Und genau das habe ich gemacht. Es gibt Menschen, deren Augen bei Excel-Tabellen leuchten.

Aber nicht jeder ist in der Situation, unangenehme Tätigkeiten wegzudelegieren. Viele Leute haben Angst, zu verarmen, wenn sie kündigen.
Etwas zu tun, für das man brennt, und Geld zu verdienen, verträgt sich sehr gut. Denn Menschen sind nie Weltklasse in irgendetwas, an dem sie keine Freude haben.

Letzte Frage: Geld oder Leben?
Viele betrachten Arbeit als eine Art Tauschgeschäft: Energie und Zeit gegen Geld. Das eigentliche Leben, so heißt es, findet nach Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub statt. Wenn mein Beruf aber nur ein Deal ist und wenn ich keinerlei Vision habe, welchen Unterschied ich mit meiner Arbeit machen will, dann darf ich mich auch nicht darüber beschweren, dass ich nicht genügend Freiheiten habe. Für alle anderen gilt: Wer zufriedener werden will, muss aufhören, zu jammern, den Hintern hochkriegen und anfangen, etwas in seinem Leben zu verändern.


Dieser Text ist in der Ausgabe 02/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.