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Israelischer Wehrdienstverweigerer: "Ich saß im Flugzeug und wusste, dass ich bei der Landung verhaftet werde"

Unser Autor ist homosexuell. Und Israeli. Und Wehrdienstverweigerer. Wieso er sich entschied, trotz drohender Haftstrafe nach Israel zurückzukehren und warum es im Gefängnis tatsächlich von Vorteil sein kann, schwul zu sein, erzählt er hier.

Von Jonathan Zvi Hadad

Jonathan Zvi Hadad

Jonathan wollte nicht zur Armee – und riskierte damit eine Haftstrafe

Ich habe erwartet, auf dem nervös zu sein, aber tatsächlich bleibe ich sehr ruhig. Ab und zu sehe ich mich um und muss innerlich grinsen – die anderen Fluggäste werden niemals wissen, dass sie neben einem "gesuchten Kriminellen" saßen.

Nach dem Aussteigen wird mein Pass eingescannt. Eine gefühlte Sekunde später eskortiert man mich ans andere Ende der Empfangshalle in einen Raum für Reisende, die einen zusätzlichen Sicherheitscheck benötigen. Da sitze ich nun zusammen mit einem Heroinschmuggler rum und warte. Was man mir vorwirft, fragt ihr euch?

Ich komme aus  , bin in Tel Aviv aufgewachsen. Der Gesetzgeber hat festgelegt, dass jeder Israeli über 18 Jahren zum Wehrdienst antreten muss. Wer das nicht tut, macht sich strafbar.

Mit 16 war ich aus Israel nach Wales gezogen, um dort meinen Schulabschluss zu machen. Eigentlich hätte ich anschließend nach Israel zurückkehren müssen, schließlich war ich 18 Jahre alt. Ich hatte allerdings keinerlei Intention, mich für drei Jahre der Armee zu verpflichten. Die Verweigerung ist in meiner Heimat ein Verbrechen, das mit Gefängnisstrafen von bis zu zwölf Monaten geahndet wird.

Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, je wieder nach Israel zurückzukehren

Die Flughafenbeamten rufen die Militärpolizei an und nach etwa einer Stunde kommt ein wirklich winziger Soldat und holt mich ab. Wer jetzt einen Gefangenentransport oder wenigstens ein Polizeiauto mit Sicherheitsgitter vermutet, liegt völlig falsch. Wir fahren in seinem weißen Honda ins Untersuchungsgefängnis, aus dessen Radio ohrenbetäubend laut israelischer Trash-Pop ertönt. 

Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, jemals wieder nach Israel zurückzukehren, hatte meiner Heimat den Rücken zugekehrt und war zum Studieren nach Kanada gezogen. Ich hatte zusätzlich zu meinem israelischen einen kanadischen Pass, hätte für immer dort bleiben können. In der Fantasie ist doch ohnehin immer alles besser als das, was man sein Leben lang gekannt hat. Neuer, aufregender, interessanter als der Ort, an dem du aufgewachsen bist. Und natürlich, wie könnte es anders sein, findet man dann unweigerlich heraus, dass das Gras auf der anderen Wiese eben nicht immer grüner ist. Ich begann, Dinge zu vermissen, die ich mein Leben lang als selbstverständlich hingenommen hatte. Zwei Jahre nachdem ich Israel verlassen hatte, wusste ich, dass ich meine rechtliche Situation dort irgendwie würde klären müssen – ich hatte Heimweh.

Da sitze ich nun also im Untersuchungsgefängnis. So absurd es klingt: Mein Vater weiß, dass ich verhaftet wurde und lässt mir durch Beziehungen eine Nachricht zukommen, die mir von irgendeinem Soldaten durch die Gefängnisgitter zugesteckt wird. Darauf ist die Nummer eines Anwalts vermerkt und der kurze Satz: "Wenn sie dir Fragen stellen, sag, du weißt von nichts". Alles was ich sage, kann gegen mich verwendet werden. Am nächsten Tag werde ich ins Militärgefängnis verlegt.

Ich habe einen "Orange Is The New Black"-Marathon gemacht

Wir wurden dazu erzogen, unabhängig und frei zu denken. Deshalb wusste meine Familie, dass sie meine Entscheidung zur Wehrdienstverweigerung würde akzeptieren müssen. Meine Mutter und ich stehen uns sehr nah und sind politisch eigentlich auf einer Wellenlänge, weshalb sie mich gut verstehen konnte. Dennoch hatte sie Angst, dass man mich ins Gefängnis stecken könnte. Sie hat mich immer davor gewarnt, mein eigenes Leben und meine Gesundheit für das Wohlergehen anderer zu opfern. Aber ich wusste einfach tief in mir drin, dass meine Entscheidung die richtige war.

Tatsächlich ist es sehr leicht, sich darauf vorzubereiten, was einen im Militärgefängnis erwartet. Es gibt sogar ein Ratgeberbuch, das eine Organisation namens Profil Hadash rausgebracht hat. Sie unterstützt Israelis, die aus welchem Grund auch immer den Militärdienst verweigert haben oder verweigern wollen. Ich habe mich mit Bekannten unterhalten – Freunde von Freunden, die auch im Militärgefängnis waren. Alles, was man braucht, ist eine Tasche mit Unterwäsche, weißen T-Shirts, Ohrstöpseln, Flip-Flops, Seife in einer durchsichtigen Plastikflasche, ein paar Bücher und schon kann es losgehen. Mein Handy habe ich lieber in Kanada gelassen, damit es bei meiner Festnahme nicht durchsucht werden kann. Sicher ist sicher. UND ich habe jede Menge "Orange Is The New Black" geguckt.

Man hört schreckliche Dinge darüber, was schwulen Männern im Gefängnis passiert. Und trotzdem bin ich nicht bereit, mich und meine Sexualität zu verstecken. Ich bin zu diesem Zeitpunkt der einzige offen schwule Häftling. Zwar macht mir keiner meiner Mitinsassen Probleme, da ich bekanntermaßen auch sehr ungemütlich werden kann, aber als ich beispielsweise in eine Zelle mit weniger Zellengenossen und einer Einzeldusche umziehen will, muss ich dem Wärter nur sagen, ich hätte Angst davor, angegriffen zu werden, oder dass meine Sexualität es unmöglich mache mit anderen zu duschen, ein paar Tränchen rausdrücken und schon finde ich mich im "Gefängnis-Penthouse" wieder.

Interessanterweise sind viele der männlichen Wärter sehr offensichtlich schwul und ziemlich tuckig. Ich bin mir sicher, dass das eine Strategie des Militärs ist. Vielleicht glauben sie, dass ein schwuler Gefängniswärter eher keine Insassen foltert. Keine Ahnung. Ich meine, ihre einzige Aufgabe besteht darin, ein paar "straffällige" israelische 18-Jährige in einer Reihe stehen und ein paar mal am Tag "Ja, Sir" brüllen zu lassen. Und aufzupassen, dass sich niemand umbringt, weil das in der Presse schlecht aussehen würde.

Schwul im Gefängnis? Für mich ein Vorteil!

Ich kann im Nachhinein mit aller Ernsthaftigkeit sagen, dass mir meine Homosexualität im Gefängnis ausschließlich Vorteile verschafft hat. Nicht nur wegen der schöneren Zimmer und der Einzeldusche – ich bekam die Möglichkeit, mit anderen Insassen über Sexualität und sexuelle Orientierung zu sprechen, die diese Möglichkeit vorher nie bekommen hatten. Einer meiner Mitinsassen erzählte mir beispielsweise irgendwann, dass er sich besonders zu Transfrauen hingezogen fühle und sich nicht erklären könne, wieso. Ich glaube nicht, dass er das schon jemals zuvor irgendjemandem erzählt hatte. Viele hatten Fragen – natürlich fast alle sexueller Natur – und wollten vor allem eins wissen: "Findest du mich sexy?" Das sollte ein Test sein. Sie wollten zeigen, wie männlich und selbstbewusst in ihrer Heterosexualität sie sind. Ich habe mich geweigert, diese Fragen zu beantworten – bis zu meinem letzten Tag. Da habe ich dann richtig vom Leder gezogen. Habe ihnen gesagt, was mir gefällt und was nicht. Ich wollte, dass sie jemanden sehen, der selbstsicher ist und sich nicht für seine sexuelle Orientierung schämt. Es war mir wichtig, dass sie dieses Bild von mir im Kopf behalten.

Einen Monat verbrachte ich im israelischen Militärgefängnis – und bereue nichts. Ich war mir sicher, dass ich keinen allzu hohen Preis zahlen würde und vielleicht sogar etwas aus dieser Erfahrung gewinnen würde – das glaube ich tatsächlich immer noch. Ich habe an meinen Idealen festgehalten und wohne inzwischen wieder in Tel Aviv – meiner Heimat.

Protokoll und Übersetzung: Jule Schulte
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