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Meinung

Artikel auf Finanzseite: Dieser Bänker hält Weihnachtsfeiern für "gefährlich" – wegen der anwesenden Frauen

Vor wenigen Tagen veröffentlichte eine Finanzseite den Gastbeitrag eines Mannes, der ganz offensichtlich meint, in den 50er-Jahren zu leben. Das kann unsere Autorin schlicht und ergreifend nicht unkommentiert stehen lassen.

Wütender Geschäftsmann

Ob er wohl kurz davor ist, sich beim Chef über das Kleid der Kollegin zu beschweren? (Symbolbild)

Getty Images

Ich habe gestern einen Link geschickt bekommen. Er führt zu einer Website, die sich "eFinancialCareers" nennt und wohl eine Mischung zwischen Jobbörse und Nachrichtenseite für Menschen im Finanzgewerbe ist. "GASTBEITRAG", stand da in Versalien, "Männliche Banker müssen die Kontrolle behalten, eiskalt und nüchtern sein". 

Man würde meinen, dass das besonders in der heutigen Zeit eigentlich nur ein Scherz sein kann. Denn selbst wenn klar ist, dass es Menschen gibt, die nach wie vor ihr Gedankengut von 1950 pflegen, würde man doch eigentlich meinen, dass die Grütze zumindest keiner mehr veröffentlicht. Aber gut, falsch gedacht. War wohl meine Schuld, dass ich dem laut eigener Aussage "weltweit führende und in Deutschland einzigartige Karrierenetzwerk für die Finanzwelt" tatsächlich ein bisschen Verantwortungsbewusstsein und Reflektiertheit zugesprochen habe. Ich tu's nie wieder.

In diesem Gastbeitrag also gibt Philippe Ersatz (ein Pseudonym, wie einem am Ende des Artikels mitgeteilt wird) seinen Senf zur aktuellen Lage der Nation dazu. "Wer als männlicher Banker eine Weihnachtsfeier besucht, muss auf der Hut sein. Denn es handelt sich um die gefährlichste Veranstaltung des gesamten Jahres", beginnt er seinen Sermon. Früher sei es auf diesen Partys wild zugegangen, doch davon sei nun nichts mehr übrig geblieben. Die meisten Bänker – oder BANKER, wie Philippe sie nennt, man ist ja schließlich jetsettender Geschäftsmann und muss lieber die englische Schreibweise nutzen, obwohl es EXAKT gleich klingt – seien sich dieser Risiken bereits bewusst. 

Das größte Problem seien die Assistentinnen

Und dann geht's los: Das größte Problem, schreibt er, seien "die Frauen und davon namentlich die Persönlichen Assistentinnen". Ah ja? Ich will Philippe ja nicht zu nahe treten, beginne aber jetzt schon zu denken, dass ER hier das eigentliche Problem ist. Wieso also sollen die "Persönlichen Assistentinnen" das größte Problem darstellen? "Auf den Weihnachtsfeiern trinken viele Persönliche Assistentinnen gerne einen und manche vertragen nicht viel." SCHNELL, RETTET EUCH, DA IST JEMAND EIN BISSCHEN ANGETRUNKEN! MÄNNER UND KINDER ZUERST!

Auch die Outfits der Damen könnten "zum Problem werden", schließlich habe er "schon Persönliche Assistentinnen erlebt, die sich sehr aufreizend angezogen haben und damit die übrigen Frauen in Verlegenheit brachten." Das muss er wissen, schließlich scheint er ja ein regelrechter Frauenversteher zu sein. Also, ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung sagen, dass ich mich noch nie vom Outfit einer anderen Frau "in Verlegenheit" gebracht gefühlt habe, aber was weiß ich schon. Dennoch seien es die "männlichen Kollegen, die sich darüber bei ihren Vorgesetzten beschwerten. Denn genau sie sind es, die dabei am meisten zu verlieren haben."

Wo arbeitet der Mann?! Da gehen Männer nach der Weihnachtsfeier zum Chef und schwärzen ihre Kolleginnen an, weil die sich für die Weihnachtsfeier schick gemacht haben? Fühlst du dich belästigt, weil du dann nicht mehr all deine aufgestauten Hormone im Zaum hast, oder was? Wo ist denn bitte deine Unfähigkeit, deine Griffel bei dir zu behalten, das Problem von irgendjemand anderem als dir?!?!

Ach weißt du, dann verbring die nächste Weihnachtsfeier doch einfach zu Hause

"Auch wenn es eine Weile gedauert hat, weiß mittlerweile jeder männliche Banker, dass er bei einem Belästigungsvorwurf nur verlieren kann. Gleich was tatsächlich vorgefallen ist, geraten sie unter die Räder der Compliance- oder Rechtsabteilungen. Es ist einfach nicht wert, sich einem solchen Risiko auszusetzen." Weißt du was, dann bleib bei der nächsten Weihnachtsfeier einfach zu Hause. Klingt sowieso nicht, als wolle man mit dir mehr Zeit verbringen als man unbedingt muss. Echt nicht. Kein Problem. Ich würde dich da garantiert nicht vermissen.

Ich habe Fragen: Zum Beispiel wüsste ich gerne, wie man diesen Beitrag als Jobmarkt-Seite veröffentlichen kann. Schlimm genug, wenn sowas in den Raucherkabinen irgendwelcher Firmen die Runden macht – wieso müssen schon diejenigen indoktriniert werden, die noch nicht mal einen Fuß ins Gebäude gesetzt haben? Damit schreibt sich die Branche jedes Vorurteil, das man gegen sie hat – you know, männerdominiert, arrogant, realitätsfern, ... – förmlich auf die Fahnen. Und hält sie jedem, der es nicht wissen will, direkt vor die Nase.

Lass uns das gerne ausdiskutieren …

Außerdem würde mich interessieren, wie man jemandem erlauben kann, so sexistischen Bockmist auch noch ANONYM zu veröffentlichen. Dass es wichtig ist, für Dinge mit seinem Namen zu stehen, wusste schon Claus Hipp. Ganz ehrlich, wenn dir deine Meinung so peinlich ist, solltest du sie vermutlich nicht kundtun. Merkste selber, ne?

Also Philippe Ersatz, solltest du diesen Artikel lesen: Melde dich gerne bei mir. Lass uns das ausdiskutieren. Frau zu Mann. Ich schicke dir auch gerne vorher eine Auswahl von Outfits, damit du dir das aussuchen kannst, das dich am wenigsten einschüchtert. Wir würden ja nicht wollen, dass du dich hinterher bei meiner Chefin beschweren musst. Und dann können wir ganz in Ruhe darüber reden wie schwer du es hast. Und wie doof das ist, dass du dich bei der Weihnachtsfeier nicht ins Delirium saufen kannst, damit du nicht anfängst, deine Kolleginnen zu begrabbeln. Meine Kontaktdaten findest du oben. Ich steh nämlich zu meiner Meinung.

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