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Meinung

"Bei Bayern München spielt auch keine Frau im Team": Sexistischer TV-Kommentar bei Darts-WM: nur das Ende einer langen Fehlerkette

TV-Experte Gordon Shumway fiel bei der Darts-WM mit seinem sexistischen Frauenbild auf. Unser Autor findet, dass Shumway nur das Endprodukt der allgemeinen Frauenverachtung im Sport ist.

Sexismus-Eklat bei Darts-WM

Ryan Joyce (l.) und Anastassija Dobromyslowa spielten am Montag bei der Darts-WM gegeneinander. Die Russin war eine von zwei Frauen, die in London dabei war.

DPA

Es gibt sie, die "Ich kann es nicht mehr hören"-Menschen. Wahrscheinlich sind es Zigtausende – vielleicht sogar Millionen. Sie sind genervt von #MeToo und Sexismus-Debatten. Sie sagen, inzwischen führe die Diskussion zu weit. Nicht jeder Mann sei ein Sexist. Es werde mittlerweile alles vermischt: Brüderle, Weinstein, der anzügliche Spruch, die Vergewaltigung – alles eine Soße.

Tatsächlich beschleicht einen manchmal das Gefühl, dass sie vielleicht gar nicht so Unrecht haben. Vielleicht ist Sexismus ja doch inzwischen zu einem inflationären Schimpfwort geworden. Und dann kommentiert TV-Experte Gordon Shumway bei Sport1 ein Match bei der Darts-WM zwischen einem Mann und einer Frau und man merkt wieder: Nein, es wird noch Jahre dauern, bis man von einer Sexismus-Debatte genervt sein darf. Aber was ist überhaupt passiert?

Premiere: Zwei Frauen sind bei der Darts-WM dabei

Die diesjährige Darts-WM ist eine besondere. Erstmals sind mit Lisa Ashton und Anastassija Dobromyslowa zwei Frauen dabei. Letztere spielte am Montag gegen den Briten Ryan Joyce. Die Rollen sind klar verteilt. Dobromyslowas Punktedurchschnitt, den sie mit drei Würden schafft, liegt deutlich unter dem von Joyce. Die Frage von Kommentator Basti Schwele "Gibt es für die Dame ein Mittel, Ryan Joyce zu schlagen?" ist also berechtigt. Was Experte Gordon Shumway dann allerdings antwortet, ist an Frauenfeindlichkeit nicht zu übertreffen: "Vielleicht die Klamottenwahl."

In den anschließenden Minuten der Live-Übertragung werden Shumways sexistische Kommentare nicht weniger. Es fallen Sätze wie: "Seine Kumpels lachen ihn schon vier Wochen vorher aus. Du musst gegen die Frau spielen." Oder: "Wenn man den Damen eine Plattform geben möchte, kann man das anderweitig tun." Und: "Bei Bayern München spielt auch keine Frau im Team." Spätestens nach "Ich bin kein Freund von diesem Zirkus. Ich weiß nicht, was das soll – zwei Damen bei einem professionellen Darts-Turnier mit aufzunehmen", wird es sogar Schwele zu peinlich. Er interveniert: "Jetzt ist gut."

Der Mediendienst "Übermedien" hat die Aussagen des TV-Experten zusammengeschnitten:

Im Netz fallen die Reaktionen auf Shumways Bullshit-Gelaber deutlich gravierender aus: "Gordon Shumway sagt, er wäre froh, wenn keine Frauen bei der WM dabei wären. Wir sind froh, dass er nicht dabei ist", heißt es in einem Kommentar. "Gordon Shumway raus! Schlimm genug, dass ihr im Jahr 2018 solchen Menschen eine Bühne bietet“, lautet ein anderer. Ein dritter: "Ich finde die Aussage von Gordon Shumway unverschämt. Warum dürfen Frauen sich gegen Männer nicht behaupten?"

Shumway ist nur das Ende einer Fehlerkette

Es ist ein positives Zeichen, dass viele Menschen gegen solche sexistischen Äußerungen vorgehen. Es ist aber auch ein traurigeres, dass sie überhaupt gegen Sexismus vorgehen müssen. Dabei stellt sich die Frage: Warum darf ein Shumway mit seinem zurückgebliebenen Frauenbild überhaupt ein Spiel der Darts-WM kommentieren? Offensichtlich, weil man ihn lässt. Nur macht man es sich damit etwas zu leicht.

Shumway ist nur das Ende einer langen Fehlerkette. Doch wer steht am Anfang dieser Kette? Die Antwort liefert der professionelle Sport. Dieser produziert ein Bild, das die Frau in der Regel nur als sexy Beiwerk darstellt. Am deutlichsten wird es im US-Sport, wenn die Cheerleader in ihren kurzen Röcken in den Unterbrechungen beim American Football oder Basketball auf dem Feld tanzen. Das vermittelt dem Zuschauer: Das ist der schöne Lückenfüller – und danach kommt wieder Sport. Bei den meisten Siegerehrungen ist es nicht anders. Während die Herren der Sportverbände die Medaillen und Pokale in normalen Anzügen überreichen, stehen daneben Models oder Hostessen in kurzen, eng sitzenden Kleidern. Auch beim Frauen-Fußball ist es unbegreiflich, warum immer diese eine Frage gestellt wird: Wie kann man das Niveau mit dem Männerfußball vergleichen?

Durch all das wird Frauen ein Gefühl von "niedlich, dass ihr euch jetzt auch an Männersport versucht" vermittelt. Diese unbewussten Bilder muss der Sport grundlegend verändern. Nur dann wird es in Zukunft keine schlechten Shumway-Entschuldigungen wie jene geben, die er noch in der laufen Übertragung von sich gab : "Ich möchte mich mal ganz, ganz herzlich bei den Mädels und den Damen im Darts-Sport entschuldigen, wenn ich mich da missverständlich ausgedrückt habe. Ich habe überhaupt nichts gegen Frauen im Darts. Meine Tochter spielt selbst Darts." Ein Sorry aus der Kategorie "Oh, ich muss mich kurz entschuldigen, weil auf Twitter mir die User Sexismus vorwerfen". Wer's glaubt?! 


Aktualisierung, 19. Dezember, 19 Uhr: Inzwischen hat der übertragende Sender Sport1 reagiert. Man habe sich dazu entschlossen, "Gordon Shumway ab sofort nicht weiter als Experten und Co-Kommentator einzusetzen", ließen die Verantwortlichen auf der Facebook mitteilen, ohne konkret auf die Kritik an ihrem Darts-Experten einzugehen.

Quellen: Übermedien / Sport1