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Sprache: "I already dream in English": Warum will denn jeder Native-Speaker sein?

Sätze wie "Ich gucke diese Serie auf Englisch" oder "Die Zeit in Australien hat mich zu einem anderen Menschen gemacht" regen unseren Autoren seit Jahren auf. Er versteht nicht, warum so viele Menschen mit ihrem Englisch angeben. Und fragt sich, ob er bloß neidisch ist.

Sprache – Englisch: Warum will denn jeder Native-Speaker sein?

Seit Jahren gehen unserem Autor die "Möchtegern-Native-Speaker" auf die Nerven

Sieben Jahre ist es mittlerweile her. Mein bester Freund war nach seinem Austauschjahr in den gerade erst wieder da. Er schien zunächst noch ganz der Alte zu sein. Wir machten die gleichen Witze, redeten über die gleichen Themen und beleidigten uns weiterhin auf die genau die gleiche kindische und primitive Art, wie wir es bereits vor einem Jahr getan hatten. Dass er sich verändert hatte, merkte ich erst, als wir uns an einem Kiosk Zigaretten kaufen wollten. Da wurde mir plötzlich klar: Er war einer von ihnen. Er war ein Möchtegern-Native-Speaker. Während ich dem Verkäufer ganz normal sagte, dass ich eine Packung L&M-Rot habe möchte, hatte er Schwierigkeiten, die richtigen Worte auf Deutsch zu finden. Er sprach eine ganz komische Mischung aus Deutsch und Englisch mit einem leicht amerikanischen Akzent: "Ich hätte gerne one pack of Malboro red, please." 

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Trotzdem war es bis heute einer der wenigen Augenblicke in meinem Leben, in dem ich mich für meinen besten Freund schämte (und glaubt mir, wenn ich euch sage, dass er noch ganz andere Dinge gemacht hat). Ich weiß noch genau, wie sich der Blick des Verkäufers mit meinem kreuzte. Es schien, als wollte er mir sagen: "Du kennst den Typen? Dein Ernst?!" Ich konnte ihn verstehen. Schließlich dachte ich genau das Gleiche: "Warum zur Hölle spricht der auf einmal Englisch?"

Warum gibt niemand zu, dass er Englisch nicht kann?

Jetzt sagen bestimmt einige, die schon mal für eine längere Zeit im Ausland waren: "Ja, man muss sich erst einmal daran gewöhnen, wieder Deutsch zu sprechen." Das mag sein, wenn man zwei Jahre im Ausland gelebt hat – und nur noch ganz selten Deutsch gesprochen hat. Mein bester Freund war aber lediglich zehn Monate in und vorher eine absolute Niete in Englisch. Das weiß ich, weil wir zusammen in eine Klasse gegangen sind. Und immer, wenn unsere Englisch-Lehrerin in der Mittelstufe diesen Notenspiegel, der für mich eine Art Mobbing war, an die Tafel gemalt hat, gab es in der Regel zwei Fünfen und eine Sechs. Die Anwärter darauf waren ein anderer Klassenkamerad, mein bester Freund und ich. Wir guckten uns immer ganz gespannt an, weil wir wussten: Einer von uns dreien hat die verdammte Sechs. In der Regel hatte sie der andere Klassenkamerad. Uns beiden fiel jedes Mal ein Stein vom Herzen. Und jetzt will er mir plötzlich erzählen, dass er Deutsch verlernt hat - nur weil er ein Jahr in den USA war?

Noch heute mache ich mich in seiner Gegenwart über diesen Vorfall lustig. Das Gute ist: Er kann darüber lachen, weil er ganz genau weiß, wie panne dieser Moment war. Dabei geht es auch nicht darum, dass ich neidisch auf ihn bin, weil sein Englisch besser ist als meins. Das ist mir doch völlig egal. Was mich stört, ist dieses "I am so into this language". Sind wir doch einmal ganz ehrlich: Mir erzählen immer so viele Leute von ihrer Fünf in Mathe oder wie schlecht sie in Physik, Chemie oder Sport waren. Aber wann sagt irgendjemand mal, dass er eine Niete in Englisch war? 

Das geben so wenige Menschen zu. Niemand will ein Günther Oettinger sein. Viel lieber möchte jeder Oxford-Englisch sprechen. Dabei sieht die Realität doch ganz anders aus. Die Mehrheit der Deutschen beherrscht die Weltsprache nur mangelhaft. 65,5 Prozent geben an, nur über geringe Kenntnisse zu verfügen. Das hat eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung und des Sprachkursanbieters "Wall Street English" festgestellt. Befragt wurden Arbeitnehmer, die Englisch für ihre Tätigkeit benötigen. Selbst bei den 20- bis 29-Jährigen gab die Hälfte an, mangelhafte Englischkenntnisse zu haben.

Müssen wir mit allem angeben? 

Deshalb nerven mich auch diese ganzen "Möchtegerns", die vielleicht ein halbes Jahr in mit ihren besten Freunden Work-and-Travel gemacht haben und plötzlich bei Instagram jedes ihrer Bilder auf Englisch kommentieren: "Should I really get rid of those plants for winter?" oder "Never get my hopes up 'cause then I'll never get let down". Sie träumen angeblich auch nach vier Tagen in einem anderen Land schon in der jeweiligen Landessprache: "Oh, I already dream in English." Sie sagen Sätze wie: "Die Menschen in Australien – die sind so anders." Natürlich sind sie das. Es ist eine ganz andere Kultur. "Ja, aber das hat mich so verändert." Sie tun so, als ob sie dadurch besser sind als andere Menschen – zumindest kommt es so rüber. Oder liegt es nur daran, dass ich selber gerne so gut Englisch sprechen würde?

Es ist nicht so, dass ich kein Englisch kann. Ich gucke Filme und Serien auf Englisch, bin auf vielen englischsprachigen Internetseiten unterwegs. Ich führe Interviews mit Bands aus den USA und England. Und das mache ich nicht nur, weil ich es aufgrund meines Berufes machen muss. Ich mache es auch, weil ich es machen will.

Was also stört mich an diesen Menschen?

Es ist dieses mitschwingende "Dein-Englisch-ist-so-schlecht". Daran stört mich die Haltung: dieses Pseudo-Erhabene. Das vermittelt den Eindruck: Wenn ich das "Th" nicht wie ein Muttersprachler ausspreche, kann ich kein Englisch – und so ist es in den meisten Fällen auch gemeint. Plötzlich werde ich von meinem besten Freund belächelt, weil ich einen typisch deutschen Akzent habe. Plötzlich reicht ein kleiner Grammatik-Fehler aus, um vor versammelter Mannschaft verbessert zu werden. Auf Dauer wird einem so das Gefühl vermittelt, dass man es besser sein lassen sollte. Und so entfernt man sich immer weiter von der Sprache. Dabei muss man gerade, wenn man Fehler macht, dranbleiben und sich weiter verbessern wollen. Das tut man aber dank dieser Leute eben nicht, weil sie einem die Lust nehmen.

Versteht mich nicht falsch. Ich freue mich für jeden, der im Ausland war und seine Sprachkenntnisse verbessert hat. Aber müssen wir mit allem angeben? Müssen wir anderen das Gefühl vermitteln, besser zu sein als der andere? Wenn ich beispielsweise ein Sixpack hätte, was ich nicht habe, würde ich doch auch nicht den ganzen Tag ohne T-Shirt rumlaufen, nur um zu demonstrieren, dass ich schöne Bauchmuskeln habe. Schließlich wäre ich dann ein Angeber und Prolet. 

Aber was sind dann Menschen, die ständig unter Beweis stellen, wie gut ihr Englisch ist?

Ein Paar liegt mit Laptop im Bett
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