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Gewalttätige Frauen: Alex wurde lange von seiner Freundin brutal misshandelt – jetzt kämpft er gegen ein Stigma

Der Brite Alex Skeel ist jahrelang von seiner Freundin schwer misshandelt worden, erst psychisch, dann physisch. Jetzt kämpft gegen das Stigma, als Mann Opfer häuslicher Gewalt geworden zu sein.

Ein Mann steht am Fenster und ist von hinten zu sehen

Der junge Brite Alex Steel überstand ein jahrelanges Martyrium von häuslicher Gewalt, aus dem ihn erst die Polizei befreite. Er selbst hatte nicht die Kraft dazu. (Symbolbild)

Getty Images

Diesen einen Moment wird er nie vergessen. Er kauert in einer Ecke der Wohnung und sieht den ersten Tropfen Wasser wie in Zeitlupe auf sich herunterfallen. Seine Freundin hält einen Wasserkocher in der Hand und gießt das siedend heiße Wasser über ihm aus. Der Schmerz ist stärker als alles, was er bisher kannte. Er bettelt darum, ins Bad gehen zu dürfen, um sich in kaltes Wasser zu legen. Sie erlaubt es ihm, für einen Moment spürt er große Erleichterung, aber das bedeutet nicht das Ende der Qualen. Sie wiederholt die höllische Prozedur häufig. Wenn er anfängt zu jammern, schickt sie ihn wieder ins Bad. Er erinnert sich, wie er einmal völlig nackt in der Wanne liegt, die Haut schält sich ab. Es ist der blanke Horror.

Die Szene schildert der Brite Alex Skeel, 22 Jahre alt, in einer BBC-Dokumentation. Drei Jahre lang ist Skeel von seiner Freundin Jordan Worth zuerst seelisch und schließlich körperlich brutal misshandelt worden. Erst die Polizei befreite den jungen Mann aus seinem Martyrium. Ein Gericht verurteilte Worth im April 2018 als erste Frau in Großbritannien wegen häuslicher Gewalt. Sie erhielt eine Haftstrafe von siebeneinhalb Jahren. Das Urteil zeigt, wie massiv die Gewalt war, die die Frau gegen ihren Freund ausübte – und das ohne jegliche Rücksicht auf die beiden gemeinsamen Kinder.

Skeel hat eine Botschaft: Er will, dass sich mehr Männer an die Öffentlichkeit trauen. Oft würde Gewalt gegen Männer nicht ernst genommen, auch nicht von der Polizei, sagt er in dem Beitrag für die BBC. Er will das Stigma loswerden, das da lautet: Männer, die sich von Frauen beherrschen und misshandeln lassen, seien Schwächlinge und selbst Schuld, weil sie sich nicht zu wehren wissen. "Männer spielen als Opfer in Anti-Gewalt-Kampagnen nie eine Rolle. Das ist falsch. Was hat das Geschlecht damit zu tun?", fragt er.

Sie kappt alle Verbindungen zu seinem Umfeld

Einer offiziellen Studie zufolge gab es zuletzt über zwei Millionen Fälle von häuslicher Gewalt in England und Wales (Schottland und Nordirland haben eigene Erhebungen), in einem Drittel der Fälle sollen Männer oder männliche Jugendliche die Opfer gewesen sein. Die offiziellen Zahlen der Polizei  liegen niedriger. Sie weisen für das Jahr 2017 in England und Wales 150.000 Fälle von häuslicher Gewalt aus, in denen Männer die Opfer waren.

Im Fall von Skeel sah es zunächst nicht so aus, dass sich aus einer romantischen Teenieliebe eine sadistische Beziehung mit Herrin und Sklaven entwickeln würde. Die beiden lernen sich auf dem College in Bedfordshire kennen, sie ist eine gute Schülerin und will Kunstlehrerin werden. Am Anfang ist alles neu und aufregend für Skeel. Sie sind glücklich. Doch plötzlich ändert sich Jordans Verhalten, es geschehen auf einmal "merkwürdige Dinge". Einmal machen sie mit seinen Eltern einen Auslug nach London. Jordan verschwindet plötzlich, sie suchen sie überall. Bei ihrer Rückkehr ins Hotel treffen sie Jordan in der Lobby an. Sie lacht ihren Freund aus, weil er sich Sorgen gemacht hat. Alex wird erst später klar, dass sie sich an seiner Angst weidet, es genießt.

Damit beginnt ein massiver psychischer Missbrauch. Jordan schafft es, Alex nach und nach von Freunden und Familie zu isolieren. Sie übernimmt die Kontrolle über seinen Facebook-Account. Es ist eine typische Vorgehensweise: Der Partner kappt alle Verbindungen zum Umfeld, so ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass der Gequälte Hilfe suchen kann.

Er liebt sie ja und will ihr gefallen

Sie kontrolliert in total. Er versucht sich zu wehren, aber verkennt offenbar seine Lage. Er liebt sie ja und will ihr gefallen, obwohl sie ihm manchmal sogar verbietet zu essen. Sie mag die Farbe Grau nicht, also trägt er keine graue Kleidung. Sie mag seine Schuhe nicht, also zieht er andere Schuhe an. Wenn er widerspricht, kann sie ihn überzeugen. So rutscht er immer tiefer in die Abhängigkeit: "Du kämpfst eine Schlacht, die du niemals gewinnst. Es ist so frustrierend", sagt Alex der BBC.

Dann bekommt das Paar kurz hintereinander zwei Kinder, was seine Abhängigkeit und ihre Macht nur noch vergrößert. Alex kann sich nicht trennen, weil er Angst um die Kleinen hat. Er fürchtet, Jordan könnte den Kindern etwas antun. Ein Albtraum. Er fügt sich, nicht ahnend, dass das erst der Anfang ist. Eine weitere Technik von Sadisten kommt zur Anwendung: Jordan putzt Alex nicht permanent herunter, sondern ist zwischendurch ein wahrer Engel. "Es gab Momente, da fühlte ich mich glücklich, wenn wir gemeinsam lachten und Spaß hatten", erzählt er. "Ich liebte sie trotz allem noch immer."

Dann beginnt die finale Phase: Jordan wendet nun brutale Gewalt an. Sie spielt die Eifersüchtige, wirft ihm vor, etwas mit anderen Frauen zu haben. Das alles ist erfunden, um einen vermeintlichen Grund für ihren Sadismus zu schaffen. Im Bett hat sie eine Flasche. Als er schläft, schlägt sie ihm damit auf den Kopf und fragt: "Was denkst du darüber?"

Ihre Folter-Instrumente: Flasche, Hammer, Messer, Wasserkocher

Als er den Schmerz nicht mehr spürt und sich gleichgültig gegenüber den Schlägen zeigt, setzt sie auf andere Mittel. Aus der Flasche wird ein Hammer. Sie malträtiert ihn damit. Sie benutzt alles im Haushalt, womit man andere verletzen kann. Einmal verwendet sie ein Netzteil für den Laptop. Sie wickelt sich das Kabel ums Handgelenk und schlägt ihm das Netzteil an den Kopf. Das Blut tropft auf den Boden. Er bittet sie um Hilfe, doch sie geht die Treppe hinauf und fragt lachend: "Warum gehst du nicht einfach und stirbst? Niemand kümmert sich um dich." So erzählt es Alex.

Das nächste Folterinstrument ist ein Messer. Sie fügt ihm schwere Schnittwunden zu. Dann kommt sie auf die Idee mit dem Wasserkocher. Er trägt Verbrennungen dritten Grades davon, hat Todesangst. Alex fürchtet, dass sie ihn bei einem falschen Wort umbringt. Mit seinen Verbrennungen geht er in ein Krankenhaus. Er lügt und spricht von einem Unfall. Als ein Nachbar die Polizei ruft, weil er Schreie aus der Wohnung hört, kommt die Polizei. Wieder lügt Alex. Jordan legt ihm noch Make-up auf, um die schlimmen Wunden notdürftig zu überdecken. Seine Augen sind schwarz gerändert und er ist extrem abgemagert. Er sieht aus wie ein Zombie.

Doch die Polizei kommt zurück, weil sie Verdacht geschöpft hat. Der Beamte fragt jetzt gezielt nach, da gibt es für Alex kein Halten mehr. Alles bricht aus ihm heraus. Er erzählt seine Geschichte – und wird sofort in ein Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte sagen ihm, dass er nur noch maximal zehn Tage überlebt hätte, weil er vollkommen abgemagert war und so schwere Verletzungen hatte.

Sie bereut nichts

Jordan gesteht bei der Polizei ihre Taten, vor Gericht plädiert sie auf schuldig: "Ich glaube, sie wollte eine geringere Haftstrafe erreichen", sagt Alex. Er weiß, dass sie ihre Taten nicht bereut. Er sagt, dass sie eifersüchtig auf ihn gewesen wäre, weil er eine Familie hatte und Freunde. Das habe sie nicht ertragen. Sie wollte die totale Kontrolle über ihn. Es sei wie eine Droge, je mehr man davon nehme, desto mehr wolle man, um den Kick wieder zu spüren.

Die Frage, die bleibt, ist: Warum hat er das alles ertragen, warum hat er nicht früher gehandelt? "Ich wusste, was sie tat. Ich wusste, dass es wirklich, wirklich schlimm war. Aber ich wusste nicht, was ich tun sollte. Während der Zeit hätte ich keine Anklage benennen können, für die sie verhaftet werden könnte, weil ich keine Ahnung hatte. Ich hatte buchstäblich nichts. (...) Meine Sorge galt den Kindern, dass es ihnen gut ging. Man kann nie jemandem sagen, dass er so eine Lebenssituation hinter sich lassen soll. Das ist das Schlimmste", sagt er.

Quelle: "BBC"

tis