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Polizeialltag in Deutschland Häusliche Gewalt, betrunkene Fahrer und ein seniler Rentner – eine Nacht in der Einsatzleitstelle

Polizist Stefan Thieme bei der Schreibarbeit in der Wache
Polizeiarbeit ist Schichtarbeit - und nicht selten über die ganze Nacht. Auf dem Bild zu sehen sind Beamte der Hamburger Polizei.
© Lars Berg/stern
Die Einsatzleitstelle ist das Herz jeder Polizei. Hier gehen die Notrufe ein. Blitzschnell müssen die Polizisten die Lage einschätzen, Streifenwagen losschicken. Doch nicht jeder Anrufer ist wirklich in Not.

In der  Einsatzleitstelle "Hanno" der Polizei in Hannover sind keine lauten, hektischen Telefonate zu hören, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Kein Stimmengewirr, keine schnarrenden Funkgeräusche. Die Stadt an der Leine gehört neben Berlin und Leipzig laut Statistik zu den gefährlichsten Großstädten Deutschlands. Die Leitstelle ist mit modernster Technik ausgestattet. Die Polizisten sitzen oder stehen vor Bildschirmen, tragen Kopfhörer, tippen Namen, Straßen und was passiert ist, sofort in den Computer. Eine rote Lampe zeigt, wenn sie telefonieren. Auf dem Bildschirm erscheint eine Straßenkarte. Darauf sind nicht nur Einsatzort und der nächste Funkmasten zu sehen ist, sondern auch, welcher Streifenwagen gerade in der Nähe ist. Gleichzeitig können die Streifenbesatzungen auf dem Display im Streifenwagen alles über ihren nächsten Einsatz nachlesen. Wenn sie Rückfragen haben, funken sie die Kollegen in der Einsatzleitstelle an.

Über 60 Streifenwagen sind an diesem Samstag da draußen im Einsatz. Zwölf Stunden dauert die Schicht. Von 17 Uhr abends, bis fünf Uhr in der Früh. Sieben Beamte nehmen die Notrufe entgegen. Sechs sitzen im Funkraum. 1000 Anrufe gehen in unruhigen Nächten schon mal ein. Jeder Polizist nimmt also über 100 Notrufe entgegen.

Leitender Beamter vom Dienst ist in dieser Nacht Tobias Gottlob, 38. Die Schicht leitet Matthias Steinkopf, 53, Kommissar vom Lagedienst also "KvL". Seit 20 Jahren tut er Dienst in der Einsatzleitstelle. Früher war er Streifenpolizist. "Es hilft, wenn man den Job auf der Straße kennt", sagt er, da geht auch schon der erste Notruf ein. Eine Frau hat sich mit ihren Kindern im Keller verschanzt. Ihr Mann, so sagt sie, hat sie vergewaltigt und ihrem Sohn einen Zahn ausgeschlagen. Steinkopf checkt im POLAS, dem Polizei-Auskunftssystem, ob der Mann bekannt ist. Körperverletzung, sexuelle Nötigung und Bedrohung, liest er. Der "KvL" schickt einen Streifenwagen los. "Es gibt keine Nacht ohne häusliche Gewalt in der Großstadt", sagt er. Wenig später, um 17.44 Uhr liest er, dass der Mann festgenommen worden ist. Zehn Minuten, nachdem die Ehefrau den Notruf abgesetzt hat.

Leitender Beamter vom Dienst ist in dieser Nacht ist Tobias Gottlob, 38
Leitender Beamter vom Dienst ist in dieser Nacht ist Tobias Gottlob, 38
© Kerstin Herrnkind / stern

Doch viele Anrufe sind gar keine Notrufe. Wegen jeder Kleinigkeit, so scheint es, wählen die Leute 110. Der Nachbar hört zu laut Musik, das Trekkingrad ist gestohlen, der Hund ausgerissen: "Er hat rotbraunes Fell, sieht aus, wie ein Fuchs. Wir haben ihn heute erst aus Ungarn gerettet", beschreibt ihn die Anruferin. "Eigentlich nichts für die Polizei", sagt Gottlob. "Aber die Kollegen können ja mal die Augen aufhalten." Reine Nettigkeit, also. Die Polizei, dein Freund und Helfer, halt. 

Pilot mit Laserstrahl geblendet

Doch dann, um 19.34 Uhr, kommt ein Fax. Die Deutsche Flugsicherung schlägt Alarm. Der Pilot eines Ferienfliegers aus Mallorca ist beim Anflug auf den Flughafen von einem Laserpointer geblendet worden. Wollte jemand den Flieger zum Absturz bringen? Der Pilot hat den Laser in der Nähe einer Tankstelle gesehen. Gottlob schickt zwei Streifenwagen los. In drei Minuten landet der nächste Ferienflieger.

Die Polizisten telefonieren ununterbrochen. Nie wird es hektisch, die Polizeibeamten bleiben völlig ruhig. Auch als um 22.20 Uhr plötzlich kurz hintereinander mehrere Anrufe eingehen. Ein Autofahrer rast wie ein Irrer durch die Innenstadt. Ohne Licht. Er schlingert auf die Gegenfahrbahn, kracht gegen andere Autos, ein Wohnmobil und gegen einen Bus. Die Einsatzleitstelle schickt mehrere Streifenwagen los. Wieder dauert es nur Minuten, bis der Fahrer gestellt ist. Er ist 69 Jahre alt, volltrunken, hat drei Promille Alkohol im Blut und zeigt sich "uneinsichtig", wie im Einsatzprotokoll auf dem Bildschirm nachzulesen ist. Voraussichtlicher Schaden: 40.000 Euro binnen weniger Minuten.

Inzwischen ist es kurz nach Mitternacht. Die Kaffeemaschine blubbert gegen die Müdigkeit. Auch Gottlob war lange auf der Straße, bevor er ins Lagezentrum wechselte. Sein schlimmster Einsatz? "Einmal wurde ich zu einem Verkehrsunfall gerufen. Ein Mann war gegen den Baum gefahren. Der Wagen war total zertrümmert. Der Fahrer tot. Als ich in den Wagen sah, erkannte ich ihn. Es war ein ehemaliger Mitschüler. Er hatte zwei kleine Kinder. Und ich musste der Frau die Todesnachricht überbringen."

"Die Polizei kann Ihnen kein Hotelzimmer bezahlen"

2.30 Uhr. Eine Frau ruft an. Sie hat einem Mann ihre Handtasche anvertraut, als sie in einer Kneipe zur Toilette ging. Als sie zurückkam, war der Mann mit der Tasche weg. Sie will keinen Streifenwagen. Und auch keine Anzeige erstatten. Sie hat ein anderes Problem. In der Tasche war ihr Haustürschlüssel. Nun weiß sie nicht, wo sie schlafen soll. "Die Polizei kann Ihnen kein Hotelzimmer bezahlen", antwortet die Kommissarin mit bewundernswerter Ruhe. Ob die Polizei ihr wenigstens den Schlüsseldienst bezahlt, insistiert die Frau. "Nein, auch das nicht."

2:59 Uhr Feuer in einem Mehrfamilienhaus. 14 Menschen müssen evakuiert werden. Später, nachdem die Streifenpolizisten vor Ort waren, liest Gottlob vom Bildschirm ab, was passiert ist: Eine Frau hat die Wohnung ihres Ex-Freundes in Brand gesetzt, während er schlief. Der Mann ist aufgewacht, hat das Feuer gelöscht. Beide sind mit Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Um vier Uhr morgens ruft ein Mann an, brabbelt ins Telefon. "Ich kann Sie leider nicht verstehen, können Sie deutlicher sprechen?", fragt die Kommissarin. Die Verbindung bricht ab. "Der Mann braucht Hilfe, aber ich kann ihn nicht verstehen", bittet sie Steinkopf um Hilfe. Der KvL hört sich den Anruf, der wie jeder Notruf aufgenommen worden ist, noch einmal an. Sein geschultes Ohr versteht den Mann. "Ich brauche Hilfe", übersetzt Steinkopf. "Ich wohne im Altenheim. Mein Zimmer ist aufgebrochen worden." Offenbar ist hier ein alter Mann Opfer eines Einbruchs geworden. Steinkopf checkt, auf welchen Namen und Adresse das Handy zugelassen ist. Der Mann ist 1924 geboren, also 94 Jahre alt. Steinkopf schickt einen Streifenwagen los. Der meldet zurück: Kein Altenheim, kein Mann dieses Namens lebt hier. Die Kommissarin ruft die Feuerwehr an, um zu erfahren, ob der Mann womöglich ins Altenheim transportiert worden ist. Tatsächlich. Erst vor wenigen Tagen ist der Mann mit einem Krankentransport ins Altenheim umgezogen. Die Kommissarin ruft im Seniorenstift an. "Ob da jetzt jemand rangeht", sagt sie. Die Nachtschwester nimmt ab. "Hier ist die Polizei, wohnt bei Ihnen ein Herr D.?" Die Pflegerin bestätigt, dass der alte Mann im Heim lebt und erzählt. Herr D. ist dement, verbarrikadiert die Tür in seinem Zimmer. Die Pflegerin hat ihm den Schlüssel weggenommen. Deshalb hat er die Polizei gerufen. Von 4.11 Uhr bis 4.49 Uhr hat die Suche gedauert. Der Mann ist verwirrt, aber er ist in Sicherheit. Der Feierabend naht. 660 Anrufe hat die D-Schicht in dieser Nacht entgegengenommen. "Unterdurchschnittlich", sagt Gottlob.

Die Person, die den Piloten mit einem Laserpointer geblendet hat, ist nicht gefunden worden. Die Kripo ermittelt.


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