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Männlicher Beauty-Blogger: Feuchtigskeitsmaske und Co.: Warum Männerpflege oft lächerlich aussieht

Fabian Hart bloggt seit zehn Jahren über Beauty und Mode. Im Interview erklärt er, warum man am Badezimmerregal eines Mannes das Desaster der modernen Rollenbilder erkennt, wieso Männerpflege meistens lächerlich aussieht und was er gegen Haargummis hat.

Von Lena Steeg

Mann mit Gesichtsmaske

Wie tief darf ein V-Ausschnitt sein und dürfen Männer Masken benutzen? (Symbolbild)

Getty Images

Fabian Hart ist seit vielen Jahren Mode und Beauty Blogger – für Männer. Im Interview erklärt er, warum man am Badezimmerregal eines Mannes das Desaster der modernen Rollenbilder erkennt.

Ich investiere in meine "Schönheit" – wieso fällt Männern dieser Satz so schwer?

Eine Freundin von mir postete gestern auf Instagram die Lyrics des Madonna-Songs "What It Feels Like for a Girl": "Girls can wear jeans/And cut their hair short/Wear shirts and boots/’Cause it’s okay to be a boy." Die Frau kann sich problemlos am Mann orientieren, umgekehrt funktioniert das aber nicht, weil es den Mann scheinbar kleiner macht. So geht es im Song auch weiter: "But for a boy to look like a girl is degrading/ ’Cause you think that being a girl is degrading." In diesem 17 Jahre alten Popsong steckt die ganze Misere, die absurderweise heute immer noch aktuell ist. Die Mehrheit der Männer ist nach wie vor in einem patriarchalen Rollenverständnis aufgewachsen. Und in dem ist es einfach peinlich, Dinge zu machen, die feminin besetzt sind: sich eincremen, zur Pediküre gehen, einen Duft finden. In Wahrheit da hat Madonna recht ist das eine Abwertung der Frau.

Geht nicht sogar die Industrie selbst das Thema Männerpflege halb verschämt an?

Im Mainstream sogar komplett verschämt. Wenn große Männermagazine Pflegeprodukte präsentieren, sieht das Setting ganz oft aus wie eine Werkstatt, die Produkte müssen das Image eines handwerklichen Tools haben, damit der Mann sich überhaupt traut, sie in die Hand zu nehmen. Parfüm-Flakons, die aussehen wie Hanteln, Augencreme-Tuben im Design eines Schraubenziehers. Mich nervt es, wenn ein Pflegeprodukt nicht dazu steht, ein Pflegeprodukt zu sein. Und die Inszenierung nervt mich auch. Dass sich die Typen in der Werbung das Aftershave immer derart brutal in die Fresse klatschen, als wollten sie sich selbst schlagen. Das ist so albern, so rückschrittlich. Wie wenn man kleinen Mädchen ungefragt Prinzessinenkronen aufsetzt und ihre Zimmer rosa streicht.

Diese ganzen Produkte riechen auch oft so extrem.

Sie stinken! Deos, Cremes, Rasierschaum sind in der Mehrheit total überparfümiert. Wenn man sich nicht einigermaßen genau mit den Produkten auseinandersetzt, sondern in der Drogerie einfach irgendwas greift, riecht man wie ein Neandertaler. So nach dem Motto: Wenn ich das als Typ schon kaufen soll, soll es mich wenigstens zur Testosteronschleuder machen.

Komisch, dass der Durchschnittsmann Angst vor Weicheiverdacht hat, obwohl doch Männer mit Harte-Kerle-Image ihre Lust am Styling sehr offen zur Schau stellen: Rockstars tragen Kajal und Nagellack, Prolls rasieren sich Muster in die Haare und wachsen ihre Bizeps – wo liegt da der Unterschied?

Diese Looks erfordern zwar intensive Beschäftigung, aber im Ergebnis verhärten sie den Mann ja wieder, es geht um eine Steigerung der Männlichkeit. Muskeln, gebräunte Haut, Lederkluft das dient alles der Überzeichnung der eigenen Stärke, der Stählung, einer Art Hypermaskulinität. Bei der Pflege dagegen geht es nicht vorrangig darum, einen Look zu performen, sondern zu sagen: Das mache ich, weil es mir guttut. Pflege ist Selbstzweck.

Wieso ist die Männlichkeit in der Ästhetik denn so ein sensibles Thema?

Weil es, ganz generell, in den letzten Jahrzehnten keine aktive Emanzipierung des Mannes gegeben hat. Die Frau hat den Mann mitemanzipiert, indem sie sich in ganz vielen Bereichen des Lebens unabhängig gemacht hat, aber er selbst hat kaum etwas an seiner Rolle verändert. Und auf einigen Gebieten hinkt er seitdem hinterher. Deshalb auch dieses undefinierte Unwohlsein gegenüber allem, was man gemeinhin als Soft Skills versteht.

Ist diese Scham auch eine Schuld der Frauen? Muss man denen mal sagen: Der Orlando Bloom, den du so anschmachtest, macht vermutlich zwei mal im Quartal Detox, geht zum Vampirlifting und isst nach 18 Uhr keine Kohlenhydrate mehr.  

Na klar, für Gleichberechtigung auch in der Mode und in der Pflege müssen sich Männer und Frauen aufeinander zubewegen. Wer seinen Freund dafür auslacht, dass er eine Antifaltencreme benutzt, erschwert diesen Prozess. Ich finde, wir sollten zu einem Punkt kommen, an dem der Mann nicht mehr seine Männlichkeit beweisen muss und die Frau nicht mehr ihre Weiblichkeit. Solange man als Schwuchtel oder irgendwie spleenig dargestellt wird, weil man zur Pediküre geht, ist der noch nicht erreicht.

Frauen wird von der Beauty-Industrie suggeriert, sie seien hässlich, damit ihre Kaufbereitschaft steigt. Kommt das auf Männer auch zu? Oder ist das bereits so?

Ich glaube, das ist bei Männern noch schlimmer. Für Frauen gibt es erweiterte Schönheitsbilder: Plus-Size-Models, androgyne Models. Bei Männern gilt immer noch der maskuline, sich seiner Männlichkeit bewusste Heterosexuelle als attraktiv.

Auf Laufstegen sieht man aber doch vor allem androgyne Männertypen.

Die Modewelt ist aber nicht die Alltagswelt. Wenn in der "Tagesschau" Bilder von der Fashion Week gezeigt werden, denkt doch der Zuschauer: "Was die verrückten Vögel in Paris da wieder machen!" Das allgemeine konservative Schönheitsempfinden ist immer noch ein anderes.

Welche sind denn die Pflege-Basics, die jeder Mann sich mal anschauen sollte?

Ach, das kann schon eine simple Gesichtsreinigung sein. Oder mal einen Tag in einem Spa zu verbringen und da im Bademantel abzuhängen, zu schwimmen, in die Sauna zu gehen. Man muss ja erst einmal herausfinden, was einem guttut. Dieses Gefühl zu entwickeln ist schon ein großer Schritt. Da wird die Feuchtigkeitsmaske dann zum Symbol männlicher Emanzipation.

Das muss unterstützt werden. Wir haben bei den Kollegen in der Redaktion mal ein paar Fragen eingesammelt. 

Okay. Los geht’s!

Lieber Drei- oder Fünftagebart?

Beides okay, viel besser aber: ein Moustache. Nur der Vollbart ist wirklich vorbei. Genau wie der "Man Bun", der Knoten am Hinterkopf. Ich finde ja: Wenn sich Typen schon lange Haare züchten, sollen sie sie doch auch mal zeigen. Jungs, lasst das Haar herunter!

Können wir uns darauf einigen, dass Achselhaare die einzigen Auswüchse sind, die Männer unbedingt entfernen sollten?

Nö, würde ich mich nicht drauf einigen wollen. Wir haben Frauen jahrzehntelang eingeredet, dass Achselhaare schlimm aussehen. Das ist ein so starrer gesellschaftlicher Code geworden, dass die Medien heute ausflippen, wenn H&M eine Kampagne spielt, in der Frauen Achselhaare tragen. Man feiert eine Marke, weil sie Natürlichkeit ab bildet.

Wie viel Dekolleté sollte der Mann zeigen?

Gar keins! Horror! Don’t do it! Shirts mit tiefen V-Ausschnitten sind wirklich vulgär. Der V-Ausschnitt schreit: Schau hin, ich gehe trainieren. Das brauchen wir nicht mehr.

Überhaupt Klamotten: Früher waren sie oft ein politisches Statement. Heute tragen alle alles. FDP-Politiker sehen aus wie Hippies, Pop-Fans lieben Grungeinsignien. Ist der Verlust von Codes in der Mode Freiheit oder Gleichgültigkeit?

Die Mode ist ja eh tot. Zumindest als Singular. Es gibt nur noch die Moden. Es gab den Achtziger-Look, den der Neunziger. Was aber ist denn bitte der 2010er-Style? Man kann das gar nicht mehr verorten. Der kleinste Indiekultur-Trend wird heute sofort über Instagram und Tumblr in die Welt geblasen, um ein paar Wochen später bei den großen Modeketten im Schaufenster zu hängen. Ich finde das schade.

Wieso?

Weil es, obwohl man so viel Auswahl hat, immer schwieriger wird, Individualität auszudrücken. Weil alles nur noch Stilpluralismus und dadurch irgendwann gar nicht mehr genau zu verorten ist: Was ist eigentlich das Original? Was sample ich da gerade? Morgens bist du Boho, mittags Business, abends Punk. Für jede soziale Rolle haben wir mittlerweile Kleidung. Es ist wirklich schwer, da einen eigenen Stil zu finden. Und gleichzeitig ist das natürlich auch eine riesige Befreiung, weil sich Dresscodes völlig aufgelöst haben. Wenn du nicht gerade auf deine eigene Beerdigung gehst, kannst du alles tragen, was du willst.

Dieser Artikel ist erstmals in der NEON Ausgabe 03/2017 erschienen.

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