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Meinung

Ständige Beschwerden: Liebe Deutsche-Bahn-Hasser, bei Zugverspätungen zeigt sich der wahre Charakter

Die Deutsche Bahn nicht zu mögen, ist ungefähr so originell wie Helene Fischer anstrengend zu finden. Trotzdem hören meine Mitmenschen nicht auf, sich täglich über Verspätungen zu beschweren. Das nervt. 

Stundenlang da sitzen und starren, ohne wie ein Psycho auszusehen: Das geht nur beim Bahnfahren

Stundenlang da sitzen und starren, ohne wie ein Psycho auszusehen: Das geht nur beim Bahnfahren

Getty Images

Nein, die Deutsche Bahn hat mich nicht dafür bezahlt, diesen Text zu schreiben. Selbst wenn ich Bahnfluencer werden wollte, wäre ich dafür viel zu genervt. Davon, dass ich in der Zeit, die ich bisher auf die Deutsche Bahn gewartet habe, Philosophie studieren, Chinesisch auf C1-Niveau lernen oder mich selbst hätte finden können. Stattdessen war ich wütend.

Wütend sein ist ein guter Zeitvertreib. Wer auf Twitter ist, kann während des Wartens wütende Tweets twittern, andere wütende Tweets über das Bahnfahren liken und dabei noch wütender werden. Durch die anhaltende Wut kommt auch auf langen Fahrten keine Langeweile auf. Das habe ich selbst beobachtet, nicht nur an mir. Bahnfahrten bieten die perfekte Gelegenheit für eine kleine Sozialstudie.

Irgendwo sitzt immer jemand, der ganz schwer seufzt

Bei längeren Fahrten scheint die Durchsage des Schaffners unvermeidlich: "Sehr geehrte Fahrgäste, wegen einer Streckensperrung wird sich unsere Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit verzögern. Mehr dazu in Kürze. Vielen Dank für Ihr Verständnis." Diese Aussage wird sich in der nächsten halben Stunde mindestens dreimal wiederholen. Natürlich hat niemand dafür Verständnis.

Stattdessen kommen sie wieder zum Vorschein: die verschiedenen Bahnfahrer-Charaktere. Irgendwo sitzt immer jemand, der ganz schwer seufzt. Dann ist da die ältere Frau, die pausenlos den Kopf schüttelt und auf ihren Gatten einredet, während der nicht einmal von seiner Tageszeitung aufschaut. "Das gibt es doch jetzt nicht. Das ist doch wirklich unglaublich, Heinrich." – "Ja, unglaublich." – "Immer das Gleiche." – "Ja, immer das Gleiche." – "Das hatte doch die Margreth auch letztens erzählt. Zwei Stunden standen die dann da." – "Ja, zwei Stunden." – "Unglaublich, die lernen es nicht." –"Nein, immer das Gleiche."

Schweres Seufzen.

Ihnen gegenüber sitzt dieser Mann im Anzug, der seit Fahrtbeginn in die Tastatur seines Macbooks hämmert und nur manchmal ruckartig den Kopf hebt und aufschaut. Nach der Bahndurchsage zückt er sein iPhone 11 und spricht mit so gedämpfter Stimme in sein Telefon, als wäre am anderen Ende die Mafia dran. Während des Gesprächs wirft er immer wieder unruhige schnelle Blicke auf die Rolex an seinem Handgelenk. Wenn er Pech hat, sitzt direkt neben ihm die Vierer-Rentnerinnen-Gruppe in "Bielefeld gibt es"-T-Shirts. Jede Bahndurchsage finden sie so witzig, dass sie mit Hugo aus der Dose darauf anstoßen.

Schweres Seufzen.

ICE Zug

Weiter vorne sitzen die Eltern mit dem Kind. "Was hat der Mann gesagt, Papa?" – "Wir fahren jetzt nicht weiter." – "Warum nicht?" – "Weil es eine Störung gibt."  – "Warum?" – "Das wüssten wir alle gerne."  Und dann lachen alle, die zugehört haben, sehr herzlich und vielleicht auch etwas hysterisch, vereint in ihrem Leid, das sie für kurze Zeit zusammenschweißt.

Schweres Seufzen.

Neben den Personen, die fünfmal hintereinander wahlweise ihre Eltern oder ihren Partner anrufen und ins Telefon säuseln ("Nein, wir sind immer noch nicht los gefahren. Nein, immer noch nicht. Nein, jetzt auch noch nicht.") wären da auch noch die Personen, die sich stillschweigend mit ihrer tragischen, nicht veränderbaren Situation abgefunden haben.

Dazu gehöre ich.

Ich kann euch verstehen in eurem Leid, aber es bringt euch nicht weiter

Menschen, die sich über das Bahnfahren aufregen, langweilen mich. Tweets, die sich über das Bahnfahren amüsieren, nerven mich. Freunden, die sich auf WhatsApp über die Bahn beschweren, antworte ich nicht. Ich kann euch verstehen in eurem Leid, aber es bringt euch nicht weiter.

An vielen Problemen kann die Deutsche Bahn nichts ändern. Wirft sich jemand vor den Zug, kann der Lokführer nicht weiterfahren. So zynisch das klingt: Das passiert öfter, als ihr denkt. Laut Statistiken der Deutschen Bahn sterben jedes Jahr in Deutschland mehr als 800 Menschen auf Gleisen. Noch mehr versuchen es. Nur wird das nicht jedes Mal kommuniziert. Kein Fahrgast möchte die Durchsage hören "Es hat wieder jemand versucht, sich umzubringen. Wir wissen nicht wer und fahren jetzt weiter." Auch auf das Wetter hat die Bahn keinen Einfluss.

Wenn ihr euch in ein öffentliches Verkehrsmittel setzt, dann findet euch also bitte damit ab, dass unvorhergesehene Dinge passieren können. Ich persönlich habe mittlerweile angefangen, das Bahnfahren zu lieben. Zu keiner anderen Gelegenheit könnt ihr stundenlang aus dem Fenster starren, ohne dabei wie ein Psycho auszusehen. Das regelmäßige ganz leichte Rattern des Zuges hat dabei fast etwas Beruhigendes – und so könnt ihr einfach dasitzen und nichts tun. Oder Menschen beobachten. Oder mit Leuten ins Gespräch kommen, mit denen ihr sonst niemals freiwillig gesprochen hättet. Davon gibt es in jeder Bahn einige. Einmal habe ich mir von meiner mystischen Sitznachbarin die Karten legen lassen. (Meine erste Karte war der Gehängte. Nun ja.) Ein andermal hat mir eine Mitte-60-jährige Lehrerin ihre wirklich interessante Berufsgeschichte erzählt. Und einmal saß ich einem Fußfetischisten gegenüber, der meine Füße fotografieren wollte. (Ok, das war kein gutes Beispiel. Vergesst dieses Beispiel.) 

In diesem Sinne: Denkt doch wenigstens zur Weihnachtszeit daran, dass es nichts bringt, sich über Dinge aufzuregen, die ihr nicht ändern könnt. Statt den fünften wütenden Tweet zu twittern, unterhaltet euch lieber mit eurem Sitznachbarn. Vielleicht findet ihr euren Seelenverwandten. Oder einen Fußfetischisten. Aber dann setzt ihr euch eben um. Und habt beim nächsten Smalltalk zumindest etwas Interessanteres zu erzählen, als die Tatsache, dass euer Zug eine Stunde Verspätung hatte.  

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