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Meinung

Tiefpunkt einer hysterischen Debatte: Mesut Özil tritt zurück: Ein trauriges Symbol für das Deutschland, in dem wir heute leben

Mesut Özil hat sein wochenlanges Schweigen gebrochen - mit einem Knalleffekt: Über die sozialen Medien verkündet er seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Eine bittere Pointe, die viel erzählt über die vergiftete Stimmung in unserem Land.

Mesut Özil

Mesut Özil hat sein monatelanges Schweigen mit einer Stellungnahme in den sozialen Medien gebrochen

Mesut Özil hat keine Lust mehr. Mit einem sonntäglichen Tweet in drei Akten verkündet er seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft – und beweist damit ganz nebenbei, dass er das Spiel auf der medialen Klaviatur eben doch beherrscht. Eine Eigenschaft, die man ihm bezüglich seines "Krisenmanagements" der letzten Wochen schon abgesprochen hatte.

Özils Kapitulation ist nachvollziehbar. Sie ist auch eine Pointe, die noch einmal die groteske Überhöhung der hysterischen Debatte auf den (Tief-)Punkt bringt. Seit Wochen forderte gefühlt die ganze Welt, dass sich der gute Mesut doch nun endlich mal äußern möge zu seinem Trikottausch mit Erdogan, der beim aufrechten deutschen Fußballfan kurz vor der WM für Tobsucht sorgte. Jetzt müssen sich all jene, die nach Konsequenzen gerufen haben, fragen lassen: Habt ihr DAS wirklich gewollt?

Statement zum Treffen mit Erdogan: Twitter-User reagieren auf Özils Erklärung: "Das Özil-Statement hakt an einem gefährlichen Punkt"

Mesut Özil: "Es ging nicht um Politik"

Özil ist schon immer eher für Eleganz auf dem Platz als für Eloquenz vor irgendeinem Mikrofon bekannt. Von Anfang an war also unklar, was sich die empörten Fans von einem Statement des Nationalspielers eigentlich erhofften. Und nun, da seine Äußerungen vorliegen – wie fühlen sich jetzt all jene, die von ihm was zum Thema hören wollten? Verstehen sie ihn etwa besser? Oder können sie ihn einfach nur hemmungsloser hassen? Werfen sie es ihm jetzt womöglich noch vor, dass er nicht mehr für den DFB spielen möchte? In dieser so hohlen wie hitzigen Diskussion ist kein Beitrag zu dumm, dass er nicht denkbar wäre.

Özil schreibt: "Für mich ging es bei dem Foto mit Präsident Erdogan nicht um Politik oder Wahlen." Er habe damit schlicht "das höchste Amt im Land meiner Familie respektiert." Er würde das Foto wieder machen. "Für mich war nicht wichtig, wer der Präsident war, sondern dass es der Präsident war", so Özil weiter. Er sei Fußballspieler, kein Politiker, und das Treffen sei "keine Unterstützung irgendeiner Politik" gewesen.

Eigentlich macht Özil mit seinem Tweet also alles richtig: Er beweist, dass er sich von der unglaublichen rechten Hetze der letzten Wochen nicht einschüchtern lässt, sondern steht dazu und zeigt keine Reue. Er entschuldigt sich damit auch nicht bei widerlichen Pöblern, die auch unter seinen aktuellen Tweet wieder Kommentare schreiben wie: "Dann geh in die Türkei und lass dich aufhängen." Bei aller zweifelhaften Botschaft, die Özils Bild mit Erdogan vermittelt hat – es handelte sich dabei schließlich nicht um eine illegale Aktion. Özil sieht deshalb zu Recht keinen Grund, vor Rassisten auf die Knie zu gehen. Und gleichzeitig zieht er mit seinem Rücktritt die Konsequenz aus der ungeheuerlichen Kehrtwende, mit der die DFB-Machtmenschen Grindel und Bierhoff ihren verdienten Spieler der Öffentlichkeit zum Fraß vorwarfen.

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Eigentlich macht Özil mit seinem Rücktritt aber auch alles falsch: Weil er dem öffentlichen Druck nachgibt. Weil er sich am Ende doch zermürben ließ von einer unsäglichen Diskussion, deren absurdes Ausmaß leider vor allem auf seine türkische Herkunft zurückzuführen ist. Jeder, der etwas anderes behauptet, ist entweder scheinheilig, naiv oder dumm. Die Causa Özil erzählt leider verdammt viel über die vergiftete Stimmung in unserem Land.

Alles richtig gemacht - und alles falsch gemacht

Özil ist erst 29 Jahre alt. Er hat noch einige gute Jahre als Fußballer vor sich. Aber in der Nationalmannschaft ist er offenbar nicht mehr erwünscht. Zu gut hat er sich dieser Tage als Bauernopfer angeboten, um von der peinlichen WM abzulenken. Und so beendet er seine DFB-Karriere, wie er sie einst begonnen hatte: als Symbolfigur. Rund um das Jahr 2010 stand er stellvertretend für ein junges, multikulturelles Team und damit für Offenheit, Kreativität und Vielfalt – Attribute, mit denen sich Deutschland damals gerne geschmückt hat.

2018 tritt ein desillusionierter Özil zurück, nachdem er sich über Wochen jeder Menge Hetze und Rassismus ausgesetzt sah. So wird er auch im Abgang zum Symbol für das Deutschland, in dem wir heute leben.

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