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"Du wirst eh nie akzeptiert" Integrationsforscher: Özils Rassismus-Vorwurf deckt sich mit unseren Daten

Wie erklären Sie sich, dass sich immer mehr Deutschtürken in Deutschland nicht zugehörig fühlen?


Die Hatice sagt, was der Anja zusteht, steht mir auch zu. Der Memet sagt, was dem Sebastian zusteht, steht mir auch zu. Das heißt, ich bin Bürger dieses Landes. Wenn sie aber dann das Gefühl haben, doch nicht gleichwertiger Bürger dieses Landes zu sein, dann ziehen sie sich zurück und fühlen sich weniger dazugehörig. Sehen sozusagen in der türkischen Community eher ihr Zuhause. (...) Die positive Botschaft ist, dass der deutlich größere Teil sich Deutschland auch zugehörig fühlt. Das heißt: Mehrfachzugehörigkeit ist etwas Normales.   Aber wenn man sich auf ein Land konzentrieren müsste, sehen wir schon, dass die Verbundenheit mit Deutschland eher abnimmt.
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Aufbauend auf Ihren Studienergebnissen: Wie erklären Sie sich den Rückzug Özils aus der deutschen Nationalmannschaft?


Mesut Özil wurde ja gefeiert als sozusagen Vorzeigemigrant. Er hat den Integrationspreis bekommen. Er hat sich entschieden nicht für die Türkei, sondern für Deutschland zu spielen. Er hat dafür auch Pfiffe und Buhrufe aus der Türkei bekommen. Als Landesverräter, als einer der sich assimiliert. Das heißt er hat diesem Druck, sich eindeutig positionieren zu müssen, nachgegeben. Hat lange für Deutschland gespielt, auch lange Zeit sehr gut, sehr erfolgreich. Macht jetzt aber die Erfahrung, er gehört nicht dazu. Wird zum Sündenbock dargestellt.  (..) Er hat das Gefühl, es nicht allen recht machen zu können und hält diesem Druck nicht mehr stand. (...)


Özil greift in seiner Erklärung auch die Medien an. Welche Verantwortung haben deutsche Medien in der Integrationsdebatte? 


Die Diskussionen sind ja aus der Sich der Migranten, wenn Sie sich das von der anderen Perspektive angucken, ist das nicht immer sehr freundlich.   dann ist das schon manchmal sehr verletzend. Wenn dann so eine Frage kommt wie: Gehören die Muslime dazu? Was heißt das? Was ist das für ein Signal? Die Menschen fragen sich: Wo gehör ich denn hin? Das sind schon sehr verletzende, auch als verletzend Leute denken sich, ja klar, ich bin doch Deutscher. Das sind schon sehr verletzende, auch als verletzend, diffamierend wahrgenommenen Aussagen, die das Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland abbröckeln lassen.  Genau an solchen Diskriminierungspraktiken muss gearbeitet werden.


Özil spricht in seiner Rücktrittserklärung von Rassismus – zu recht?


Wir machen seit 1999 diese Befragung über den Grad der Assimilation Türkeistämmiger in NRW. Und wir haben immer die Frage: Haben Sie im letzten Jahr das Gefühl gehabt, ungleich behandelt zu werden? Das heißt, gibt es Diskriminierungserfahrung? Und haben über die Jahre immer 50 bis 60 Prozent gehabt. Wir haben im Jahr 2010, in der Hochphase der Sarrazin-Debatte, Werte bis zu 80 Prozent gehabt. Das heißt, wo Türkeistämmige sagen: Ich hab das Gefühl, ich werde ungerechtfertigt ungleich behandelt. Insofern ist der Rassismus-Vorwurf etwas, was sich mit unseren Daten deckt schon seit einem längeren Zeitraum. Das fatale Ergebnis ist ja jetzt, dass rechte Tendenzen sich auf beiden Seiten als Sieger wähnen. Sowohl auf türkischer Seite, die sagen: Schau mal, da kannst du dich noch so sehr anbiedern. Du kannst dich noch so sehr assimilieren, du kannst noch so doll deine Herkunft leugnen, im Sinne von ich gehöre nicht zur Türkei. Du wirst eh nie akzeptiert. Er hat eh nie dazu gehört. Er war eh nur ein Passdeutscher. Und das sind glaub ich schon fatale Entwicklungen.


Was lässt sich aus dem Fall Özil lernen?


Wenn man etwas entspannter mit Mehrfachzugehörigkeiten umgeht. Sie als Normalität, transnationale Beziehungen zu haben, als Normalität versteht. Dann ist das sowohl für die Beteiligten leicht zu sagen, ich habe türkische Wurzeln, ich habe italienische Wurzeln, ich habe irische Wurzeln, aber auch deutsche! Viel leichter, als immer dieses Gefühl zu haben, die eine Seite unterdrücken zu müssen, um akzeptiert zu werden.
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Eine neue Studie der Universität Duisburg/Essen zeigt: Immer mehr Deutschtürken fühlen sich weniger mit Deutschland verbunden. Integrationsforscher Haci-Halil Uslucan erzählt im Interview, warum die Daten Aufschluss über die aktuelle Rassismus-Debatte um Mesut Özil geben.

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