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Meinung: Millennials in der Sauna: Nackt oder in Badekleidung? Ein Pro und Contra

Die einen treffen sich dort ganz entspannt zum ersten Date, die anderen bekommen schon beim Gedanken daran Panik: der Gang in die Sauna spaltet Gemüter. Zwei Ansichten zum nackten Schwitzen.

Sauna

Beim Thema Sauna spalten sich die Gemüter (Symbolbild)

Getty Images

NEON-Redakteurin Laura: "Jeder kann sich präsentieren wie er ist und allen ist es egal."

Ich liebe Sauna. Das hat zwei Gründe: An keinem Ort der Welt kann ich so gut abschalten. Einfach nur atmen, überleben, die heiße Luft in meine Lungen lassen und mein Gehirn ausschalten. Dazu kommt, dass Saunieren für mich der absolute Body-Booster ist. Schon die halbe Stunde nach dem Fitnessstudio reicht, um wieder einmal zu lernen, warum Menschen Kleidung tragen – sie tut ihnen einfach etwas Gutes. 99 Prozent der Menschheit (mich eingeschlossen), mit denen man nicht emotional verbunden ist, ist im Adamskostüm einfach nicht besonders ansehnlich. Und das ist genau der Deal. Denn in der Sauna geht es eben nicht um das perfekt abgestimmte Sportoutfit und die Performance im Spinningkurs oder den nächsten smarten Auftritt. Jeder kann sich präsentieren, wie er ist und allen ist es egal.

Es ist nicht so, als müsste ich mir das nicht vor jedem Saunabesuch auch wieder in Erinnerung rufen, wenn das Schild "Textilfreier Bereich" kommt. Noch vor zwei oder drei Jahren wäre ich niemals in die Sauna oder ins Spa gegangen – schon gar nicht gemischt mit Männern und Frauen. Die Vorstellung, zwischen fremden, nackten, schwitzenden Körpern wie die Hühner auf der Stange in einem kleinen Holzraum zu sitzen, klang nicht besonders verlockend. Warum sollte ich mich von fremden Menschen anstarren lassen  - und mir auch noch ihre Körper anschauen müssen? "In der Sauna gibt es eigene Regeln" war immer die Aussage meines Vaters, selbst passionierter Saunagänger mit seinen Tennis- und Arbeitskumpels.

Verstanden habe ich das nie so recht, bis ich selbst in die Sauna gegangen bin: Wer dort hingeht, will entspannen und nicht starren. Und genauso wenig wie man andere Menschen anstarrt, wird man eben selbst angestarrt. Kein Grund also, sich zwanghaft in den Bademantel oder gar die Badeklamotten einzuwickeln. Natürlich ist es beruhigend zu erkennen, dass die wunderhübsche Spinningpartnerin ohne Sportkleidung doch nicht ganz so perfekt ausschaut. Aber es ist auch schön zu sehen, dass jeder eben anders ist und, übrigens egal in welchem Alter, einen einzigartigen Körper hat – den er getrost der Welt zeigen kann. Nicht die Wahl zu haben, ob man nackt ist oder nicht, ist daher für mich eine Befreiung.

stern-Redakteurin LuisaMach dich nackig, sonst gibt’s Ärger!

Saunagänge bedeuten für mich eher Stress als Entspannung. Während ich wenig lieber tue, als bei 30, 40 Grad am Strand zu liegen, sorgt die Hitze in den holzvertäfelten Räumen eher dafür, dass ich nach kürzester Zeit die Faxen dicke habe und mich am liebsten in die Eistonne legen würde.

Was auch damit zusammenhängen könnte, dass es schlichtweg unfassbar unangenehm ist, sich mit fünf bis zehn splitterfasernackten Fremden auf engstem Raum zum kollektiven Schwitzen zu treffen. Es herrscht absolute Stille, gelegentlich vernimmt man ein Grunzen, ist der Kerl in der Ecke, der hier schon seit einer guten Stunde liegt, gerade weggenickt. Dass diese Situationen oft unfreiwillig komisch sind, bringt mich latent angespannte Saunagängerin doppelt in die Bredouille – denn auch Lachen ist strengstens verboten. Der Schweiß perlt von den Gesichtern. Mit Müh und Not versuche ich, irgendwo hinzugucken – nur möglichst nicht auf den Intimbereich des Nachbarn, der breitbeinig hängen lässt, was ihm die Natur geschenkt hat. Oder die Brüste, den dicken Bauch oder den plattgedrückten Hintern der anderen Saunierenden. Ich selbst trage deshalb am liebsten einen Bikini in der Sauna.

Dabei stellt das Nacktsein an sich für mich gar nicht mal das große Problem dar. Denn daran könnte ich mich, halte ich es in der Hitze mal länger als fünf Minuten aus, durchaus gewöhnen. Es ist vielmehr der erhobene Zeigefinger vieler (meist älterer) Saunagänger, sollte man die Regel aller Regeln mal nicht befolgen und verbotenerweise ein bisschen Textil am Körper haben. Es dauert keine 30 Sekunden, da wird man in ur-deutscher Manier von der Seite aus angeblafft: "Das ist hier eine Nacktzone!" Danke Herbert, entspann dich, ich zieh den Bikini ja schon aus!

Es mag ja sein, dass textilfrei schlichtweg hygienischer ist. Was in meinen Augen allerdings schwer zu erklären ist, schließlich holen sich Italiener, Amerikaner und sonstige Angezogen-Saunierende ja auch nicht in einer Tour Intimpilze oder Krankheiten, die durch nicht akkurat ablaufenden Schweiß entstehen. Aber gut, Schwamm drüber. Nur warum sind die Wellness-Fanatiker nach dem 90-Grad-Rasten nicht so entspannt, wie sie doch eigentlich sein sollten? Dass ich die Menschen mit meinem Bikini so sehr provoziere als hätte ich gerade vor versammelter Mannschaft erklärt, die Erde sei eine Scheibe, werde ich nie verstehen. Es wäre also wirklich schön, wenn wenigstens der Kompromiss geduldet würde: das Handtuch. Denn gegen ein Handtuch, das ich mir um den nackten Körper binde und das ich – wenn ich es dann möchte – irgendwann immer noch ablegen kann, sollte doch eigentlich nichts zu sagen sein. Oder?

Und wenn dann ein paar der grummeligen älteren Herren denken, ich sei mit meinem Handtuch nur zum Spannen gekommen und um mal ein paar schwitzende Nackideis zu sehen, kann ich nur sagen: Danke, aber nein danke.

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