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Upskirting : Unter-den-Rock-Fotografieren ist in Deutschland keine Straftat – wie kann das sein?

Personen im öffentlichen Raum unter den Rock zu fotografieren, ist in Deutschland keine Straftat. Wir haben beim Bundesjustizministerium und bei einem Rechtsanwalt nachgefragt, was sie davon halten. 

Zwei Frauen mit kurzer Hose und kurzem Rock sind von hinten zu sehen

Frauen unter den Rock zu fotografieren, ist in Deutschland keine Straftat

Für jede noch so abwegige Situation scheinen wir in Deutschland ein Gesetz zu haben: Es ist verboten, im Gleichschritt über eine Brücke zu marschieren, Bäume auf ein Fußballfeld zu pflanzen oder nackt aus einem Auto zu steigen. Personen im öffentlichen Raum unter den Rock zu fotografieren, sogenanntes Upskirting, ist aber keine Straftat. 

Dabei wäre ein Gesetz, das genau dieses Verhalten verbietet, dringend notwendig, wie Fälle in der Vergangenheit zeigen. Die 28-jährige Hanna Seidel und die 25-jährige Ida Sassenberg versuchen gerade, genau das mit einer Petition zu erreichen. Schon mehr als 26.000 Menschen haben unterschrieben. Eines ihrer Ziele ist, dass die Bundesjustizministerin Katarina Barley das Thema in die Politik trägt. Das Bundesjustizministerium zeigt sich auf Nachfrage von NEON allerdings nur wenig beeindruckt von dieser Idee.

Das Unter-den-Rock-Fotografieren sei ja immerhin in Einzelfällen strafbar. "Etwa, wenn dies mit einer strafbaren Persönlichkeitsrechtsverletzung, sexueller Belästigung, Beleidigung oder Nötigung einhergeht. Das haben Gerichte in jedem Einzelfall zu beurteilen", sagte ein Sprecher des Bundesjustizministeriums NEON. 

Heißt im Klartext: Ein genaues Verbot gibt es nicht und es ist offenbar auch nicht geplant. Rechtsanwalt Christian Solmecke, der sich intensiv mit der rechtlichen Problematik des Upskirting beschäftigt hat, kritisiert das. 

Rechtsanwalt verlangt Änderung des Gesetzes

"Das Upskirting sollte definitiv unter Strafe gestellt werden", sagte er NEON. "Es bietet sich an, hier den § 201a StGB entsprechend zu erweitern, der bereits ein Fotografier-Verbot in bestimmten Situationen vorsieht. Dann würde eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe drohen." 

Mit der derzeitigen Gesetzeslage ist es möglich, dass Spanner mit ihren Fotos ungestraft davonkommen. Ein Beispiel: Im Jahr 2014 hatte der Bürgermeister der bayerischen Gemeinde Scheyern mitten in München fremden Frauen unter den Rock fotografiert. Die Polizei fand 99 Upskirting-Fotos und 27 Filme auf seiner Kamera. Verurteilt wurde der damals 56-Jährige lediglich zu einer Strafe von 70 Euro – und das nicht etwa wegen der Fotos. Während des Gesprächs mit den Polizisten war er wohl handgreiflich geworden, wie die "Augsburger Allgemeine" berichtete. 

Die Wahrscheinlichkeit, dass auch andere Täter ungeschoren davonkommen, ist laut Rechtsanwalt Solmecke sehr hoch. "Denn sofern andere Menschen als die betroffene Frau das heimliche Foto nicht bemerkt haben, der Mann auf offener Straße fotografiert hat und auch nicht auf sonstige Weise die Frau beleidigt hat, ist das Verhalten weder strafbar noch ordnungswidrig", erklärt er. "Zwar kann ich als Frau die Täter verklagen. Doch dafür müsste ich erst einmal deren Kontaktdaten kennen. Das ist nicht immer einfach."

In Großbritannien ist Upskirting seit Januar 2019 verboten 

In dieser Hinsicht sollte sich Deutschland vielleicht ein Vorbild an Großbritannien nehmen. Dort ist Upskirting seit Januar 2019 verboten. Tätern droht bis zu zwei Jahre Haft. "Upskirting ist ein Eingriff in die Privatsphäre, durch den sich die Opfer erniedrigt fühlen und erschüttert sind“, twitterte die britische Premierministerin Theresa May dazu im Sommer 2018. 

Auch in England musste das Gesetz jedoch erst von einer jungen Frau angestoßen werden. Die Autorin Gina Martin, selbst Opfer von Upskirting, setzte in einer 18-monatigen Kampagne durch, dass die voyeuristischen Fotos verboten werden. Während ihrer Kampagne hätten sich Hunderte von Opfern bei ihr gemeldet, berichtete die 27-Jährige britischen Medien.

Auch Ida Sassenberg und Hanna Seidel bekamen Nachrichten von Upskirting-Opfern. Darunter eine 14-Jährige, die von Fällen an ihrer Schule und dem vielleicht größten Problem berichtete: Die Opfer werden noch immer nicht ernst genommen. Viele Frauen wissen vermutlich nicht einmal, dass sie selbst dazu zählen. Im schlimmsten Fall befinden sich Fotos ihres Intimbereichs mittlerweile auf Porno-Seiten. So weit sollte es das Gesetz nicht kommen lassen.

Hier könnt ihr die Petition gegen Upskirting unterschreiben. 

Die zwei jungen Frauen Ida Sassenberg und Hanna Seidel

Quellen: "Augsburger Allgemeine", dpa, "Guardian"