HOME

"Verwirrtes Konzept von Freiheit": 31 Seiten langes Dokument: Vatikan leugnet modernes Geschlechterverständnis

Wie sehr man sich im Vatikan gegen alles sträubt, was nicht der Norm von Mann und Frau entspricht, zeigt ein ellenlanges Dokument, welches nun veröffentlicht wurde und katholischen Schulen bei dem Umgang mit der Genderfrage helfen soll.

Papst Frankziskus

2013 hatte Papst Franziskus der LGBTQ-Community noch Hoffnung gemacht, als er auf Nachfrage wegen eines angeblich homosexuellen Priesters im Vatikan antwortete: "Wer bin ich, jemanden zu verurteilen?"

Picture Alliance

Es ist Juni. Abgesehen von der Fußballweltmeisterschaft der Frauen, den French Open und Pfingsten bedeutet das international vor allem eines: Pride Month. Auf der ganzen Welt versammeln sich Menschen, um die LGBTQ-Community in all ihrer Diversität zu feiern. Für die streng gläubigen Katholiken im Vatikan scheint das ein wenig zu viel des Guten zu sein. Nicht anders lässt sich erklären, wieso sie sich ausgerechnet diesen Monat ausgesucht haben, um ein Schriftstück mit dem klangvollen Namen "Männlich und weiblich erschuf er sie: Für einen Weg des Dialogs bei der Genderfrage in der Schule" zu veröffentlichen.

31 Seiten – so lang ist das Dokument, das der Vatikan am Pfingstmontag unter die Leute brachte. Hierbei handelt es sich um eine Veröffentlichung der Bildungskongregation, die sich an die "Bildungscommunity katholischer Schulen" wendet.

Unterschrieben von Kardinal Giuseppe Versaldi und Erzbischof Angelo Vincenzo Zani, umschreibt das Dokument im Detail die Annahme, dass die moderne Gesellschaft und die öffentliche Anerkennung von Geschlecht als fluides Konzept, dazu beigetragen habe, "die Familie als Institution zu destabilisieren." Das bringe eine Tendenz mit sich, "die Unterschiede zwischen Mann und Frau auszulöschen, indem man sie als bloße historisch-kulturelle Konditionierung versteht“. Wer für eine "Gesellschaft ohne Geschlechterunterschiede" eintrete, zerstöre "die anthropologische Basis der Familie."

Die Angst des Pontifex und seines Gefolges: "In einer wachsenden Kontraposition von Natur und Kultur, sammeln sich die Vorschläge der Gendertheorie unter dem Überbegriff 'queer', welcher die Dimensionen der Sexualität als extrem flexibel, fliessend und, wenn man so will, nomadisch darstellt." Die komplette Ablösung des Individuums von der "a priori" gegebenen Definition von Geschlecht und Sexualität und das Verschwinden von Klassifizierungen, die als "zu streng" angesehen würden, seien das Resultat.

Vatikan: Wir werden als Männer und Frauen geboren – Punkt.

All das würde Raum für eine ganze Reihe neuer Nuancen in Sachen Sexualität und Geschlecht machen. Kurz gesagt: Der Vatikan glaubt weiterhin fest daran, dass wir entweder als Mann oder Frau geboren werden und dass es daran auch nichts zu rütteln gibt.

Wenig überraschend sorgt auch das Konzept der Polyamorie beim Heiligen Vater für Stirnrunzeln, weshalb es in der Schrift einen eigenen Absatz bekommt: "Man fordert, dass die Länge von Beziehungen, sowie ihre bindende Natur flexibel gehalten werden und davon abhängig sein sollten, wie die Gelüste der beteiligten Individuen sich verändern." Das habe natürlich Konsequenzen bei der Ausübung der mütterlichen und väterlichen Aufgaben. 

All das habe zu Forderungen nach "öffentlicher Anerkennung des Rechtes zur Wahl des eigenen Geschlechtes und zahlreicher neuer Formen der Beziehung geführt", die in direktem Widerspruch zum Modell der Ehe als Verbindung zwischen "einem Mann und einer Frau" stünden. Dieses wiederum würde als "Überbleibsel einer patriarchischen Gesellschaft" gesehen.

Auch innerhalb der Kirche habe es Diskriminierung gegeben

Man stimme zu, dass jegliche Bildung zu diesem Thema immer auch die Intention haben sollte, Diskriminierung zu verhindern: "Es kann nicht geleugnet werden, dass durch die Jahrhunderte hinweg Diskriminierung immer wieder ein trauriger geschichtlicher Fakt ist, der auch innerhalb der Kirche einen Einfluss hatte." Es sei wichtig, Kindern und jungen Erwachsenen die Bedeutung von Respekt für jede andere Person nahezubringen, sodass niemand unter "Mobbing, Gewalt, Beleidigung oder unfairer Diskriminierung wegen bestimmter Charakteristiken (wie Behinderung, Hautfarbe, Religion, sexuelle Neigung, etc.)" leiden müsse.

Dennoch sei die Gendertheorie "in ihrer radikalsten Form" schlussendlich ein "verwirrtes Konzept von Freiheit in Sachen Gefühle, Bedürfnisse und flüchtige Gelüste, die von emotionalen Impulsen und dem Willen des Einzelnen provoziert werden und nicht auf der Wahrheit der Existenz" beruhen.

Man beruft sich unter anderem auf ähnliche Aussagen des Papstes Benedict XVI, der beispielsweise bei einer Ansprache 2011 in Berlin sagte, dass der Mensch eine Natur habe, die er respektieren müsse und nicht willkürlich manipulieren könne.

Francesco Mangiacapra: Sex im Vatikan: Callboy outet 40 katholische Priester

Quelle: "Vatikan News"

jgs
Themen in diesem Artikel