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Meinung

Generationen-Bashing: Faul, verwöhnt, unhöflich? Wieso "diese jungen Leute" gar nicht so schlimm sind

Immer nur am Handy, verwöhnt, unaufmerksam, respektlos – "diese jungen Leute" haben bei den älteren Generationen nicht unbedingt einen Stein im Brett. Viel zu vorzeitig verurteilt, findet unsere Autorin.

Menschen an Ubahnstation gucken aufs Handy

Immer am Handy, unaufmerksam, respektlos – so sind "diese jungen Leute" angeblich

Unsplash

Ich bin ein netter Mensch. Höflich. Gut erzogen. Ich stehe auf, wenn ich in der Bahn eine ältere Person sehe, oder jemanden auf Krücken, oder jemanden mit einem Baby auf dem Arm. Ich halte auch noch der fünften Person vor dem Kaufhaus die Tür auf und murmle nur ganz leise "Gern geschehen". Und trotzdem sitzt mir jetzt diese ältere Dame gegenüber und guckt mich leicht abschätzig an. Ich weiß was ihr missfällt: Es ist das in meiner Hand. Sie würde niemals etwas sagen, aber ich kann ihre Gedanken förmlich hören: "Immer diese jungen Leute und ihre Handys. Den ganzen Tag nur tip, tip, tip." Woher ich das weiß? Weil die ältere Dame vor zwei Tagen, die genau den gleichen Blick drauf hatte, nicht ganz so höflich war und es ihrem Mann vermeintlich leise zuraunte.

Hach ja, diese jungen Leute. Der Topf, in den alle zwischen 16 und 40 gerne geworfen werden, schließlich sind wir alle die gleiche Suppe. Wir sind faul, wir sind verwöhnt, unhöflich – kurzum: Früher war alles besser und uns allen würde ein Klaps mit dem Rohrstock gut tun.

Eine ganze Generation wird pauschalisiert

Sind wir ein bisschen zimperlicher als die Generationen vor uns? Gut möglich. Die meisten von uns nagen nicht am Hungertuch, wir müssen in den seltensten Fällen zu Fuß durch die halbe Stadt pilgern, um zur Schule zu gelangen. Wir sind gut vernetzt, können "mal eben" anrufen, wenn wir uns ein paar Minuten verspäten, wissen, was unsere Freunde machen, selbst wenn sie am anderen Ende der Welt wohnen. Das erlaubt es vielen von uns, bis weit ins Erwachsenenalter zu studieren und "uns zu finden". Das ist Luxus.

Aber was mich nervt, ist Pauschalisierung. Wir werden alle über einen Kamm geschert. Als ob ich, wenn ich in der U-Bahn auf mein Handy schaue, nur mit meinen Freundinnen über unsere fehlenden Zukunftspläne, Parties und Hotpants quatschen würde. Oder als würde mich ein Kaugummi direkt zum fürchterlichen Proleten machen, der ohne Hilfe nicht mal an den Händen bis zehn zählen kann.

Dabei sind wir so schlimm gar nicht. Letztens saß ich im Bus. Vor mir eine Frau mit einem winzigen Säugling, der nach ein paar Minuten anfing, ganz furchtbar zu schreien. Hunger. Wer kennt das nicht? Also stillte sie ihn. Da steigen zwei Jungs ein. 17, vielleicht 18. Sie schauen, stellen fest, dass sie mitten in der Sichtlinie auf die Brüste der fremden Frau stehen. Lachen nicht. Glotzen nicht. Holen nicht ihre Handykameras raus. Sie sehen sich an und machen ruhig einen Schritt zur Seite, um der Frau und ihrem Kind Privatsphäre zu gewähren. Aber diese jungen Leute sind respektlos. Schon klar.

Die Berliner Autorin Carline Mohr schrieb erst kürzlich auf ihren sozialen Kanälen, sie habe beobachtet, wie ein besoffener Mann eine Frau belästigte. Sie und eine noch jüngere Frau seien eingeschritten – erfolglos. Der Rest der Bahn habe geschwiegen. Und dann sei ein sehr junger Mann, ein Teenie, aufgestanden und habe sich "stoisch" zwischen die beiden gesetzt und einfach "ertragen, dass der Besoffski jetzt ihn anpöbelte". Aber diese jungen Leute sind unaufmerksam. Ergibt Sinn.

Hier eine Szene aus der Berliner U7. Dieser Teenie (vielleicht 15, 16 Jahre alt) war unglaublich. Er hat sich schweigend...

Gepostet von Carline Mohr am Montag, 9. April 2018

Letztens habe ich eine junge Frau gesehen, die auf ihrem Handy "Candy Crush" gespielt hat. Neben ihr liess sich eine ältere Dame nieder und zeigte aufgeregt auf den Bildschirm. "Das spiele ich auch!" rief sie. "Ach ja? Auf welchem Level sind Sie?" fragte die junge Frau freundlich. "Oh das weiß ich nicht und ich komme auch nicht so wirklich weiter." "Zeigen Sie mal her, vielleicht kann ich ja helfen." Aber diese jungen Leute sind unhöflich. Kann man nur zustimmen.


Natürlich gibt es die, die nur an sich denken. Das sind aber nicht 'diese jungen Leute', das sind einfach Arschlöcher.

Ich weiß, dass lange nicht alle so sind. Es gibt diejenigen, die nur an sich denken. Die nicht nach links und nicht nach rechts schauen, deren ganze Welt sich nur um ihren eigenen Bauchnabel dreht. Aber die gibt es in allen Generationen. Das sind nicht "diese jungen Leute", das sind einfach Arschlöcher.

Auf Twitter regt sich ein User unter dem #DieseJungenLeute darüber auf, dass sieben Leute nebeneinander den Gehweg versperren würden, um auf einem Handy YouTube-Videos zu gucken. Das ist doof, das will ich überhaupt nicht bestreiten. Aber ihr seht mich auch nicht wütend darüber twittern, dass ich mich in regelmäßigen Abständen durch eine regelrechte Rentnerwand kämpfe, wenn ich aus der Bahn aussteigen muss, weil das Konzept des Neben-der-Tür-Wartens scheinbar noch nicht bei allen angekommen ist. Weil ich mir nicht anmaßen würde, deshalb jeden Menschen über 66 pauschal zu verurteilen. Macht Sinn, oder? 

Diese jungen Leute

Diese jungen Leute leben digitalisiert. Diese jungen Leute haben in vielen Fällen den Luxus, nach der Schule erstmal ein paar Jahre die Füße ins Wasser zu dippen. Diese jungen Menschen sind manchmal verwöhnt und hinterfragen alles. Und manchmal sind sie auch einfach keine besonders netten Menschen. Isso.

Aber diese jungen Menschen sind auch gebildet, manchmal überfordert von der Flut an Möglichkeiten. Sie sind interessiert und bereit, für ihre Ideale einzutreten. Weil sie der nächsten Generation etwas übergeben wollen. Aber das findet man nur heraus, wenn man mal fragt. Nase rümpfen bringt da nichts. Also, liebe Dame gegenüber, ich hab gerade Nachrichten gelesen und jetzt gucke ich ein süßes Katzenvideo. Wenn Sie mögen, zeige ich es Ihnen. Ist echt Zucker.

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