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Interview

Experte Rutger Bregman: "Weniger arbeiten, um mehr zu tun": Warum wir die 15-Stunden-Woche einführen sollten

Rutger Bregman gehört zu den prominentesten jungen Vordenkern in Europa – und er ist zugleich einer der radikalsten unter ihnen. Mit NEON hat er darüber gesprochen, warum wir den Begriff der Arbeit neu definieren sollten.

Von Linus Günther

Bedingungsloses Grundeinkommen: Gespräch mit Rutger Bregman

Rutger Bregmans Ansichten sind durchaus als radikal zu bezeichnen. Denn: Der Historiker und Journalist fordert nicht weniger als ein komplett neues Konzept unserer Arbeitswelt. In seinem Buch "Utopien für Realisten" setzt sich der Holländer unter anderem für ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine 15-Stunden-Arbeitswoche ein.

Er sagt: "Die Menschen sollen selbst entscheiden, was sie den größten Teil des Tages tun." Eine Devise, die er sich zumindest schon zu Herzen genommen hat. Auf die Frage, wie viele Stunden er denn pro Woche arbeite, antwortet Bregman: "Ich glaube null", denn all seine Arbeit sei intrinsisch motiviert, als würde er spielen und nicht arbeiten. Und das sei seine Idealvorstellung für die gesamte Gesellschaft. Wenn jeder nur das machen würde, was ihm Spaß macht, würden wir sehen, wie viel Arbeit am Ende wirklich noch anfällt, die keiner machen will. Er glaubt, das wäre gar nicht so viel.

Rutger Bregman: "Wir müssen den Begriff der Arbeit überdenken"

Er stellt aber klar: Es gehe ihm nicht darum, zu faulenzen. "Wir sollten weniger arbeiten, um mehr zu tun", sagt Bregman. Wissenschaftliche Untersuchungen hätten ergeben, dass in Ländern, in denen die Arbeitsstunden am geringsten sind, mehr Menschen Freiwilligenarbeit leisten und sie sich mehr Zeit für ihre Kinder oder für ältere Mitbürger nehmen. Sie könnten ihre Zeit also auch dafür nutzen, anderen in der Gesellschaft etwas Gutes zu tun. "Wenn man so will, ist das auch eine Form von Arbeit, aber sinnvolle, unbezahlte Arbeit."

Je länger man Bregman zuhört, desto deutlicher wird: Es geht ihm um eine ganz neue Denkweise. "Wir müssen den Begriff der Arbeit und von Wert und Nutzen hinterfragen und uns vor Augen führen, wer für die Gesellschaft wirklich wichtig ist." In seinem Buch erinnert er zur Veranschaulichung an einen Streik irischer Banker im Jahr 1970. Als ihre Arbeitsniederlegung nach einem halben Jahr immer noch keine große gesellschaftliche Aufmerksamkeit fand, gingen sie einfach wieder zurück an die Arbeit. Zum Vergleich: Zwei Jahre vorher hatten Müllmänner gestreikt – binnen kürzester Zeit mussten Gemeinden landesweit einen Notstand ausrufen.

30 Prozent der Arbeitenden finden ihre Arbeit sinnlos

Bregman beobachtet ein grundsätzliches Dilemma in unserem wirtschaftlichen Denken. "Ökonomen messen die Produktivität der Arbeit am Bruttoinlandsprodukt. Wir leben aber in Zeiten, in denen die Wirtschaft auf dem Kopf steht." Ein Beispiel: Laut dem renommierten Meinungsforschungsinstitut YouGov finden über 30 Prozent der Arbeitenden in Großbritannien ihre Arbeit sinnlos. Und das, so betont Bregman, seien besonders Menschen in hohen, gut bezahlten Jobs: "Juristen, Banker und Beamte, die den Tag teilweise damit verbringen, im Büro zu sitzen und E-Mails zu versenden an Menschen, die sie nicht mögen und Protokolle zu schreiben, die keiner liest." Von Lehrern, Krankenschwestern oder Müllmännern habe er noch nie gehört, dass sie ihre Arbeit als sinnlos erachten.

"Wenn es stimmt, dass 30 Prozent der gesamten Arbeit sinnlos ist, könnte man die Arbeitsstunden locker um 30 Prozent kürzen", schlussfolgert Bregman. "Auch die technologischen Voraussetzungen dafür wären gegeben, schließlich werden immer mehr Jobs automatisiert."

Der New-Work-Experte sagt aber auch: "Natürlich müsste man die Arbeit dann umverteilen, damit nicht die einen noch mehr und die anderen gar nicht mehr arbeiten." Das sei ein Prozess, der nicht von heute auf morgen passieren könne, gibt Bregman zu. "Trotzdem: Am Ende würden die meisten Menschen nur noch wirklich sinnvolle Arbeit leisten."

Die Forderung nach einer 15-Stunden-Arbeitswoche sei daher eigentlich gleichbedeutend mit der Forderung nach mehr Sinn im Leben. "Die meisten jungen Menschen, mit denen ich spreche, haben das schon längst verstanden." Nun gehe es darum, diese Idee gesamtgesellschaftstauglich zu machen.

Wir haben Rutger Bregman im  Rahmen einer Veranstaltung zum Thema New Work Experience von XING getroffen. Das ausführliche Interview seht ihr oben im Video.