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Die Corona-Isolation "Keine anderen Menschen – das ist die Hölle": Warum uns die soziale Distanz so schwerfällt

Coronavirus: Anwohner in Rom applaudieren während eines Flashmobs gegen Einsamkeit
Isolation in Zeiten des Coronavirus: Anwohner in Rom applaudieren während eines Flashmobs gegen Einsamkeit
© Mauro Scrobogna/LaPresse/DPA
In Zeiten von Corona sollen wir am besten alle zu Hause bleiben. Aber obwohl wir die soziale Isolation seit Jahren auch ohne Krisensituation immer weiter vorantreiben, sträubt sich etwas in uns dagegen.

Der Mensch ist gar nicht so schlecht. Eigentlich ist er sogar ganz gut. Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, da so Ihre Zweifel haben, können Sie in Rutger Bregmans Buch "Im Grunde gut" ein paar Argumente für diese These nachlesen. Oder Sie warten einfach die nächsten Tage und Wochen ab. Dann werden Sie es selbst merken.

Sie werden nämlich feststellen, dass etwas fehlt. Denn Angela Merkel hat an uns alle appelliert, in nächster Zeit weitestgehend auf soziale Kontakte zu verzichten. Virologen raten uns, nicht in Restaurants oder Clubs oder auf Partys zu gehen. Der Hashtag #StayTheFuckHome ist das Gebot der Stunde.

So langsam sollte uns die Verantwortung bewusst sein

Es ist wichtig, ja, dringend notwendig, dass wir uns an diese Empfehlungen halten, um Zeit zu gewinnen im Kampf gegen das neuartige Coronavirus. So langsam sollte uns allen diese Verantwortung, vor allem gegenüber älteren Mitbürgern und Menschen mit Vorerkrankungen, bewusst sein.

Aber warum fällt es vielen von uns trotzdem so schwer, einfach mal zu Hause zu bleiben, alleine, ganz in Ruhe? Einerseits, weil es eben diese Ruhe in Zeiten von Unsicherheit und vielleicht sogar Panik gar nicht geben kann. Aber andererseits vor allem, weil die Menschen in Extremsituationen normalerweise zusammenhalten, einander beistehen und sich helfen.

"Keine anderen Menschen", schreibt der Autor Bill McKibben in einem Essay für den "New Yorker", das sei die Hölle: "Die seltsamste Sache am Coronavirus ist, dass wir einander nicht helfen können, es durchzustehen." Wir können keine Hände auflegen, wir können sie nur waschen.

McKibben verweist auf andere große Krisensituationen der Geschichte, in denen Menschen sich mit altruistischem Verhalten gegenseitig geholfen hätten: dem großen Erdbeben in San Francisco 1906 oder Hurrikan Katrina. Natürlich kommt einem auch gleich der 11. September in den Sinn.

Der Anschlag auf das World Trade Center beziehungsweise die Wochen und Monate danach sind zudem ein gutes Beispiel, wie Menschen im Umgang mit Unglück und seiner Verarbeitung zusammenkommen und Zerstreuung suchen in Konzerten oder Sportveranstaltungen – ebenjenen Ereignissen, die in Zeiten von Corona keine Existenzberechtigung mehr haben.

Die Bedeutung öffentlicher Personen in Krisenzeiten

Von großer Bedeutung sind in Krisenzeiten auch Personen des öffentlichen Lebens, zu denen wir aufschauen, an denen wir uns orientieren können. Das können Politiker sein: Helmut Schmidt wurde in Hamburg als Bürgermeister und Krisenmanager während der Flutkatastrophe von 1962 zur Legende. Gerhard Schröders Wiederwahl zum Bundeskanzler wurde 2002 erst möglich, als er beim großen Elbe-Hochwasser "Leadership in Gummistiefeln" demonstrierte.

Schmidt und Schröder nahmen den Menschen in diesen Momenten das denkbar schlimmste Gefühl: auf sich allein gestellt zu sein. Für diese Rückversicherung braucht es nicht zwangsläufig Politiker. Bruce Springsteen hat mehr als einmal die Anekdote zum Besten gegeben, wie ihm ein unbekannter Autofahrer in New Jersey ein paar Tage nach 9/11 im Vorbeifahren zurief: "Bruce, wir brauchen dich jetzt!" Der Rockmusiker, seinerseits eine Ikone amerikanischer Kultur, schrieb im Anschluss mit "The Rising" ein ganzes Album über das Leben in New York nach der Katastrophe.

Rechts liegt die Zeitung "L'Eco di Bergamo", rechts schaut ein gebräunter Mann mit grauen Haaren und blauem T-Shirt

Es gibt natürlich auch die Kehrseite, die von solchen Autoritäten ausgehen kann: George W. Bush flog als damaliger US-Präsident sein Krisenmanagement rund um Hurrikan Katrina nachhaltig um die Ohren, und die Folgen von Donald Trumps Umgang mit dem Coronavirus sind noch nicht im Geringsten absehbar – klassische Beispiele, in denen sich die Menschen von vermeintlichen Vorbildern im Stich gelassen und deshalb umso isolierter fühlen.

Momente, in denen sie sich stattdessen an Freunde, Kollegen, Nachbarn wenden, in denen sie zusammenkommen und sich Halt geben. Und so fällt es vielen von uns schwer, die ungewisse Lage zurzeit mehr oder weniger alleine in den eigenen vier Wänden zu verarbeiten. Aber es gibt keine Alternative, und es wird die größte Herausforderung der nächsten Wochen und Monate bleiben.

Coronavirus: Der Preis sozialer Isolation ist hoch

Denn der Preis sozialer Isolation ist hoch, allein: Wir bemerken ihn außerhalb von Ausnahmesituationen immer seltener. McKibben verweist auf Studien, die belegen, dass in den USA die Zahl der Jugendlichen, die sich mit Freunden treffen, seit 2012 – also seit dem Moment, als erstmals mehr als die Hälfte der Amerikaner im Besitz eines Smartphones waren – extrem sinkt. Ihre Vermeidung sozialer Kontakte ist nicht, wie zurzeit, von oben angeordnet, sondern selbst gewählt – und sie steht in Zusammenhang mit einer stark ansteigenden Zahl psychischer Erkrankungen.

Vielleicht werden wir das Ende unseres Hausarrests, wenn es dann irgendwann kommt, deshalb umso mehr zu schätzen wissen, weil uns die Notlage daran erinnert hat, was wir fast vergessen hatten. "Es wird eine Erleichterung", schreibt McKibben, "wenn wir uns wieder um einander kümmern dürfen." Denn das können wir schließlich immer noch am besten.

Quellen:"The New Yorker"; "The Atlantic"


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