Comic-Porträt eines Intersexuellen Die bewegende Geschichte von Tony Briffa

Tony Briffa aus Australien war der erste Bürgermeister weltweit, der offen zu seiner Intersexualität stand. Intersexuelle sind Menschen, die sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale aufweisen. Für die australische Kampagne „YourStory“ gegen Homophobie erzählt Briffa seine Geschichte:
"Die frühesten Erinnerungen aus meiner Kindheit stammen aus Krankenhäusern. Die anderen Kinder dort waren krank, manche sogar unheilbar krank. Mit mir war eigentlich alles in Ordnung. Ich war gesund und es bestand auch nicht die Gefahr, dass ich schwer erkranken würde. Ich wuchs einfach so mit vielen medizinischen Untersuchungen und Operationen auf. Meine Mutter weinte oft vor den Klinik-Besuchen.
Dass ich keine Kinder bekommen kann, weiss ich seitdem ich fünf bin. Meine Eltern hatten damals darüber gesprochen und ich bekam es mit. Meine Mutter machte das Thema sehr traurig - also tat ich so, als ob ich nichts wüsste.
Ich wuchs katholisch auf und besuchte zusammen mit meiner Zwillingsschwester eine Mädchenschule. Besonders an den Schwimmunterricht in meiner Schulzeit kann ich mich noch gut erinnern. Ich zog mich nie vor den anderen um. Ich verbarg, wer ich war. Es gibt Jungen, es gibt Mädchen und es gibt mich. Das war meine Vorstellung von der Welt, seitdem ich denken konnte.
Als ich 18 Jahre alt war, lernte ich einen Mann kennen. Ich entschied mich dazu, ihm alles zu erzählen. Ich gab ihm sogar einen Ordner mit all meinen medizinischen Befunden. Können Sie sich das vorstellen? Es war wie eine Art Beteiligungsprüfung, bevor man einen Vertrag eingeht. Ich habe zu ihm gesagt: "Das ist das, was Du bekommst, wenn Du mit mir zusammen sein willst. Falls Du noch Interesse hast, sehen wir uns in einer Woche wieder." Er hatte Interesse.
Mit 26 habe ich mich als lesbisch geoutet. Ich hatte es vorher als heterosexuelle Frau probiert – aber das passte nicht zu mir. Dann versuchte ich es als weibliche Homosexuelle. Und das funktionierte auch nicht. Ich begann Hormone zu nehmen und wollte männlicher werden. Ich habe auch eine Identität als schwuler Mann ausprobiert. Aber keine dieser Identitäten war ich wirklich ganz.
Bei der australischen TV-Show "60 Minutes" habe ich mich dann in aller Öffentlichkeit als Intersexueller geoutet. Mit einem Mal – vor allen - "Hallo- Überraschung! ich bin intersexuell." Aber es wurde sehr gut aufgenommen. Es hat mir am Ende wirklich geholfen, offen und ehrlich zu sein.
Politik hat mich schon immer interessiert. Ich glaube, dass man hier am meisten verändern kann. Als Politiker kann ich die Veränderung vorleben, die ich in der Welt sehen möchte. In der Schule hatten alle Mädchen Fotos von Duran Duran in ihren Spinten. In meinem waren Bilder vom Dalai Lama, John F Kennedy und Martin Luther King.
Ich habe mich sehr gefreut, als ich zum Bürgermeister von Hobbsons Bay in Melbourne gewählt wurde. In den Korridoren des Rates kamen an dem Tag viele Homosexuelle, mehrdeutige Menschen, Katholiken und Muslime zusammen. Das bedeutet es für mich, Diversität zu leben und Grenzen zu überwinden.
In meinen Beziehungen hatte ich großes Glück. Ich habe allerdings auch oft sehr viel gar nicht erst zugelassen. Was denkt der andere über mich, denkt er oder sie ich sei eine Frau oder ein Mann? Was erwartet er oder sie von mir? Oft habe ich gedacht, dass es viel zu schwer ist, das alles zu erklären und bin an dem Abend allein nach Hause gegangen.
Jetzt habe ich jemanden getroffen, der mich akzeptiert, so wie ich bin. Sie steht hinter mir und meiner Vergangenheit. Ich stelle mir das nicht leicht vor. Wie ist es wohl für jemanden mit jemandem zusammen zu sein, der so eine komplexe Gender- und Sexualitätsgeschichte hat?
Wir haben uns gerade verlobt und werden bald in Neuseeland heiraten.
Eigentlich habe ich sehr viel Glück: Wie viele Menschen hatten die Möglichkeit, in einer Moschee im Männerraum zu sitzen und gleichzeitig als Lesbe zu einer lesbischen Gemeinschaftsveranstaltung zu gehen? Wie sie sehen, habe ich einen sehr guten Sinn für Humor. Ich habe eine tolle Familie, hatte immer großartige Menschen in meinem Leben. Und ich war ein nach außen gerichteter Mensch. Ich will nicht den Anschein erwecken, als hätte ich auf alle Fragen des Lebens die richtige Antwort. Ich bin nur ein Mensch.
Ein Teil von mir ist Antoinette und ein anderer ist Tony – aber ich bin mehr als die beiden zusammen. Kürzlich hat mich ein Paar aus meiner Nachbarschaft kontaktiert. Sie sagten, sie hätten sich nie wirklich darüber Gedanken gemacht, was es bedeutet, dass ich intersexuell bin und am Adrenogenitalen Syndrom (AGS) leide. Sie hätten aber auch keine Probleme damit gehabt. Dann hätten sie ein Kind bekommen, bei dem ebenfalls AGS diagnostiziert wurde. Die Ärzte staunten nicht schlecht, als sie merkten, dass die Eltern wussten, was das ist. Das Paar sagte zu mir: Dank dir wissen wir, dass mit unserem Kind alles in Ordnung ist. Dass es gesund ist, dass es keine chirurgischen Eingriffe braucht und dass es ein produktives und gesundes Leben führen kann."
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Menschen mit mehrdeutigem Geschlecht sind im Alltag kaum präsent. Der Australier Tony Briffa war der erste offen intersexuelle Bürgermeister. Hier erzählt er seine Geschichte.
Von Linda Richter

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