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Interview

Janis McDavid: Mann ohne Arme und Beine: "Mir fehlt nichts. Ich bin glücklich"

Janis McDavid wurde ohne Arme und Beine geboren. Das hält den 24-jährigen Studenten aus Bochum nicht davon ab, ein Leben auf der Überholspur zu führen. Auch wenn das viel Kraft und Willen erfordert.

Von Anette Lache und Jonas Breng

Sie stimmen Ihre Kleidung auf die Farbe Ihres Rollstuhls ab. Kann es sein, dass Sie eitel sind?

Ziemlich. Meine Freunde lachen mich aus, weil ich an keinem Spiegel vorbeilaufen kann, ohne hineinzuschauen.

Was mögen Sie an sich?

Mir gefallen mein Gesicht und meine Frisur. Aber noch mehr mag ich, dass ich mich mittlerweile mögen kann. Früher durfte man mich nicht fotografieren.

Sie sind knapp einen Meter groß, wiegen 30 Kilogramm und haben weder Arme noch Beine.

Genau. Man könnte wohl sagen, ich entspreche nicht dem klassischen Schönheitsideal. Trotzdem kann ich mich mittlerweile attraktiv finden. Aber klar: Von anderen Menschen werde ich sicher manchmal als halber Mensch wahrgenommen.

Warum bestehen Sie auf der Formulierung: Ich habe keine Arme und Beine? Sie sagen nie: Mir fehlen Arme und Beine.
Weil ich sie nicht vermisse. Ich habe nicht das Gefühl, inkomplett zu sein. Mir wurde ja nichts amputiert, sondern ich bin so auf die Welt gekommen.
Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass Ihr Körper anders ist?
Ziemlich spät. Noch im Kindergarten habe ich mich als normales Kind gefühlt. Sollten wir uns die Schuhe anziehen, habe ich mich eben in meinen Rollstuhl gesetzt. Wie krass meine Behinderung ist, realisierte ich erst in der Schulzeit, da war ich acht Jahre alt. Ich kam eines Morgens die Treppe runter und sah mich in einem Spiegel, den jemand im Hausflur abgestellt hatte. Das war ein Schock.


Was haben Sie im Spiegel gesehen?
Einen Fremden. Einen Kerl, der nur aus Rumpf und Kopf besteht. Mann, siehst du bescheuert aus, habe ich gedacht. Ich habe mich geschämt.
Was war das Schlimmste?
Die Bewegungen. Die Art, wie ich die Treppe heruntergehüpft kam. Es sah so lächerlich aus. Seither versuche ich, meine Bewegungen so ästhetisch wie möglich wirken zu lassen.
Hatten Sie vorher nie in den Spiegel geguckt?
Doch. Aber ich hatte meine körperliche Besonderheit nicht bewusst wahrgenommen. Ich dachte: Manche Kinder haben rote Haare, andere braune – und ich eben einen Rollstuhl. Meine Pflegeeltern – für mich sind sie meine Eltern – haben nie ein Drama aus meiner Behinderung gemacht. Also fühlte ich mich relativ normal.
Wurden Sie von ihnen in Watte gepackt?
Natürlich haben sie darauf geachtet, dass alles sicher war. Wenn wir rodeln gingen, wurde ich doppelt und dreifach festgeschnallt. Aber meine Eltern waren nicht ängstlich, ich sollte möglichst viele Freiheiten haben und immer gefordert sein. Hatte ich Durst, sagten sie: Versuch, das Glas mit den Zähnen zu nehmen. Und ich musste lernen, die Treppe hochzurobben.
Klingt anstrengend.
Ja, aber es war wichtig. Natürlich halfen mir meine Eltern bei Dingen, die ich nicht allein hinbekam. Toilette, duschen, anziehen. Aber wann immer es ging, war ich selbst gefragt.
Sie haben nie versucht, die „Das kann ich nicht“-Karte zu spielen?
Selten. Meine Eltern ließen das auch nicht gelten. Und ich war ehrgeizig. Auch außerhalb der Familie wollte ich meine Mitmenschen überraschen mit dem, was ich kann. Um Vorurteile durcheinanderzuwirbeln.
Wahrscheinlich mussten Sie sich trotzdem blöde Sprüche und Fragen anhören?
Natürlich war es furchtbar, wenn andere Kinder sich über mich lustig machten. Aber ich konnte mit meinen Eltern darüber reden. Wir überlegten auch gemeinsam, wie ich auf nervige Fragen reagieren kann. Ich hätte alles geduldig erklären können. Aber darauf hatte ich keinen Bock.
Also?
Ich habe genauso doof geantwortet, wie ich gefragt wurde. Meistens sagte ich, ich hätte keine Lust auf Arme und Beine gehabt. Oder Piranhas hätten sie abgebissen.
Ziemlich selbstbewusst für ein Kind.
Es war wahnsinnig wichtig, die Beleidigungen und Hänseleien nicht an mich heranzulassen. Alles, was mich körperlich infrage stellt, muss ich abwehren.
Weil Sie an der Ecke schutzlos sind?
Ich könnte nicht mehr aus dem Haus gehen. Denn neugierige Blicke gibt es überall. Im Supermarkt, auf der Straße, im Café. Manchmal wechseln Leute die Straßenseite, wenn sie mich sehen. Davon darf ich mich nicht in meinem Selbstbewusstsein erschüttern lassen.


Warum ich? Warum so? Haben Sie sich das jemals gefragt?
Nur als Kind. Und meine Eltern hatten eine ziemlich geniale Antwort. Sie sagten: 'Jeder Mensch hat seine Aufgabe auf dieser Welt. Mit deinem körperlichen Handicap ist ganz offensichtlich auch eine Aufgabe verbunden – es liegt an dir, herauszufinden, welche das ist.' Dabei bin ich gerade.
Statt Sie in eine Schule für Körperbehinderte zu stecken, schickten Ihre Eltern Sie auf die Waldorfschule.
Das war das Beste, was sie tun konnten, und der Grundstein für mein jetziges, ziemlich selbstständiges Leben. Ganz klar: Für die Schulbehörde hätte ich in eine Förderschule gehört. Die hatten nicht auf dem Schirm, dass das die totale Exklusion gewesen wäre. Bei meiner Behinderung wären alle Messlatten sofort nach unten gelegt worden. In der Waldorfschule musste ich mich ganz normal behaupten.
Würden Prothesen Ihr Leben nicht leichter machen?
In der Pubertät dachte ich das. Die Sehnsucht, so wie die anderen zu sein, war damals am stärksten. Meine Freunde spielten Fußball, waren ständig unterwegs. Ich hatte Angst, zum Außenseiter zu werden. Also sollten Prothesen her.
Und?
Es war ein Desaster. Das fing schon beim Anziehen an. Ich konnte das nicht alleine. Und die Balance zu halten war unglaublich schwer. Es mussten immer zwei Leute neben mir stehen, sonst wäre ich unkontrolliert auf den Boden gekracht. Fast drei Jahre habe ich das probiert – Rehaklinik, Prothesentraining, Training zu Hause. Ich war total erleichtert, als ich die Dinger endlich wieder los war.
Heute ist die Technik weiter.
Um Lichtjahre. Aber nicht für mich. Keine Technik kommt an meine Routinen heran.
Apropos: Wie haben Sie heute Morgen den Wecker ausgemacht?
Mit der Nase. Manchmal mache ich das auch mit dem Arm. Ich sage bewusst 'Arm', das Wort Armstumpf mag ich nicht.
Wer hat Ihnen das Frühstück gemacht?
Das Müsli kann ich selbst in die Schüssel kippen. Ich klemme die Packung zwischen Kinn und Schulter. Die Joghurt-Folie ziehe ich mit dem Mund ab. Das geht alles. Aber ich könnte mir kein Steak braten, keine Spaghetti kochen. Wie ich es auch versuchen würde, ich käme immer mit dem Kopf zu nahe ans heiße Fett oder Wasser.
Bekommen Sie Wutanfälle, wenn etwas nicht klappt?
Klar. Ich bin Perfektionist. Wenn ich an irgendwas nicht herankomme oder mir etwas umfällt, knallt schon einmal eine Tür, oder es fliegt etwas durch den Raum.


Nick Vujicic, der wohl berühmteste Mann ohne Arme und Beine, hat erzählt, er habe als Zehnjähriger versucht, sich in der Badewanne zu ertränken.
Solche Gedanken hatte ich nie. Natürlich hatte ich begriffen, dass mein Leben schwieriger werden würde. Aber diese Tatsache sollte mich nie in den Abgrund ziehen können. Das erlaube ich mir bis heute nicht. Es klingt banal und funktioniert nicht immer: Aber ich zähle mir dann die positiven Dinge meines Lebens auf. Was auch Verzweiflung vorbeugt, sind Projekte, die mir Erfolgserlebnisse verschaffen. Wie mein Studium, mein Buch und die Vorträge, die ich halte.
In Ihrem Buch schreiben Sie: 'Behindert zu sein macht oft keinen Spaß. Ich will keinen Dreckhaufen mit Zuckerguss übergießen.'

Eine Behinderung ist kein Zuckerschlecken. Man muss tough sein, um das durchzustehen. Aber ich glaube nicht, dass ich durch sie einen Nachteil habe. Im Gegenteil.
Das müssen Sie erklären.
Mir wird oft die Wunderfrage gestellt. Was würdest du tun, wenn man morgen ohne Risiken Arme und Beine transplantieren könnte? Ich sage dann: Ich würde es bewusst nicht machen.
Warum?
Mercedes würde ja auch nicht seinen Stern aufgeben. Ich würde mein Alleinstellungsmerkmal verlieren und das Leben negieren, das ich mir mühsam erkämpft habe. Ich glaube, dass ich Möglichkeiten habe, die andere nicht haben. Welcher Student hält schon mit Mitte zwanzig Vorträge vor Firmenchefs?
Aber Sie könnten laufen, umarmen, Treppen steigen.
Vielleicht. Aber ich wäre nicht mehr Janis McDavid. Mit Armen und Beinen wäre ich ein anderer. Es gibt nichts, das ich mir so sehr wünsche, dass ich dafür aufgeben würde, was ich mir bis jetzt erarbeitet habe.
Müssen Sie sich eventuell vor dem Wunsch schützen?
Vielleicht spielt das eine Rolle. Ich glaube, es wäre schwerer, mich selbst anzunehmen, wenn ich mir erlauben würde, immer über die Alternativen nachzudenken. Trotzdem bleibe ich dabei: Ich bin glücklich.
Sie sprachen eben von der Pubertät. Da wurden auch Sex und Liebe ein Thema ...
... und ich stellte auch noch fest, dass ich schwul bin.
Körperlich behindert, homosexuell und pubertär. Klingt wirklich kompliziert.
Das war es. Bis dahin war der Plan, irgendwann eine Freundin und Familie zu haben. Deshalb versuchte ich zunächst, meine Homosexualität zu ignorieren.
Hatten Sie Ihren Körper sexuell überhaupt ausprobieren können?
Klar. Da sucht man sich seine Möglichkeiten. Aber Sex mit jemand anders kam erst viel später. Es brauchte Zeit, bis ich mich körperlich annehmen konnte.
Im Sexualkundeunterricht gibt es keine Aufklärung: So geht schwuler Sex ohne Arme und Beine.
Exakt. Es war wie immer in meinem Leben, richtig kompetente Beratung gab es nicht. Ich musste mir selbst einen Weg suchen.
Wo lernen Sie Männer kennen?
Über Freunde, in der Disco. Oder im Internet. Dort bin ich zunächst einfach nur Janis. Unkompliziert ist es trotzdem nicht. Denn irgendwann muss ich von meiner Behinderung erzählen. Die Reaktionen reichen von nicht mehr melden über dumme Kommentare bis hin zu Verständnis.
Besprechen Sie vor dem Sex, was in Ordnung ist?
Das ist nicht anders als bei anderen. Man tastet sich heran. Schaut, was sich gut und richtig anfühlt.
Aber Sie können zum Beispiel nicht streicheln.
Doch. Mit meinem kurzen rechten Arm geht auch das.
Hatten Sie schon eine längere Beziehung?
Die längste dauerte drei Monate. Derzeit bin ich Single. Ich bin da pragmatisch: Entweder es passiert, oder es passiert nicht.

Sie leben noch bei Ihren Eltern in Bochum. Nervt Sie das?
Überhaupt nicht, ich habe ja meine eigenen Räume im Obergeschoss des Hauses. Natürlich wäre es toll, in Berlin oder einer anderen spannenden Stadt zu leben. Und irgendwann wird das so sein, schon aus beruflichen Gründen. Dann werde ich auch Fremde um mich herum aushalten müssen. Ich kann nun mal keine Fenster putzen oder den Müll wegbringen. Hier in Bochum ist das unkompliziert. Meine Eltern und Geschwister helfen mir im Bad oder beim Packen meiner Unisachen.
Wie war das früher in der Schule?
Da ging es nicht ohne Assistenten. Bei Toilettengängen konnte ich ja schwerlich meine Mitschüler um Hilfe bitten. Auch für die Uni dürfte ich mir professionelle Hilfe holen, ich versuche das aber so weit wie möglich zu vermeiden. Befreundete Kommilitonen sind mir lieber.
Man darf nicht zimperlich sein, oder?
Man muss locker sein. Sonst tut man sich keinen Gefallen. Dieses andere Schamgefühl habe ich mir aber antrainiert. Auch mir ist es natürlich nicht egal, wer mit mir auf die Toilette geht.
Fällt es Ihnen manchmal schwer, Hilfe anzunehmen?
Nein, weil ich mich nicht als jemanden sehe, der immer nur nimmt und nie gibt. Wo ich nehmen muss, nehme ich gern. Genervt bin ich nur, wenn mir Hilfe aufgedrängt wird. So wie in einem Urlaub in Myanmar. Da wollten mich die Kellner füttern. Mein Nein ignorierten sie.
Wie genau essen Sie denn?
Oft esse ich ohne Besteck, einfach vom Teller weg. Auch Salatblätter. Wenn ich etwas zerschneiden will, nehme ich das Messer in den Mund. Spaghetti teile ich mit den Lippen. Ich kann aber auch mit der Gabel essen. Ich klemme sie zwischen die Wange und die Schulter.


Warum haben Sie sich mit 17 in der Fahrschule angemeldet?
Ich wollte unabhängig werden von meinen Eltern. Auch mal abhauen können, wenn ich Krach mit ihnen hatte. Bis dahin wäre ich mit meinem Elektrorollstuhl allenfalls bis an die Stadtgrenze von Bochum gekommen, dann wäre die Batterie leer gewesen.
Gas geben, lenken, bremsen – wie geht das?
Alles mit einem Joystick, den ich unter meine linke Achsel klemme. Das Lenkrad dreht sich wie von Geisterhand. Und auch das Gaspedal bewegt sich. Muss ich bremsen, drücke ich den Joystick nach vorn. Über den Multifunktionsknopf auf Höhe meines rechten Arms mache ich den Rest. Den Blinker setzen zum Beispiel.
Und Sie fahren sicher?
Absolut. Ich habe wie jeder andere die praktische Fahrprüfung gemacht, in einem eigens für mich umgebauten Sprinter. Eine elektrische Hebe bühne befördert mich und den Rollstuhl ins Auto. Ich bin inzwischen 170.000 Kilometer gefahren, ich war damit sogar in London, als ich dort meine Auslandssemester gemacht habe.
Können Sie den Satz 'Wow, was du alles kannst' noch hören?
Kommt darauf an, ob es echte Freude ist oder nur Mitleid.
Wie erkennt man den Unterschied?
Man sieht es den Leuten an. In der Disco passiert es mir oft, dass Leute kurz davor sind, in Tränen auszubrechen, weil sie das alles so toll finden. Das ist pures Mitleid und ärgert mich.
Warum?
Erstens brauche ich es nicht, zweitens habe ich es nicht verdient. Darüber hinaus ist es gesprächshemmend. Es entsteht sofort eine Hierarchie, Unterhaltung auf Augenhöhe ist gar nicht mehr möglich.
Haben Sie Kontakt zu Ihren leiblichen Eltern?
Sie besuchen mich regelmäßig. Das war auch schon so, als ich klein war. Meine Bochumer Eltern haben das immer sehr unterstützt. Wir haben ein gutes und offenes Verhältnis, unsere Treffen sind immer lustig.
Wussten Ihre leiblichen Eltern, dass Sie ohne Arme und Beine auf die Welt kommen würden?
Es gab Ultraschalluntersuchungen, aber die Ärzte konnten nichts Genaues erkennen, sie waren sich unsicher. Ehrlich gesagt kenne ich bis heute die medizinische Ursache meiner Behinderung nicht. Es hat mich nie interessiert. Es würde ja nichts ändern.
Haben Ihre leiblichen Eltern sich jemals bei Ihnen entschuldigt?
Nein. Wofür?
Sie haben Sie als Baby weggegeben.
Aber das heißt nicht, dass sie sich dafür entschuldigen müssten. Ich habe ihnen auch nie einen Vorwurf gemacht. Nur verstehen wollte ich es.
Wie haben sie den Schritt erklärt?
Sie fühlten sich wohl überfordert. Damals war nicht klar, ob ich mein ganzes Leben in einem Bett verbringen müsste. Sie konnten sich keine Zukunft mit so einem Kind vorstellen. Das war keine böse Absicht.
Keine böse Absicht?
Ich glaube, dass es die beste Entscheidung war. So bin ich zu Eltern gekommen, die sich bewusst für diese Herausforderung entschieden haben. In der Pubertät war es schwerer zu verstehen, aber heute sehe ich das so.


Sie studieren Wirtschaftswissenschaften an der Uni Witten/Herdecke. Gerade haben Sie Klausuren geschrieben. Auf dem Computer?
Ich habe sie mit dem Stift geschrieben, wie alle anderen. Nur, dass ich ihn mir zwischen die rechten Backenzähne geklemmt habe. Ich bin mit dieser Technik fast genauso schnell wie meine Kommilitonen.
Bis Dezember waren Sie als Werkstudent bei IBM in Berlin. Haben Sie Ihre Kollegen dort überzeugt?
Das war nicht schwer. Sie konnten ja sehen: Trotz fehlender Gliedmaßen kann der ganz normal am Unternehmensalltag teilnehmen. Ich benötigte als Hilfsmittel nur einen verstellbaren Tisch. Während der anderthalb Jahre dort war ich für mehrere Projekte zuständig und in einem internationalen Team, das sich mit dem Thema Barrierefreiheit beschäftigte. Ich würde mir wünschen, dass mehr Unternehmen den Mut haben, Menschen wie mich einzustellen. Ich bin überzeugt, Rollstuhlfahrer können viel zur Unternehmenskultur beitragen. Wir sind geübt darin, kreative Lösungen für die verschiedensten Probleme zu finden.
Sind Sie ehrgeizig?
Ich glaube schon.
Willensstark?
Ja, vor allem in schwierigen Situationen. Für mich ist die Frage nie, ob ich etwas tun kann, sondern nur: Wie?
Was wäre Ihr Traumjob?
Führungskraft in einem spannenden Unternehmen mit strategischen Aufgaben und Personalverantwortung. Also eine Position, in der ich auch meine Motivation, meine Begeisterungsfähigkeit an andere Leute weitergeben kann, wo ich etwas gestalten kann.
Sie arbeiten nebenher als Motivationsredner. Wie reagieren die Leute auf Sie?
Immer positiv, oft überrascht. Ich denke, wenn sie meine Geschichte hören, nehmen sie mir auch ab, dass es wichtig ist, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren und nie den Kopf in den Sand zu stecken, wenn es um die Verwirklichung eigener Ideen und Ziele geht.
Wo haben Sie gewohnt, als Sie in Berlin gearbeitet haben?
Bei Freunden. Ihre Wohnung ist zwar nicht behindertengerecht – anders als in Bochum habe ich dort keine niedrige Toilette oder Türgriffe in 60 Zentimeter Höhe. Und keinen Aufzug und damit auch keinen Rollstuhl oben in der Wohnung. Aber ich hatte ihre Hilfe.
Wie können Sie Unterstützung am besten annehmen?
Wenn es locker und selbstverständlich ist. Meine Freunde bringen mich auch auf die Toilette und duschen mich im Zweifel. Die nehmen keine Rücksicht darauf, dass ich verletzlich sein könnte. Wir lachen viel.
So wie in dem Film 'Ziemlich beste Freunde'?
Ja. Den habe ich mir sechsmal angeschaut. Er bringt das zur Sprache, was ich sagen will: bloß kein falsches Mitleid.
Sie verreisen auch mit Ihren Berliner Freunden. Wohin geht der nächste Urlaub?
Peru, Costa Rica oder Kuba. Wir waren gemeinsam schon in Thailand, Kambodscha, Vietnam, Myanmar, Brasilien. Typische Back-Packer-Urlaube. Ich bin dann nicht mit dem Elektrorollstuhl unterwegs. Aber der Schieberolli passt sogar in ein Tuk-Tuk.


Darf man über Ihre Behinderung Witze reißen?
Natürlich, alle, unbedingt.
Auch die, die es böse meinen?
Okay, die nicht. Grundsätzlich aber gilt: Lachen macht alles einfacher und bricht das Eis. Warum sollte ich mich beim Upgrade in die Businessclass nicht über die zusätzliche Beinfreiheit freuen?

Das Buch zum Thema:

Janis McDavid: "Dein bestes Leben - Vom Mut, über sich selbst hinauszuwachsen und Unmögliches möglich zu machen", Verlag Herder, 240 Seiten, 19,99€


Das Gespräch mit Janis McDavid, 24, ist erschienen im stern Nr. 13 vom 23.3.2016

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