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Operation an intersexuellen Menschen: Das geformte Geschlecht

Lange galt als sicher, dass man intersexuellen Kindern ein Geschlecht zuteilen könne, viele wurden zu "Mädchen" oder "Jungen" operiert - und leiden bis heute. Nun scheinen die Ärzte umzudenken.

Von Nicole Heißmann

Lange Zeit galt, wer ein nicht eindeutiges Geschlecht hat, wird operiert. Meist zu einem Mädchen.

Lange Zeit galt, wer ein nicht eindeutiges Geschlecht hat, wird operiert. Meist zu einem Mädchen.

Ab den 1950er Jahren wurden intersexuelle Kinder praktisch immer einem Geschlecht zugewiesen und entsprechend operiert. Ärzte glaubten, sie könnten ein solches Kind zum Mädchen oder Jungen "formen" - meist zum Mädchen, weil das chirurgisch einfacher war: Eine vergrößerte Klitoris oder im Bauch verborgene Hoden wurden entfernt. Eltern bekamen den Rat, ihr Kind konsequent in der entsprechenden Rolle zu erziehen. Oft wurde den Kindern sogar ihr ursprüngliches Geschlecht verschwiegen. Viele durchliefen eine jahrzehntelange Leidensgeschichte mit schmerzhaften OPs, Hormontherapien und dem Gefühl, im falschen Körper zu leben.

Seit den 1980er Jahren wurde die Kritik am Umgang der Medizin mit Intersexuellen lauter - bis hin zu einem Parallelbericht, den 2008 der Verein Intersexuelle Menschen dem UN-Anti-Diskriminierungsausschuss vorlegte. In dem Report werden Operationen und Hormontherapien Intersexueller als Menschenrechtsverletzungen kritisiert.

Nun wird Aufklärung propagiert

Allmählich scheint sich in der Medizin ein Umdenken anzubahnen: "Die Meinungen zu Operationen gehen bei Ärzten inzwischen auseinander", sagt die Hamburger Psychologin Hertha Richter-Appelt, eine der führenden Expertinnen zum Thema Intersexualität. Wird heute ein intersexuelles Kind geboren, setzt sich in Kliniken oft ein Team aus Kinderarzt, Chirurg und Psychologe mit den Eltern zusammen. Statt dem Kind seine Diagnose zu verheimlichen, propagieren Ärzte heute Aufklärung, einige fordern auch, Operationen aufzuschieben, bis das Kind selbst entscheiden kann, was es möchte.

Die deutsche Ärzte-Leitlinie stellt fest: "Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung sind nicht per se aus rein kosmetischen Gründen korrekturbedürftig." Auch Rechtswissenschaftler sehen die Eingriffe kritisch: "Gerade unter jüngeren Juristen und Juristinnen sind inzwischen viele der Meinung: Wenn es nicht lebensnotwendig ist, darf auch nicht operiert werden", sagt Konstanze Plett, die sich als Juristin an der Universität Bremen schon lange mit Intersexualität befasst: "Wenn das Kind im Übrigen gesund ist, aber die Eltern an dem mehrdeutigen Geschlecht ihres Kindes leiden, brauchen sie Hilfe und ist nicht das Kind medizinisch zu behandeln."

Noch wird oft operiert

Operiert wird allerdings immer noch. Konkrete Zahlen dazu gibt es kaum. Ein Studie mit 439 Kindern und Erwachsenen aus dem deutschsprachigen Raum belegte vor einigen Jahren, dass auch Kinder und Jugendliche zu etwa 80 Prozent operiert wurden. Genetische Mädchen mit Adrenogenitalem Syndrom und vermännlichtem Geschlechtsteil werden oft chirurgisch ans weibliche Geschlecht angeglichen. Anderen Kindern werden früh die Geschlechtsdrüsen entfernt, weil die Organe bei manchen Formen von Intersexualität ein erhöhtes Krebsrisiko bergen können. Diese Praxis ist nicht unumstritten, weil es auch die Alternative einer engmaschigen Krebsfrüherkennung gäbe.

"Mein Eindruck ist: Es wird immer noch operiert, aber deutlich weniger und nicht mehr bei unklarer Diagnose", sagt Hertha Richter-Appelt. "Es bleibt aber das Problem, dass niemand bei einem Kind sicher vorhersagen kann, mit welcher Identität es als Erwachsener leben will. Es kann sein, dass ein solches Kind später fragt: Warum habt ihr mich operiert? Vielleicht aber auch: Warum habt ihr nichts unternommen?"

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