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Intersexuelle Menschen: Ein neues Gesetz reicht nicht aus

Heute tritt ein Gesetz inkraft, das das Geschlecht eines zwischengeschlechtlichen Kindes im Geburtsregister offenlässt. Doch für Gleichberechtigung von Intersexuellen muss mehr passieren.

Ein Kommentar von Susanne Baller

Ich habe meinen Körper verlassen, um andere zu bewohnen – und das alles geschah, bevor ich sechzehn wurde. Nun aber, mit einundvierzig, spüre ich, dass mir noch eine weitere Geburt bevorsteht." In Jeffrey Eugenides' Roman "Middlesex" erspürt die Hauptfigur Calliope, wofür Deutschland bislang noch kein Gefühl entwickelt hat. Entwickeln konnte, muss man eigentlich sagen. Doch das soll sich ändern. Im Deutschen Bundestag wurde am 31. Januar ein Gesetz verabschiedet, das Eltern und Ärzten eines Babys mit nicht eindeutigem Geschlecht die Entscheidung abnehmen soll, das Kind als Mädchen oder Junge im Geburtsregister eintragen zu lassen.

Das geänderte Personenstandsgesetz ist heute, am 1. November, inkraftgetreten und trägt damit der Tatsache Rechnung, dass etwa jedes 4500ste in Deutschland geborene Kind nicht dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuzuordnen ist. Intersexuelle Kinder haben beide Anlagen und sind nicht eindeutig Mädchen oder Junge.

Noch immer wird im Babyalter operiert

Bis vor nicht allzu langer Zeit empfahlen Ärzte den Eltern massiv, ihr Kind einem der beiden Geschlechter zuzuweisen, es operieren zu lassen und ganz nach dem klassischen Junge-Mädchen-Profil zu erziehen. Bis in die 1990er Jahre galt in den meisten Fällen bei OPs das Prinzip der besseren Machbarkeit: "It's easier to make a hole than to build a pole" (Es ist einfacher ein Loch zu graben, als einen Pfahl zu errichten), also wurden fast alle intersexuell geborenen Kinder zu Mädchen. Dass überhaupt operiert werden musste, stand nur selten zur Debatte. Lediglich wenn Eltern sich vehement gegen alle ärztlichen Ratschläge durchsetzten, blieb das Kind unversehrt, in mehr als drei Vierteln war das nicht der Fall.

Im September 2012 wandte sich eine Gruppe Betroffener mit einem offenen Brief ans Hamburger Universitätsklinikum und forderte eine umfassende Aufarbeitung. Ärztliche Empfehlungen aus den 1950er bis 1970er Jahren, wie sie die Schweizer Gruppe aus ihren Unterlagen zitiert, klingen brutal: "Nach Möglichkeit soll die Operation schon vor dem vierten Lebensjahr durchgeführt werden. Bei leichteren Fällen ist lediglich die Entfernung der Klitoris erforderlich. Das Organ soll dabei exstirpiert [vollständig entfernt, Anm. d. Red.] und nicht amputiert werden, da sich sonst lästige Erektionen des zurückgebliebenen Stumpfes einstellen können."

Auch heute noch werden zwischengeschlechtliche Kinder operiert, oft wird ein erhöhtes Krebsrisiko als Grund angeführt, das etwa bei innenliegenden Hoden besteht. Dass es sich um einen statistischen Wert handelt und das Entartungsrisiko deutlich geringer als früher angenommen ist, hindert die meisten Ärzte nicht an einer sogenannten Gonadektomie, einer Entfernung der hormonbildenden Keimdrüsen. Für die Betroffenen bedeutet das, dass sie ihr Leben lang Medikamente nehmen müssen, um die Hormone zu ersetzen. Und natürlich Unfruchtbarkeit.

Leben zwischen den Geschlechtern

Vom 2. Mai bis 19. Juni 2011 führte der Deutsche Ethikrat eine Online-Umfrage unter betroffenen Menschen zum Thema Intersexualität durch. Dabei kam auch heraus, was den Befragten besonders fehlt: "Am häufigsten werden öffentliche Aufklärung und Enttabuisierung - insbesondere in Schulen, an Universitäten, bei Medizinern und Psychologen - gefordert." Zum Personenstandsrechts kam es zu folgenden Ergebnissen: "Im Hinblick auf das Personenstandsrecht fordern 43 Prozent eine Beibehaltung der Unterscheidung männlich/weiblich. 36 Prozent plädieren für eine andere Lösung und 22 Prozent fordern die Ergänzung um eine dritte Kategorie."

Der Ethikrat empfahl dem Bundestag die Änderung des Personenstandsgesetzes. Nun kann dies als rechtliche Grundlage für weitere Aufklärung dienen. Hertha Richter-Appelt, stellvertretende Direktorin des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Hamburger UKE, hat auch den Ethikrat beraten. 2010 sagte sie in einem Interview mit der "Brigitte": "Das psychosoziale Geschlecht sollten Eltern auf keinen Fall offen lassen." Neben der Frage, wie man bei einem Baby oder Kleinkind das psychosoziale Geschlecht erkennt, stellt sich auch die Frage: Können Eltern ein Kind nicht geschlechtsneutral erziehen? Zu stern.de sagt Frau Richter-Appelt: "Ich kann mir wenige Eltern vorstellen, die das von ihrer eigenen psychischen Struktur her ohne größere Probleme schaffen. Also es ohne Unterstützung schaffen, in den Kindergarten zu gehen und zu sagen 'Ich möchte das Kind weder als Mädchen noch als Jungen erziehen. Können Sie bitte entsprechend mit dem Kind umgehen?' Da müssen sie auf vernünftige Kindergärtnerinnen stoßen. Dann kommt das Kind in die Schule, dann muss man mit den Lehrern reden und so weiter. Ich glaube, es ist für ein Kind einfacher, wenn sie sagen, wir erziehen das Kind mehr oder minder als Mädchen, aber sehr tolerant. Früher hat man Kinder so erzogen, dass man einem dem weiblichen Geschlecht zugewiesenen Kind, wenn es angefangen hat mit Autos zu spielen, die Autos weggenommen hat. Und analog hat man das mit Jungs gemacht. Das ist natürlich Wahnsinn, da pressen Sie die Kinder in irgendwas rein, wo sie sich überhaupt nicht entwickeln können. Und unsere Erfahrung aus der Studie ist: Intersexuelle Menschen erleben sich oft dazwischen."

Aufklärung muss her

Doch Eltern, die sich das zutrauen, gibt es heutzutage durchaus, das weiß Richter-Appelt, einige kennt sie persönlich: "Ich sage nicht, dass es nicht geht. Kinder mobben relativ wenig, was Geschlecht angeht. Das war immer die Angst von Ärzten, wenn das Kind in die Sauna geht oder in die Schule kommt, werde es gehänselt. Ich glaube aber, das sind sehr viel mehr die Ängste der Erwachsenen", berichtet sie.

Und da hilft nur Aufklärung, für die Akzeptanz einer mehr als zweigeschlechtlichen Welt reicht das ergänzte Gesetz allein nicht aus. Dass wir auch ein sprachliches Problem haben mit einem "unbestimmten Geschlecht", stellte Burkhard Müller in seinem Artikel "Der Mensch, die Männin" in der "Süddeutschen Zeitung" fest. Sprache sei zäh und träge, was man bereits an Notlösungen wie "ProfessorInnen" oder "Professor/inn/en" merke, wenn man Professoren und Professorinnen anschreiben wolle. Doch in der Sprache kann sich nur widerspiegeln, was auch gelebt wird - und davon die zahlreichen Varianten zwischen den Geschlechtern zu leben, zu akzeptieren, gleichzubehandeln und in unserer Gesellschaft sichtbar zu machen, sind wir noch meilenweit entfernt.

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