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stern-Gespräch

Missbrauchsfall: Das vergewaltigte Vertrauen – über einen Jungen, dessen Mutter ihn im Darknet an Männer verkaufte

Staufen im Breisgau: Eine Mutter und ihr Freund verkaufen den Sohn über das Darknet an fremde Männer. Nun stehen sie vor Gericht. Wie geht der Junge mit all dem um? Ein Gespräch mit seiner Anwältin.

Interview: Ingrid Eißele und Isabel Stettin

Staufen im Breisgau: Wie geht es dem Missbrauchsopfer inzwischen?

Die Anwältin Katja Ravat (l.o.) hat langjährige Erfahrung mit Missbrauchsverfahren. Auf dem Bildschirm (l.u.) wird im ersten Prozess gegen einen "Kunden" die Videovernehmung des Jungen, des wichtigsten Zeugen, gezeigt. In dem Haus in Staufen im Breisgau (r.) hat der Junge mit seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten gewohnt. Auch hier wurde er wohl vergewaltigt

Dank eines anonymen Hinweises kam die Polizei im vergangenen September einem besonders perfiden Pädophilenring auf die Spur. In dessen Zentrum stehen der 39-jährige Christian L. und seine neun Jahre ältere Lebensgefährtin Berrin T. aus der Kleinstadt Staufen im Breisgau. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren sollen sie den heute neunjährigen Sohn von Berrin T. im Internet fremden Männern gegen Geld zur Vergewaltigung und zum Missbrauch angeboten und sich auch selbst an ihm vergangen haben. Die Fahnder ermittelten sechs "Kunden" in verschiedenen Ländern Europas und ließen sie festnehmen. Zwei von ihnen sind mittlerweile zu hohen Haftstrafen verurteilt, die anderen erwarten in U-Haft ihre Gerichtsverhandlung.

Kommende Woche beginnt in Freiburg der Prozess gegen die mutmaßlichen Haupttäter: den einschlägig vorbestraften Christian L. und Berrin T. Die Staatsanwaltschaft wirft beiden Vergewaltigung, Zwangsprostitution und Verbreitung von Kinderpornografie vor, auch Übergriffe auf die dreijährige Tochter einer Bekannten.

Staufen im Breisgau, 8000 Einwohner, unversehens im Zentrum eines Pädophilenringes

Staufen im Breisgau, 8000 Einwohner, unversehens im Zentrum eines Pädophilenringes

Der Sohn von Berrin T. lebt inzwischen in einer Pflegefamilie. Katja Ravat, 42, Rechtsanwältin aus Freiburg, vertritt ihn in allen Strafverfahren als Nebenkläger vor Gericht. Seit 2004 arbeitet sie als Opferanwältin, an mittlerweile fast 200 Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs war sie beteiligt. Der stern sprach mit ihr über die Überlebensstrategie des Kindes und die Abgründe der Mutter.

Frau Ravat, dieser Fall, sagten die Ermittler der Freiburger Kripo, habe sie an ihre Grenzen gebracht. Sie auch?

Bei Staufen kommen mehrere Faktoren zusammen, die den Fall außergewöhnlich machen: die Brutalität der Taten. Die Vermarktung des Jungen über das Darknet. Viele fremde Täter, die sich an einem Kind vergingen. Und eine Mutter als aktive Mittäterin.

Wie geht es dem Jungen heute?

Den Umständen entsprechend gut. Er fühlt sich wohl in seiner Pflegefamilie.

Welchen Eindruck machte er auf Sie bei der ersten Begegnung?

Freundlich, zurückhaltend, in sich gekehrt. Ein Kind, das funktioniert.

Wie haben Sie sich angenähert?

Ich habe ihm erklärt, was meine Aufgabe ist, dass ich mich um seine Rechte im Strafverfahren kümmere und darauf achte, dass seine Persönlichkeitsrechte respektiert werden. Und ich habe ihm gesagt, dass er mir nichts über die Taten erzählen muss, wenn er das nicht möchte.

Warum das?

Im ersten Gespräch frage ich nie nach dem Tathergang, auch nicht bei Erwachsenen. Es geht zunächst nur um Alltagsdinge – was er braucht, was im Ermittlungsverfahren auf ihn zukommt. Am Anfang sind Kinder eher erleichtert, es nicht noch einmal erzählen zu müssen, auch in diesem Fall. Der Junge war kurz zuvor in Obhut genommen worden. Als Nächstes sollte er zur Vernehmung bei der Staatsanwältin.

Wie lief die ab?

Die Kripobeamtin, die er bereits kannte, durfte dabei sein, ich wartete nebenan.

Das klingt selbstbewusst – er sagt, was er möchte.

Das täuscht, er war sehr angepasst.

Muss er als Zeuge vor Gericht erscheinen?

Das halte ich für unwahrscheinlich, weil ja bereits eine Videovernehmung mit ihm gemacht wurde und es zudem von den vorgeworfenen Taten so viel Bildmaterial gibt.

Der Stiefvater hatte die "Kunden" als Polizisten ausgegeben, er soll dem Jungen in Anwesenheit der Mutter mit dem Heim gedroht haben. Wirkt der Junge verängstigt?

Ich selbst habe ihn nie verängstigt erlebt. Er wirkt aber getrimmt darauf, in vorauseilendem Gehorsam zu erfüllen, was Erwachsene von ihm erwarten.

So, wie er es jahrelang gelernt hat?

Ja. Das Schlimme ist, wenn ein Kind so viele Übergriffe erlebt hat – wohl fast jede Woche –, dann gehen normale Dinge und die Übergriffe ineinander über.

Das Monströse wird normal?

Nicht ganz, aber es ist eingebettet in den Alltag. Der Übergriff war eklig und brutal, aber jetzt kommt etwas Angenehmeres, beispielsweise Abendessen. Wenn sich das ständig wiederholt, läuft man irgendwann in dieser Spur.

Wie spricht er über seinen Stiefvater?

Er sagt nur, er findet es gerecht, wenn der Christian und die anderen Männer lange ins Gefängnis kommen. Zu seiner Mutter schweigt er.

Obwohl sie Handtücher und Fesselwerkzeug im Kinderzimmer bereitgelegt und ihren Sohn auch selbst missbraucht haben soll?

Man hatte ihm anfangs ein Lügenszenario vorgespielt, an dem auch die Mutter beteiligt war: Er müsse mitmachen, sonst komme er ins Heim und die Mutter ins Gefängnis, sagte der Stiefvater. Das hat er damals geglaubt.

Und heute?

Diese Lügen spielen eine ganz wichtige Rolle. Natürlich hat der Junge unter Gewalt und Demütigung gelitten, aber seit der Verhaftung fühlt er sich in erster Linie von den Erwachsenen betrogen und hintergangen. Es war deshalb ganz wichtig und von Anfang an unser Versprechen – von der Kripo und auch von mir –, dass er von uns nicht belogen wird.

Vermisst er die Mutter?

Am Anfang hat er noch gefragt, ob er zurück zu ihr darf. Jetzt fragt er nicht mehr.

Dürfte er sie besuchen, wenn er es wollte?

Dies zu entscheiden ist Sache der Vormundin, die das Aufenthaltsbestimmungsrecht hat. Ich persönlich halte es nicht für sehr sinnvoll.

Warum nicht?

Bisher kann ich nicht erkennen, dass sie empathisch ist mit ihrem Kind, also beispielsweise bereit ist, zur Aufklärung beizutragen, um es zu entlasten.

Erkundigt sie sich nach ihrem Sohn?

Meines Wissens eher selten.

Eine Polizistin berichtete im Prozess gegen einen der "Kunden" von der Verhaftung der Mutter. Berrin T. habe ihren Sohn auf dem Schoß gehabt, ihn fest an sich gedrückt. Als die Beamtin ihr erklärte: "Ich werde ihn jetzt mitnehmen", habe sie ihn gehen lassen. Der Junge sei ganz ruhig mitgegangen. Ohne ein Wort ...

Ich glaube, er ist sich dessen bewusst, dass ihm die Mama erhebliches Leid angetan hat. Aber er lässt keinen hinter seine Fassade schauen. Über alles, was Schule und Alltag betrifft, kann man mit ihm sprechen, da schaut er einen an, zeigt lebhafte Reaktionen. Wenn es aber darum geht, was im Gerichtssaal verhandelt wird, schaut er in sein Buch oder an die Wand.

Wie viele Details berichten Sie ihm aus den Verhandlungen?

Das mache ich ein bisschen von seiner Mimik und Gestik abhängig. Wenn er wegschaut, dann weiß ich: nur ein paar Sätze.

Wie ist sein Verhalten zu verstehen? Er zeigt nicht klar, mit dieser Mutter bin ich fertig. Aber auch nicht, dass er sie liebt.

Diese Ambivalenz erlebe ich ganz häufig bei Kindern, deren Mütter den Missbrauch geduldet haben. Sie stellen sie einerseits nicht infrage. Aber sie wissen zugleich, dass diese Frau sie nicht geschützt hat, dass sie nicht die Mutter ist, die sie gern gehabt hätten.

Berrin T. hat laut Anklage aber nicht nur weggeschaut, sondern mitgemacht. Als er sich über Schmerzen beklagte, soll sie ihm gesagt haben, er solle den Mund halten. Verdrängt er das?

Schwierig zu sagen, wir müssten ganz plump nachfragen: Was denkst du über deine Mutter? Das wagt jetzt keiner von uns, weil wir dadurch das fragile Vertrauen zerstören würden. Ich bin mir auch nicht sicher, ob er das in dieser Deutlichkeit erfasst. Er weiß natürlich, was die Mutter gemacht hat. Aber es bleibt unklar, ob er begriffen hat, dass es vorsätzlich war, oder ob er davon ausgeht, dass sie das alles nicht wollte.

Die Staatsanwältin berichtete im zweiten Staufen-Prozess von einer Videosequenz, auf der Berrin T. zu sehen ist, minutenlang weinend, während sie einen der Täter befriedigte und der andere sich an ihrem Sohn vergeht. Das wirft ein ganz anderes Licht auf die Mutter. Ist sie womöglich auch Opfer?

Ich habe Zweifel. Es gab bisher keine Hinweise auf eine massive Bedrohung durch ihren Lebensgefährten. Allenfalls hatte sie Angst, verlassen zu werden.

Und die Tränen?

Weinen ist interpretationsfähig. Weinte sie um den Sohn? Um sich selbst? Oder war es schlicht ein Würgereiz, wie Christian L. vor Gericht behauptete?

Er sagte als Zeuge aus, sie sei ihm hörig, sie tue das, was er von ihr erwarte.

Das Problem ist, dass sie bisher wenig zur Aufklärung beiträgt.

Auch für das Jugendamt war Berrin T. ein "blinder Fleck". Man habe sie falsch eingeschätzt. Ein Gericht bescheinigte ihr, bevor der Missbrauch offenbar wurde, das "ernsthaft geäußerte Bestreben, das Wohl ihres Sohnes nicht aus dem Blick zu verlieren". Es traute ihr sogar zu, den Jungen vor dem einschlägig vorbestraften Christian L. zu schützen. Wie schaffte sie es, sogar die Richter zu überzeugen?

Das ist genau die Frage. War es wirklich die Überzeugungskraft dieser Frau? Sie ist sicher nicht besonders klug, sie kann sich eher schlecht ausdrücken. Oder war es die Haltung, dass man einer Mutter solche Taten nicht unterstellen mag? Das ist der Bonus, den Frauen genießen.

2016 gab es laut Bundeskriminalamt mehr als 7000 Männer, aber nur 127 Frauen, denen sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wurde.

Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Auf kinderpornografischen Aufnahmen mit Säuglingen erkennen wir immer wieder ganz eindeutig Frauenhände.

Sind Frauen nicht eher Komplizinnen?

Sie sind häufig schweigende Dulderinnen und Mitwisserinnen. Der Partner wird über alles gestellt. Wenn die Kinder sich irgendwann der Mutter offenbaren, hören sie oftmals den Vorwurf: Erzähl keine Lügen! Viele Geschädigte sagen mir: Der größte Vertrauensbruch waren nicht die Übergriffe, sondern dieses Verhalten.

Der Junge war neun, als es vorbei war, mindestens zwei Jahre hat er unter diesen Bedingungen gelebt. Nun lebt er in einer Pflegefamilie, einer neuen Welt mit anderen Werten. Wie geht so ein Kind mit diesem Bruch in seiner Geschichte um?

Ich glaube, er hat immer gewusst, dass es falsch und eklig ist, was von ihm verlangt wurde. Man kann es auf den Videos an seiner Mimik und Gestik erkennen. Aber weil er so gar nicht darüber redet, vermute ich, dass er das Erlebte eher abspaltet.

Sie sind selbst Mutter. Und hören nun in sieben Prozessen immer wieder schreckliche Details. Wie bekommen Sie die aus dem Kopf?

Ich löse es mit Supervision und mit Reden. Man kann zwar die Taten nicht ungeschehen machen, aber der Junge ist jetzt immerhin in einer geschützten Umgebung, und wir können dazu beitragen, dass er ein bisschen Gerechtigkeit erfährt. Mich belasten viel stärker die vielen unbekannten Kinder auf den Fotos, die wir in diesem Verfahren anschauen müssen, etwa auf den Rechnern der Kunden, und von denen wir wissen: Diese Kinder sind höchstwahrscheinlich noch immer ihren Peinigern ausgesetzt.

Gehen wir zu lax mit diesem Verbrechen um?

Wir gehen falsch damit um: Fingerzeig auf die Täter, angeekelter Aufschrei, das sind alles Bestien, es hat mit uns nichts zu tun ... Aber Missbrauch findet jeden Tag statt, überall.

Was braucht es?

Mehr professionelle Angebote für potenzielle Täter. Wo kann ich denn hin, wenn ich sagen will, ich habe da ein Problem? Die Gesellschaft müsste anerkennen, dass es hier um eine Veranlagung geht, die schicksalhaft ist, von der viele betroffen sind. Nicht um Bestien!

Alle Instanzen, die das Kind schützen sollten, haben in Staufen nicht funktioniert. Alarm schlug ein Unbekannter aus dem schmuddeligen Darknet.

Wir wissen bis heute nicht, wer dieser Informant war. Eine anonyme Kontaktperson, dem das angebotene Material von Christian L. wohl zu hart war.

Wird dieses Kind je wieder einem Erwachsenen vertrauen?

Ich bin keine Therapeutin. Aber ich wehre mich dagegen, einem Opfer abzusprechen, dass es jemals wieder ein normales Leben führen kann.

Was hilft dem Jungen?

Geduld. Dass man ihn nicht zum Sprechen zwingt. Und dass man bei der Wahrheit bleibt. Sein Leben bestand nicht nur aus Missbrauch. Es gab auch ein Leben abseits der Lüge. Etwas, woran er Freude hatte.

Beispielsweise?

Lesen zum Beispiel, das kann er ganz hervorragend. Natürlich gibt es das Risiko, dass er in der Pubertät von Erinnerungen überflutet wird. Dass er süchtig wird oder kriminell. Aber es gibt auch Betroffene, die trotz schwerster Traumatisierung ihr Leben gut meistern.

Sie sind Optimistin.

Ja, denn dieser Junge hat Ressourcen. Gerade die Vorwegnahme, wie düster seine Zukunft sein mag, ist ein zweiter Übergriff.

Werden Sie als Nebenklägerin eine harte Strafe für Berrin T. fordern?

Ich kann sie nicht so hart angehen, wie ich es gern würde. Ich sehe ihre Rolle viel gravierender als die der anderen Täter.

Gravierender als die von Christian L.?

Wenn man das Vertrauensverhältnis von Mutter und Kind betrachtet – ja. Ich werde die Mutter kritisch befragen, das bin ich meinem Mandanten schuldig. Aber ich werde kein Strafmaß beantragen. Das, glaube ich, könnte er nicht verstehen, wenn ich ausgerechnet bei seiner Mutter eine hohe Strafe verlangen würde.

Sicherungsverwahrung?

Erst recht nicht.

Was sagen Sie ihm über die Zukunft seiner Mutter?

Die Kripobeamtin sagte ihm, dass die Mutter womöglich viele Jahre weg sein wird.

Wie hat er darauf reagiert?

Er hat geweint.

Das Interview über des Missbrauchsfall in Staufen ist dem aktuellen stern entnommen:

Ralf Zitzmann Unbreakable
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