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Festival im Ganges Massenpanik überschattet Hindu-Pilgerfest in Indien


Millionen und Abermillionen baden zum Hindu-Pilgerfest Maha Kumbh Mela im Ganges. Immer wieder kommt es bei dem Fest auch zu Unglücken - am Sonntag starben bei einer Massenpanik 36 Menschen.

Mit einem Dreizack in der Hand wandelt Ram Charan Giri am Ufer des Ganges entlang. Der beleibte Hindu-Mönch im safrangelben Gewand schlängelt sich durch die Massen an Gläubigen, die gerade aus den Fluten steigen. "Dieses besondere Bad reinigt sie von innen", erklärt der Guru mit der weiß-rot-orange bemalten Stirn. "Hier erreichen die Menschen den Zustand kompletter Zufriedenheit", sagt er, und die vielen Perlenketten auf seiner Brust beben.

Etwa 100 Millionen Gläubige strömen in diesen Tagen zum 55-tägigen Festival Maha Kumbh Mela, der größten religiösen Versammlung der Welt. Und das auch, obwohl es bei Pilgerfahrten in Indien immer wieder zu tödlichen Unglücken kommt. Im Jahr 2010 waren ein Baby, eine Frau und fünf Männer zu Tode getrampelt worden. 2005 wurden mindestens 300 Menschen getötet, als ein Feuer eine Panik verursachte. Die schlimmste Tragödie geschah 1954 an dem Ort, zu dem auch jetzt wieder alle pilgern: 800 Menschen starben damals in Allahabad. Bei einer Massenpanik im Bahnhof der Stadt starben am Sonntag 36 Menschen.

Doch der Glaube ist stärker als die Furcht. Der Ort, der diese unglaubliche Anziehungskraft ausübt, ist der Zusammenfluss der für Hindus heiligen Flüsse Ganges, Yamuna. Und Saraswati, der nur in der Mythologie vorkommt und unsichtbar ist. Warum genau die Menschen gerade hier ein rituelles Bad nehmen, das Wasser aus Krügen schöpfen und wieder in den Strom rinnen lassen oder auch Schlucke aus der hohlen Hand trinken - dafür gibt es viele Erklärungen.

"Sie soll klug werden und viel lernen"

"Wir kommen her, um aus diesem Leben ein gutes Leben zu machen und aus dem nächsten Leben ein noch besseres", erklärt eine Frau aus dem nahe gelegenen Fatehpur. Der Öl-Verkäufer Punit Khare spricht nicht von seiner nächsten Wiedergeburt. Für ihn ist das Bad im Ganges ein unmittelbares "Wiedererwachen".

Ein Vater nimmt seine fünfjährige Tochter auf den Arm und watet mit ihr Richtung Glück. Sie protestiert, doch er taucht einfach mit ihr unter, einmal, zweimal, dreimal. "Sie soll klug werden und viel lernen", sagt er, die irdische Zukunft seiner Tochter im Blick. Die Kleine bibbert, schreit aber nicht mehr. Vielleicht geht es ihr nun wie so vielen hier, die von "Entspannung" und "unglaublichem Glück" nach dem Bad sprechen.

Überall entlang der kilometerlangen Flussufer strahlen die Menschen, Angehörige der niederen Kasten genauso wie spirituelle und geistliche Führer. "Aber nicht nur Menschen, auch Götter kommen an diesen Ort", sagt der Sadhu Ram Charan Giri. Deswegen nehmen selbst heilige Männer wie er ein Bad. "Es kommen hier so viele Heilige zusammen und berühren mit ihren Füßen das Wasser, dass sie es noch heiliger machen", erklärt auch Sadhu Sudama Das. Das sieht Ranjit Das anders: "Es kommen so viele Sünder hierher, dass sie es verdrecken."

Zehntausende meditierende Mönche

Tausende, wenn nicht gar Zehntausende Mönche verschiedenster Sekten haben für die Tage des Festes ihre Tempel und Ashrams, ihre Hütten und Höhlen im Himalaya verlassen. Sie sitzen auf Teppichen in ihren Zelten und empfangen Anhänger, um gegen eine Spende Ratschläge für alle Lebenslagen zu erteilen. Manche der Asketen recken seit Jahren einen Arm in die Luft, andere stehen ununterbrochen. Sie meditieren vor glimmenden Feuern und rauchen Hasch-Pfeifen, die ihre Augen rot und ihre Gedanken angeblich freier werden lassen.

An einer der zahlreichen Sandstraßen, die zum Fluss hinunter führen, liegt ein Sadhu auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Ein anderer zieht an seinem Fuß, als würde er ihm das Bein ausreißen wollen. Dann drückt er mit dem Zeigefinger tief in den Bauch des Kranken. "Ich werde geheilt", meint der halbnackte Mann am Boden, der über Bauchschmerzen klagt. Und dann, nach einem Zögern, fügt er hinzu: "Aber wenn es nicht hilft, gehe ich vielleicht in eines der Krankenhäuser."

In der gigantischen Zeltstadt im Flussbett gibt es für jeden etwas: Krankenstationen und Wunderheiler, Kinder mit Schlangen in Körben oder Plastikspielzeug auf Planen, Kühe mit Blumengirlanden um den Hals und mobile Popcorn-Verkäufer. Zwischen allem hindurch kurvt Ashish Shukla mit seinem verrosteten Fahrrad. Er lebt in Allahabad, der 1,1-Millionen-Menschen-Stadt, deren Einwohnerzahl sich alle zwölf Jahre bei der Maha Kumbh Mela vervielfacht.

Fast jede Familie hat einen Lieblingsgott

"Das ist eine Zeit, wenn alle Religionen zusammenkommen" sagt der 22 Jahre alte Student. Und der Fluss, den hier alle "Mutter Ganges" nennen, mache ohnehin keine Unterschiede zwischen den Menschen. "Sie liebt alle. Für eine Mutter sind alle Kinder gleich. Deswegen können alle ein Bad nehmen", sagt Shukla.

Damit meint er nicht nur die Anhänger des Sikhismus, dessen Gläubige neben ihm gerade die Füße eines Mönchs berühren. Sondern auch die verschiedenen Vorstellungen und Riten des Hinduismus, dessen Anhänger je nach Tradition diverse der tausenden Götter und Göttinnen anbeten. Fast jede Familie in Indien hat einen Lieblingsgott und im Haus einen Altar für ihn aufgestellt: für Ganesha mit dem Elefantengesicht, den Affengott Hanuman, Krishna oder Lakshmi, die Göttin des Wohlstands.

Auch viele Menschen aus dem Westen finden sich in einer der zahlreichen Anschauungen wieder. Diana aus der Ukraine etwa, die sich nun Deva Rupa nennt und auf dem Subkontinent ihren Weg finden will. "Indien ist das heilige Land, wo jeder die Möglichkeit hat, spirituellen Reichtum zu berühren", sagt die energiegeladene junge Frau, für die alles auf der Maha Kumbh Mela spirituell ist, selbst die Luft. "Ich fühle mich so erleuchtet", schießt es aus ihr heraus. "Alle Sünden sind abgewaschen. Ich fühle Wonne, Glück!"

Ein 57-jähriger Deutscher ist "energetisiert"

Auch ein 57-jähriger Deutscher ist "energetisiert". "Es ist ein Aufgehen im Hier und Jetzt", sagt er strahlend, während er noch tropfnass am Ufer steht und seinen Blick über den Fluss schweifen lässt. Vor ihm hocken sich zwei Frauen nieder und stecken Räucherstäbchen in die weißen Sandsäcke, die das Ufer befestigen. Dann lassen sie ein Papierboot schwimmen, in dem Blumen liegen und eine Kerze brennt.

Wenige Meter flussabwärts wird das Bötchen mit einem großen Kescher aus dem braunen Wasser geholt. Die Organisatoren haben - ungewöhnlich genug in Indien - nicht nur überall Mülleimer aufgestellt, sondern auch noch Tausende zum Einsammeln der Überreste verpflichtet. Das sei auch bitter nötig, meinen Umweltschützer. Denn große Mengen an Fäkalien und Industrieabwässern gelangten ungeklärt in die Wasserläufe. "Kein Fluss hier ist ein Fluss, das sind alles Abwasserkanäle", sagt der Forscher Anil Prakash Joshi.

Das sehen die Gläubigen freilich anders. "Unsere geliebte Mutter Ganges kann nicht dreckig sein", meint Udupi Shobha, die aus Indien stammt und in der Nähe von Washington D.C. in den USA lebt. "Ich glaube an ihre reinigende Kraft. Mutter Ganges ist Leben", sagt die Frau, die Ärztin und Spezialistin für Infektionskrankheiten ist.

"Ich sehe Lord Shiva"

Der 57-jährige Deutsche, ebenfalls Arzt, ist da etwas skeptischer. "Ich hätte nie gedacht, dass ich in dieses undurchsichtige Etwas eintauchen würde", sagt er. Dass viele Gläubige sich nicht nur mit Wasser übergießen, sondern es auch schlucken, sieht er kritisch. "Einen kleinen Drink überlebt man schon, aber größere Mengen eher nicht", sagt er.

"Das ist Nektar", widerspricht ihm eine Frau im roten Sari und erinnert damit an die Jahrtausende alte Verwurzelung der Maha Kumbh Mela in der Mythologie und Astrologie. Demnach kämpften Götter und Dämonen um einen goldenen Krug (Kumbh) mit Nektar. Dabei verschütteten sie vier Tropfen, die auf die Erde fielen - an diesen Orten im Norden Indiens wird reihum alle drei Jahre ein Fest (Mela) gefeiert. Wenn Jupiter, Sonne und Mond alle zwölf Jahre in das Haus des Aquarius eintreten, beginnt das große (Maha) Fest.

Für die Bäuerin Munni Bai Dubey sind die Götter schon auf der Erde. Die alte Frau erhält von einem der Naga Babus, einem heiligen Mann, der sich seinen Körper mit Asche eingeschmiert hat, ein Häufchen Asche. Davon steckt sie sich etwas in den Mund. "Ich sehe in ihm keinen Baba, ich sehe Lord Shiva", sagt sie. Deswegen sei die Asche eine Gabe Gottes. Obwohl damit alle ihre Wünsche erfüllt seien, will sie noch möglichst häufig zur Maha Kumbh Mela kommen. "Ich möchte im Schoß von Mutter Ganges sterben."

Von Doreen Fiedler, DPA DPA

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