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Fünf Jahre Papst: Der einsame Superstar: Wie Papst Franziskus Menschen begeistert - und sich im Vatikan Feinde schafft

Jorge Mario Bergoglio begleiten hohe Erwartungen, seit er vor fünf Jahren Papst geworden ist. Die Reformen stocken, seine Gegner bekämpfen ihn unvermindert. Doch Franziskus weiß seine Popularität als Machtinstrument zu nutzen.

Von David Baum

Den schönen deutschen Friedhof im Vatikan hätten sie besichtigen wollen, erzählen die beiden Münchnerinnen. Dann habe der gewaltige Jubel über dem Petersplatz angehoben, und da beschlossen sie, spontan hierzubleiben und – obwohl protestantisch – den Papst am Fenster des Apostolischen Palastes zu bestaunen. Oh, ein Gebetsteppich, scherzt die eine über das samtene "stratum", das das Fenster ziert. Und schon winkt der 81 Jahre alte Mann heraus und beginnt in seinem sanften väterlichen Singsang das Angelusgebet. "Gott steht nicht abseits, sondern mischt sich in unser Leben ein", sagt er. "Wenn wir den Mut finden, uns selbst zu erkennen, dann erkennen wir, dass wir aufgerufen sind, unseren Schwächen und unseren Grenzen Rechnung zu tragen." Da kullern Tränen über die Wangen einer der Frauen. Sie weint und lächelt dabei. Nebenan lässt eine Pilgergruppe rote Luftballons in den Märzhimmel aufsteigen.

Auch seine Vorgänger wussten sich als volksnah zu inszenieren. Doch kaum ein Papst schien sich beim Bad in der Menge so wohl zu fühlen wie dieser, keiner konnte den Menschen so viel persönliche Nähe vermitteln

Auch seine Vorgänger wussten sich als volksnah zu inszenieren. Doch kaum ein Papst schien sich beim Bad in der Menge so wohl zu fühlen wie dieser, keiner konnte den Menschen so viel persönliche Nähe vermitteln

Er kann es halt: Menschen fühlen sich gemeint. Die Worte des Papstes hätten sie schlichtweg berührt, sagt die Münchnerin. Das sind die Momente, die selbst altgediente Priester staunend zurücklassen. War es früher die Wucht des Amtes, dieses Aus-der-Zeit-Gefallene und ewig Konstante, das die Menschen faszinierte, so scheint der aktuelle Papst als Zeitgenosse zu wirken. Er lässt dabei den Mann, der er zuvor gewesen ist, nicht verschwinden: den Seelsorger Jorge Mario Bergoglio. Ein Papst als Pfarrer der Welt. 

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Jorge Mario Bergoglio gilt als Haudegen

Fünf Jahre ist es her, dass der Argentinier nach dem überraschenden Rücktritt Benedikts XVI. auf den Stuhl Petri berufen wurde. Begleitet von Hoffnungen, er möge die dringend notwendige Erneuerung stemmen, zu der sich der betagte Theologe Joseph Ratzinger nicht in der Lage sah: Reform der Kurie, Trockenlegung der Korruptionssümpfe, Verfolgung des Missbrauchs von Minderjährigen durch Kriminelle im Klerus.

Doch die anfängliche Tatkraft führte nicht zum schnellen Erfolg. Das neu geschaffene Gremium aus neun Kardinälen, das wie die Taskforce in einem Actionfilm "K9" genannt wurde und sich der großen Themen annehmen sollte, scheint müde ob der Rückschläge und Widerstände. Der Papst rief nach seiner Wahl die Runde zusammen, um mit ihr den Regierungsapparat effektiver zu machen. Doch die Kurie ist ein träges Schiff, Kursänderungen dauern lange. Ganz besonders der Papst selbst, heißt es, sei frustriert, regelrecht bärbeißig reagiere er auf dieses Thema. Als würde ihm bewusst, dass es ihm selbst nicht vergönnt sein könnte, zu vollenden, was er angestoßen hat. Er hat medial wirkungsvolle Zeichen gesetzt, vom einfachen "Buonasera" am Abend der Wahl bis zum Blechkreuz auf seiner Brust. Nun muss er Taten folgen lassen, will er in der Geschichte nicht als Blender gelten.

Der als gütig, bescheiden und menschenfreundlich bekannte Religionsführer hat wohl auch das Zeug zum Comandante. Im Vatikan kennt man den mitunter rauen Ton des Papsts Franziskus

Der als gütig, bescheiden und menschenfreundlich bekannte Religionsführer hat wohl auch das Zeug zum Comandante. Im Vatikan kennt man den mitunter rauen Ton des Papsts Franziskus

Vielleicht hat er sich deshalb entschlossen, aufsehenerregende und populäre, aber höchst heikle theologische Kontroversen auszutragen. Franziskus verordnete seiner Kirche provokante Veränderungen, die konservative Kreise aufgescheucht und in einen erbitterten Abwehrkampf geführt haben. Es trafen dabei nicht mehr goldbehangene Vertreter eines spätrömisch wirkenden Hochklerus aufeinander, sondern Mannsbilder wie der 1,95 Meter große Mainzer Arbeitersohn Gerhard Ludwig Kardinal Müller, der als einer der Anführer der Konservativen gilt und von Franziskus mit beispielloser Kälte aus seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation abserviert wurde. Müller, der frühere Bischof von Regensburg, war noch von Benedikt XVI. als oberster Glaubenshüter berufen worden – ein bedeutendes Amt, das Ratzinger lange selbst bekleidete. Auch unter Franziskus durfte Müller in seiner Position bleiben. Doch die Distanz zwischen dem neuen Papst und dem Hüter der überlieferten Lehre wuchs. Von Feindschaft war unter Vatikanisten gar die Rede. Wohl aus Rücksicht auf seinen Vorgänger ließ Franziskus Müller gewähren, bis dessen Amtsperiode von fünf Jahren abgelaufen war. Dann: ciao und tschüss. Nicht ganz unschuldig dürfte daran ein anderer langjähriger Widersacher Müllers gewesen sein: Kardinal Reinhard Marx, der wuchtige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und mächtigste europäische Akteur der päpstlichen Eingreiftruppe K9.

Zum Typus Haudegen zählt auch Bergoglio selbst, der als Kardinal von Buenos Aires die Elendsviertel nicht scheute und selbst in der Soutane hemdsärmelig aufzutreten vermochte. Heute noch kann er so rauflustig wirken, als hätte man Don Camillo zum Stellvertreter Christi berufen.

Revoluzzer statt Reformer

Wenn er schon nicht als großer Reformer der Kurie in die Geschichte eingehen soll, dann eben als Revoluzzer, mag sich Franziskus überlegt haben. Er wagt große Umwälzungen, zumindest für eine Kirche, die 2000 Jahre ideologischen Ballast mit sich schleppt: die Einladung von Wiederverheirateten zur Kommunion, versöhnliche Zeichen an Homosexuelle ("Wer bin ich, um zu richten ...") oder Überlegungen, "Viri probati", verheiratete Männer, zum Priestertum zuzulassen. Dass das alles in der Praxis schlecht abgesprochen und theologisch wenig fundiert daherkommt, stört die Franziskus-Fans auch in Deutschland wenig. Sie sind mit den päpstlichen Zeichen der Barmherzigkeit zufrieden und brauchen keine Gelehrten-Traktate. Theologisch Versiertere allerdings und viele, denen die Tradition der Kirche mindestens so wichtig ist wie ihr Verhältnis zur Moderne, sind oft ratlos, manche gar zornig. Etwa der Intellektuelle und Schriftsteller Martin Mosebach, der im vergangenen Jahr Mitunterzeichner einer Anklage katholischer Laien und Geistlicher gegen ihr Oberhaupt war. "Mit tiefem Schmerz, aber bewegt von der Treue zu Unserem Herrn Jesus Christus, von der Liebe zur Kirche und zum Papsttum und von der kindlichen Hingabe zu Ihrer Person, sehen wir uns gezwungen, Ihnen gegenüber eine Zurechtweisung auszusprechen wegen der Verbreitung einiger Häresien", heißt es darin. "Häresie" als höflichere Umschreibung der Kampfbegriffe Irrlehre und Ketzerei gegenüber einem Papst zu verwenden, das ist in der katholischen Kirche der nukleare Ernstfall. Sofort organisierte sich eine Gegenliste, die sich als "Pro Pope Francis" deklarierte.

Ein Herz für Homosexuelle, verheiratete Priester und die heilige Kommunion für Wiederverheiratete: Manchem Gläubigen erscheinen die Vorstöße des Franziskus I. wie Häresie, andere hätten sich weitreichendere Veränderungen gewünscht. Doch auch mit diesem Papst wird es etwa das Frauenpriestertum wohl nicht geben

Ein Herz für Homosexuelle, verheiratete Priester und die heilige Kommunion für Wiederverheiratete: Manchem Gläubigen erscheinen die Vorstöße des Franziskus I. wie Häresie, andere hätten sich weitreichendere Veränderungen gewünscht. Doch auch mit diesem Papst wird es etwa das Frauenpriestertum wohl nicht geben

Es sei schlicht ein "Akt der Verzweiflung" gewesen, sagt Mosebach. "Was soll man denn sonst tun, um Klarstellung in so entscheidender Sache zu bekommen? Wie auch immer die Antwort ausfallen mag." Es sei sogar eine der wichtigsten Aufgaben des kirchlichen Lehramts, sich klar auszudrücken. "Es muss Zweifel und Unklarheiten beseitigen können", so Mosebach. "Sonst schwächt der Papst seine eigene Autorität." Wenn er sich nicht auch Traditionen unterwerfe, würde möglicherweise deutlich, dass kein Mensch – und sei er auch noch so genial – den Anforderungen des Papstamts gewachsen sei. 

Keine Ruhe für den Volkspapst

Zum fünften Jahrestag seines Pontifikats hat sich Franziskus jegliche Festivität verbeten und den Wunsch geäußert, dass man ihn ein wenig in Ruhe lässt. Seine Römer wollen davon allerdings nichts wissen. Der geschäftige Konditor im Borgo Pio stolziert schon am Morgen in seinem Laden herum und berichtet den Kunden von der Torte, die er dem Papst gebacken habe.

Dass das Oberhaupt der Weltkirche in erster Linie Bischof von Rom ist, haben die Römer in der Vergangenheit nicht oft gemerkt – bis dieser Mann auftauchte und durch die Stadt spazierte. Die inzwischen unzähligen Erlebnisse, die die Einheimischen mit ihrem Bischof sammeln durften, sind legendär. Da ist der Restaurantbesitzer, der das Telefon aufgelegt hat, als einer behauptete, er sei der Papst und wolle einen Tisch bestellen – bis er beim zweiten Anruf feststellen musste, dass da wirklich der Pontifex an der Strippe war. Oder der berühmte Optiker in der Via del Babuino, der schon Wojtyla und Ratzinger die Brillengläser schärfen durfte. "Aber nur dieser Papst ist zu mir in meinen kleinen Laden gekommen", feiert Alessandro Spiezia seinen berühmten Stammkunden, dessen Antlitz er auf eine Serie von Brillenputztüchern hat drucken lassen. Das sage alles über seine Persönlichkeit. Bei näherem Nachfragen ist zu erfahren, dass Helikopter in der Luft hingen und der Platz von Sicherheitsleuten abgesperrt werden musste. "Ja gut, er ist der Papst", zuckt Spiezia mit den Schultern. Da muss auch die Spontaneität gut organisiert sein.

Auch Franziskus taugt Frauenrechtlerinnen wie den "Femen"-Aktivistinnen als Feindbild.

Auch Franziskus taugt Frauenrechtlerinnen wie den "Femen"-Aktivistinnen als Feindbild.

An diesem Ehrentag ist auch Tiziana Lupi gekommen, sie bringt dem päpstlichen Brillenmacher die neueste Ausgabe ihres Magazins "ll mio Papa" vorbei. Das wöchentlich erscheinende Heft wirkt wie viele Klatschblätter, unterscheidet sich aber in einem grundlegenden Punkt: Es behandelt nur einen einzigen Prominenten, den Papst. Sie wisse ganz sicher, dass "Papa Francesco" sich das Magazin regelmäßig anschaue. Er habe sie sogar telefonisch in den Vatikan eingeladen, stundenlang sei sie mit Franziskus durch die Museen spaziert, und er habe ihr seine tieferen Ansichten zu den Kunstwerken in den Block diktiert. So sei das Buch "Meine Idee von der Kunst" entstanden. "Es ist diese Offenheit, spontan Ideen umzusetzen, die ihn so besonders macht", sagt Lupi.

Die Römer lassen nichts auf diesen Mann kommen. Auch der Streetart-Künstler Mauro Pallotta, der mit Graffiti, die den Papst als Superhelden zeigen, berühmt geworden ist, weiß, wie sich die päpstliche Umarmung anfühlt. Als seine Wandbilder über Nacht von unbekannt übertüncht worden waren, meldete sich der Vatikan und fragte an, ob man die Motive für eine offizielle Plakatkampagne verwenden dürfe. Ehrensache, dass er sofort zugesagt habe, sagt Pallotta, der auch den Zuckerguss einer päpstlichen Torte gestaltet hat. Darauf ist Franziskus zu sehen, wie er die ganze Welt auf seine Schultern nimmt. Kein noch so genialer Kreativer einer großen Werbeagentur könnte sich eine bessere Imagekampagne überlegen als des Papstes frenetische Fans.

Ganz überlässt Franziskus seine Außenwirkung natürlich nicht dem Zufall. Praktischerweise gibt es im Vatikan mit Dario Edoardo Viganò einen Monsignore, der Kommunikationswissenschaften studiert hat. Franziskus machte ihn zum obersten Propagandisten des Heiligen Stuhls, eine Art PR- und Pressechef. Viganò ist ein sportiver Mann von 55 Jahren, auf seinem Wikipedia-Porträtbild trägt er einen North-Face-Anorak über dem Priesterkragen. Darf man fragen, inwieweit das Medienphänomen Franziskus professionelle Inszenierung ist?

Die konservativen Gegner des Papstes machen mobil. Kritische Plakate sind in ganz Rom zu sehen

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"Natürlich versuchen wir, so gut es geht, vorzuplanen – und dennoch ist uns bewusst, dass sein Pontifikat für Nähe, Beistand und Beziehung mit den Mitmenschen steht", erläutert Viganò ungewöhnlich offen die Strategie. "Alle nehmen ihn wie einen Anführer auf, weil er glaubwürdig ist, in der Tat sind seine Gesten solche, die von der Wahrheit seiner Geschichte herrühren. Er hat gezeigt, dass es keine übernatürlichen Kräfte braucht, um die Welt zu verändern. Es genügt die Normalität der kleinen Gesten." Hinzu kommt, dass Franziskus offen für moderne Kommunikation sei, also nicht nur einverstanden ist, dass unter seinem Namen Profile auf Twitter und Instagram betrieben werden, sondern auch gern selbst an den Tweets herumformuliert.

Und doch pocht der PR-Chef des Pontifex maximus darauf, kein Marketing zu betreiben. Es gehe schlicht um den Wunsch, "die Menschen dort zu treffen, wo sie sind". Könnte das nicht auch auf der To-do-Tafel von Young & Rubicam stehen, der weltumspannenden Werbeagentur? Viganò widerspricht: "Wir befinden uns innerhalb des Paradigmas der Kirche, die sich öffnet, die Kirche, die aus dem Abendmahl hervorgeht, nach dem Geschenk des Heiligen Geistes: Die Türen öffnen sich, und die Apostel beginnen durch die Straßen der Menschheit zu laufen und der Welt die Erfahrung der Barmherzigkeit und der Zartheit zu erzählen."

Eine Reformation reicht

In einer Kapelle unweit des Augustusforums wird gerade der Schlusssegen gesprochen. Der emeritierte Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild Wilhelm Imkamp hat für Gloria Fürstin von Thurn und Taxis eine mittägliche Privatmesse gelesen – auf Latein, versteht sich. Die beiden prominenten deutschen Katholiken kennen Kardinal Müller seit vielen Jahren, schließlich war er zehn Jahre lang Bischof von Regensburg.

Kürzlich hat die Regensburger Fürstin ein großes Porträt von Franziskus erworben, das der chinesische Maler Yan Pei-Ming gemalt hat.

In einem kürzlich erschienenen Schwarzbuch wird der Papst als Diktator dargestellt. Dessen Verfasser schreibt unter Pseudonym

In einem kürzlich erschienenen Schwarzbuch wird der Papst als Diktator dargestellt. Dessen Verfasser schreibt unter Pseudonym

"Ich kenne kein Bild, in dem der Charakter dieses Papstes so gut getroffen wäre, wie dieses", sagt Prälat Imkamp, nachdem er es eingehend betrachtet hat. Auf dem Porträt wirkt Franziskus wie ein Oberbefehlshaber, ein Comandante. "Ich hoffe, dass sich die Kirche unter dem Papst Franziskus besser entwickelt als die Jesuitenprovinz Argentinien unter dem Provinzial Bergoglio", sagt Imkamp. Es sind diese weit zurückliegenden Details aus der Vorgeschichte Bergoglios, über die manche Akte inzwischen verschollen ist, die unter seinen Gegnern umso mehr für Gesprächsstoff sorgt. Angeblich habe der damalige Jesuitengeneral Kolvenbach bescheinigt, Bergoglio sei "nicht geeignet, Bischof zu werden", zu jähzornig, zu vulgär in der Sprache. Darüber diskutieren heute viele Konservative, die finden, dass eine Reformation in der Geschichte des Christentums eigentlich reichen würde. "Der sogenannte Franziskus-Effekt hat der Kirche Deutschlands wohl bisher nicht viel gebracht, soweit es in Zahlen feststellbar ist", sagt Imkamp. Weder füllten sich die Kirchen, noch sei eine Beitrittswelle oder ein Anstieg der Neuzugänge im Priesteramt zu verzeichnen. Mancher Hardliner steht längst außerhalb solcher Maßstäbe. Im vergangenen November ist eine Streitschrift erschienen, die den Papst als Imperator der dunklen Seite der Macht verdammt. Der Autor scheint Engländer mit erheblichem Insiderwissen zu sein, veröffentlicht aber unter dem Pseudonym Marcantonio Colonna. "Der Papst als Diktator" heißt das Buch und zeichnet ein Bild Bergoglios, das nur wenig mit dem Mann zu tun hat, den sich die Öffentlichkeit vorstellen möchte. Von einer "St.-Gallen-Mafia", der auch der deutsche Kardinal Walter Kasper angehöre, ist die Rede, von der Bergoglios Wahl maßgeblich herbeigeführt worden sein soll.

Franziskus wird als Despot beschrieben, der an Juan Perón erinnere – jenen autokratischen Führer Argentiniens, unter dem Bergoglio aufgewachsen war.

Es ist ein ewiges Hin und Her, bis die Kontaktaufnahme zu dem Mann gelingt, der sich Colonna nennt. Und dann auch nur per Mail. Es könnte also theoretisch auch eine innervatikanische Verschwörung sein, die da antwortet – oder Jan Böhmermann.

Er habe mehr als vier Jahre in Rom gelebt, schreibt "Colonna", dabei das Pontifikat von Beginn an verfolgt, mit Kardinälen und Klerikern gesprochen. "Ich wollte ein Sachbuch schreiben, in dem gezeigt wird, wie Franziskus sich selbst als Diktator erweist und mit seinem Ruf als Reformer täuscht", mailt der Anonymus dazu. Es stehe außer Frage, dass Franziskus eine unwiderrufliche Wirkung auf die Kirche haben werde, die vor allem aus Chaos bestehe. "Wenn Franziskus jetzt sterben würde, gäbe es sicher eine starke Reaktion im nächsten Konklave, und es würde einen Papst aus der Mitte des klerikalen Spektrums geben, wenn nicht sogar einen seiner starken Kritiker."

Franziskus weiß starke Zeichen zu setzen – etwa als er 2016 muslimischen Flüchtlingen die Füße wusch

Franziskus weiß starke Zeichen zu setzen – etwa als er 2016 muslimischen Flüchtlingen die Füße wusch

Am Tag nach seinem stillen Pontifikatsjubiläum hat Franziskus bereits eine fulminante Generalaudienz hinter sich gebracht. Der Petersplatz war gut gefüllt, er ist zu fröhlicher Orgelmusik im Papamobil durch die Menge gefahren, hat Kinder am Wegesrand geküsst und mit einer schönen Ansprache die Menschen berührt. Auch wenn papstkritische Plakate in der Stadt hängen und es das Buch "Il Papa Dittatore" in die Amazon-Verkaufscharts geschafft hat – es sind nur Nebengeräusche, die den Klang seines Namens nicht weiter stören.

Widerstand und Grappa

Am Abend sorgt dann eine Veranstaltung in der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl für Aufsehen. Hat Botschafterin Annette Schavan wirklich zu einer Veranstaltung geladen, auf der ausgerechnet Vatikan-Dissident Gerhard Ludwig Kardinal Müller zum Thema "Widerstand" spricht? "Es wird immer gerne alles Mögliche interpretiert", wiegelt Schavan ab, sie sei ja deutsche Botschafterin und nicht Teil des Vatikans. "Ich kenne Papst Franziskus als jemanden, der selbstbewusste Menschen und auch den Widerspruch schätzt."

Schavan, die etwas unglücklich aus dem Amt geschiedene frühere Bundesministerin, hat eine Rolle, die gemeinhin unterschätzt wird. Schließlich fungiert sie als Bindeglied zweier höchst unterschiedlicher Akteure des Weltgeschehens, als deren beider Vertraute sie gilt: der evangelischen Pfarrerstochter und deutschen Kanzlerin Angela Merkel auf der einen, des katholischen Papstes auf der anderen Seite. Beide im akzentuiert menschlichen Blick auf die Flüchtlingskrise und dem Willen vereint, sich dafür wenn nötig mit den eigenen Leuten anzulegen.

Das ist aber nicht der Widerstand, von dem heute die Rede ist. Kardinal Müller spricht über Märtyrer in der NS-Zeit wie Bonhoeffer und die Geschwister Scholl. Die Fassungslosigkeit darüber, aus der drittwichtigsten Position der Kirche ohne Angabe von Gründen abberufen worden zu sein, ist ihm noch anzusehen. "Je weiter die Menschen von der Kirche entfernt sind, desto mehr haben sie sich darüber gefreut", sagt er.

Starregisseur Wim Wenders bringt im Juni einen Franziskus-Film in die Kinos

Starregisseur Wim Wenders bringt im Juni einen Franziskus-Film in die Kinos

Tatsächlich lässt sich am Beispiel Müllers erspüren, wie uneindeutig die Fronten in dieser Auseinandersetzung verlaufen. Schließlich ist ausgerechnet er, der langjährige Hüter der Lehre, eng mit Befreiungstheologen wie Gustavo Gutiérrez verbunden. Die Darstellung als Betonkopf unter dem Kardinalshut wird ihm nicht gerecht. Nach der Veranstaltung sitzen Kardinal, Fürstin und Botschafterin in launiger Einigkeit bei Grappa zusammen. Je später der Abend, desto unschärfer sind die Grenzen zu erkennen. "Der Papst ist zu einer kulturellen Revolution entschlossen", sagt Schavan danach. "Ich glaube, dass er für einige Überraschungen gut sein wird. Etwa in der Frage, wie diese Kirche in 50 Jahren aussehen wird und welche Rolle Frauen darin spielen könnten."

Zu Beginn der neuen Woche ist die Aufmerksamkeit von etwaigen Störfeuern längst umgelenkt. Monsignore Viganò hat offenbar ein paar Überstunden eingelegt. Eine Erklärung des Papstes emeritus macht die Runde, in der dieser sich theologisch hinter seinen Nachfolger stellt. Dass die Vatikanpressestelle ein paar relativierende Sätze Ratzingers bis zur Unleserlichkeit retuschiert hat – geschenkt. Gleich am Dienstag wurde der Welt das Büchlein "Gott ist jung" präsentiert, in dem sich Papst Franziskus an die Jugend richtet. Es ist ein sympathisches, einfühlsames Werk im Plauderton. So viel Persönliches hat man von keinem Papst je gehört. Franziskus berichtet von geplatzten Träumen, als er als Jugendlicher nach Japan gehen wollte, um zu missionieren, aber eine schwere Lungenoperation dies unmöglich machte. Und schildert eindrücklich, wie ihn die Berufung überkam: "Dennoch machte ich eine Ausbildung zum Chemietechniker, hatte eine Freundin, aber tief in meinem Inneren gewann die Idee des Priesteramts zunehmend Kraft." An anderer Stelle mosert er über Schönheitsoperationen und darüber, dass zu viel Tratsch in der Welt sei. Ein Papst wie du und ich.

"Ein Mann seines Wortes"

Schließlich wurde der Trailer zu "Ein Mann seines Wortes" ins Netz geladen. Es ist ein Film, wie es ihn noch nie gegeben hat. PR-Präfekt Viganò hat den deutschen Starregisseur Wim Wenders auf die Idee gebracht, eine Dokumentation nicht über, sondern mit Franziskus zu drehen. "Ich war ziemlich überrascht, als Ende 2013 ein Brief mit dem Briefkopf des Vatikans in unserem Büro eintraf – mit der Frage, ob ich bereit wäre, nach Rom zu kommen und über ein mögliches Filmprojekt zu sprechen", erzählt Wenders. Und er habe Carte blanche bekommen sowie einen einzigartigen Zugang zum Vatikan. "Der erlaubt es, eine Plattform zu schaffen, mit deren Hilfe der Papst direkt mit den Zuschauern über alle seine Themen und Anliegen kommuniziert, indem er Auge in Auge mit der ganzen Welt sein könnte, als ob er jedermanns Fragen beantworten würde." Da ist sie wieder, diese Nähe. Schon die ersten Szenen zeigen, wie direkt der Papst zu den Zuschauern spricht. Franziskus kommt gleich zum zentralen Thema, Gott in den Armen und Ausgestoßenen zu begegnen: "Es gibt so viel Armut in der Welt, das ist ein Skandal", sagt er.

Sein römischer Optiker und die Redakteurin des päpstlichen Klatschblattes "Il mio Papa" künden von der Menschlichkeit des Papstes

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Er kann es halt. In diesem Moment spricht er direkt mit den Menschen, egal, ob katholisch oder überhaupt gläubig. Er redet an allen Kritikern, Klerikern und Kurienkardinälen vorbei. Das ist perfide, genial – und vielleicht eine Zeitenwende. Er ist der Papst, der keine Kirche braucht.Unnützes Wissen Papst

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