HOME

Haaranalyse: Ich weiß, wo du wohnst

Sie sammelten Haare in Friseursalons quer durch die USA und untersuchten sie. Jetzt können Wissenschaftler anhand einer Haarprobe bestimmen, in welcher Region ein Mensch wohnt. Die Methode könnte in Zukunft helfen, Verbrechen aufzuklären.

Von Hristio Boytchev

"Sag mir was Du isst, und ich sage Dir, wer Du bist", sagte mal der französische Philosoph Jean-Anthelme Savarin. "Gib mir etwas von Deinem Haar, und ich sage Dir wo du wohnst", könnte James Ehleringer antworten. Der Biologieprofessor der University of Utah entwickelte mit Kollegen eine Methode, die genau dies ermöglicht. Bisher kann die Technologie nur in den Vereinigten Staaten angewandt werden. Doch die Wissenschaftler sammeln bereits Daten in Europa und hoffen, dass die Technik bald auch hier verfügbar wird.

James Ehleringer ist ein Experte der Spurensuche. Er entwickelte schon Untersuchungsmethoden, die zeigen, wo Kokain und Heroin angebaut wurden. Auch Falschgeld war er auf der Spur: Er half, den Ursprungsort von Dollar-Blüten zu finden. Die Methoden, die er dafür benutze, haben alle eines gemeinsam: Sie basieren auf der Analyse von Isotopen. Das sind Atome, die sich von anderen in der Masse und nicht in ihren chemischen Eigenschaften unterscheiden. So gibt es zum Beispiel neben dem "normalen" Wasserstoff auch "schweren" Wasserstoff.

Jetzt entwickelte Ehleringer zusammen mit Professor Thure Cerling und Kollegen ein Verfahren, bei dem sie Haare analysieren. Anhand der Menge von schweren Isotopen von Wasserstoff und Sauerstoff in den Haaren können sie den ungefähren Aufenthaltsort von Menschen bestimmen. Ihre Untersuchung wurde online in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

So funktioniert die Haaranalyse

Wenn Wolken vom Meer ins Land treiben neigen die Wassermoleküle, die schweren Wasserstoff oder Sauerstoff enthalten, aufgrund ihres höheren Gewichtes dazu, früher als Niederschlag auszufallen. Das führt dazu, dass in Küstengebieten der Anteil des schweren Wassers größer ist als im Landesinneren. Die Isotope werden von Menschen beim Essen und Trinken sowie mit der Atemluft aufgenommen - und unter anderem ins Haar eingebaut. Durch die Bestimmung des Anteils der Isotope im Haar kann deshalb auf den Aufenthaltsort geschlossen werden.

Zuerst mussten die Wissenschaftler allerdings eine Art Isotopenkarte erstellen. Dazu reisten sie durch die Vereinigten Staaten und sammelten Haarabfall in Friseursalons. Sie suchten 65 Städte mit weniger als hunderttausend Einwohnern auf, weil sie dort weniger Touristen vermuteten - denn diese würden die Daten verändern. Zurück im Labor untersuchten die Biologen die Proben - und stießen zunächst auf ein Problem: Viele Amerikaner essen die sogenannte "kontinentale Supermarktdiät", Essen das in wenigen spezialisierten Anbaugebieten hergestellt und in Supermärkten der gesamten Nation verkauft wird. Dies erschwerte es, eine genaue Karte zu erstellen. Die Forscher mussten an die Grenze des technisch Möglichen gehen: "Wir maßen Unterschiede im Bereich von ein Zehntausendstel Prozent", sagt Ehleringer. Nun ist es sogar möglich, durch das Untersuchen des Haars von der Wurzel bis zur Spitze chronologisch die Ortswechsel eines Menschen zurückzuverfolgen - bis auf Jahre in die Vergangenheit, falls das Haar lang genug ist.

Zurzeit ist die Methode noch unpräzise: "Wir können eine Region von mindestens 300 Kilometer Durchmesser definieren, in der sich ein Mensch höchstwahrscheinlich aufgehalten hat", sagt Professor Ehleringer. "Mit der Analyse können wir auch bestimmte Wohnorte ausschließen. Und sagen, ob eine Person in der Vergangenheit viel gereist ist, und ob sie in einem Ort heimisch ist, oder erst vor kurzem zugezogen ist", ergänzt Thure Cerling. Die Wissenschaftler hoffen, dass die Präzision in Europa und auf anderen Kontinenten höher wird als in den USA, weil die Ernährungsgewohnheiten hierzulande sich von denen in Amerika unterscheiden.

"Die Methode ist phänomenal"

In den USA arbeiten die Wissenschaftler schon mit der Polizei zusammen. Ein Fall bereitet den Behörden schon seit Jahren Kopfschmerzen: Im Oktober 2000 fanden Jäger in der Nähe von Salt Lake City die Überreste einer weiblichen Leiche. Die Identität des Mordopfers konnte nicht ermittelt werden, denn der Polizei stand nur wenig zur Verfügung: 26 Knochen, Schmuck, Kleidung - und etwas Haar. Jetzt konnten die Wissenschaftler um Ehleringer herausfinden, dass das Opfer in den letzen zwei Jahren ihres Lebens im Nordwesten der USA umherzog. "Diese Information wird uns helfen, das Puzzle zusammenzustellen", sagt Detective Todd Park, der Ehleringer um Hilfe bat und fügt hinzu: "Die Methode ist phänomenal".

Auch die Wissenschaftler sind mit ihrer Methode zufrieden: "Wir waren glücklich, dass es geklappt hat - aber nicht überrascht", sagt Cerling. Wie es mit ihrer Forschung weitergehen soll wissen sie auch schon: "Es wäre schön mehr Anwendungen für die Methode zu finden. Sowohl in der Kriminologie als auch in der Archäologie". Archäologische Funde mit Haaren gibt's schließlich - Mumien zum Beispiel.