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Interview: "Psychoanalyse ist harte Arbeit"

Die von Sigmund Freud entwickelte Psychoanalyse wird zwar immer wieder kritisiert, spielt aber laut der Berliner Analytikerin Anne Springer auch heute noch die dominierende Rolle in der Psychotherapie.

Anne Springer, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie, bescheinigt der langwierigen Methode auch in immer hektischeren Zeiten gute Zukunftsaussichten.

Welche Rolle spielt Psychoanalyse heute in der Behandlung seelischer Erkrankungen neben anderen Verfahren?


Sie deckt immer noch den überwiegenden Teil der Behandlungen ab. Das hat verschiedene Gründe: Sie ist die älteste Form, auch wurde sie ganz breit an den Universitäten gelehrt. Die zweite große Richtung, die am aktuellen Problem ansetzende Verhaltenstherapie, wurde erst in den 70er Jahren in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen.

Kommt der Psychoanalyse diese große Rolle denn auch zu?


Ja, sowohl als Methode der Kulturwissenschaft als auch der Krankenbehandlung, wo die Studien zur Wirksamkeit für sie sprechen. Der Wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie hat beiden großen Richtungen attestiert, die weit überwiegende Zahl der seelischen Erkrankungen in der Bevölkerung abzudecken: Ängste, Depressionen, Störungen des Gefühlslebens zum Beispiel.

Viele Annahmen Freuds stießen aber auf Kritik, so der ’Penisneid’ der Frauen. Was halten Psychoanalytiker heute von der Idee, weibliches Verhalten erkläre sich aus Neid auf Männer?


Das hat zwei Seiten. Es ist ein ungeheures Verdienst Freuds, dass er Frauen überhaupt erst mal in den Mittelpunkt rückte und sie über sich sprechen ließ. Bei einzelnen Frauen kann ein Penisneid auch wirklich eine Rolle spielen. Verallgemeinern lässt sich das natürlich nicht. An dem Beispiel sieht man aber auch, die Theorie ist so lebendig, dass sie sich ständig verändert und Veränderungen auch aushält.

Also ist die Psychoanalyse anderen Verfahren nicht überlegen?


Nein. Es wird immer Patienten geben, die mehr von dem einen Verfahren profitieren als von dem anderem. Das beste herauszufinden, darin besteht die ärztliche Kunst. Gott sei Dank nimmt es in den letzten Jahren immer mehr zu, dass sich die Vertreter der großen Richtungen gegenseitig Patienten überweisen. Außerdem lernen die Verfahren auch voneinander, auch wenn es immer noch große Unterschiede gibt.

Auch das gehört zu den Vorwürfen: Analytiker stärken die Menschen primär nicht im Hier und Jetzt, sondern entblättern sie erst.


Die übliche Vorstellung, aber falsch. Analyse ist nicht erst Kahlschlag und dann etwas Neues. Das ist eine Arbeit im Hier und Jetzt. Das zentrale Werkzeug ist die Beziehung zwischen Analytiker und Patient. Das Verstehen dieser Beziehung hat die Geschichte des Patienten zum Hintergrund. Das Abwehrgefüge wird destabilisiert, doch das stärkt auch, weil es die Möglichkeit schafft, zu völlig anderen verschütteten Gefühlen und Denkmöglichkeiten vorzudringen. Natürlich gehen Patienten auch mal weinend aus einer Stunde heraus, aber das kann etwas sehr Befreiendes haben.

Aber ist klassische Psychoanalyse noch zeitgemäß? Von den Menschen heute wird Leistung erwartet, und dann legen sie sich jahrelang drei Mal pro Woche beim Arzt auf die Couch.


Psychoanalyse ist harte Arbeit. Niemand ändert sich freiwillig. Bei schweren Erkrankungen kann die Therapie auch dazu führen, dass jemand davon völlig absorbiert wird und zeitweilig im Alltag nicht mehr klar kommt. Aber eine gute Psychotherapie wirkt eben wie ein gutes Medikament- das gibt es auch nicht ohne Nebenwirkungen.

Psychoanalyse hat also Zukunft?


Ich bin da zuversichtlich. Unsere Kultur braucht diese Form des Arbeitens, diesen Kontrapunkt. Wir leben mit einer enormen Reizüberflutung durch Bilder, Geräusche, Nachrichten. Umso wichtiger ist ein eigener innerer Raum in Gegenwart eines anderen. Manche schaffen sich das zum Beispiel durch Malen. Aber es wird immer auch kranke Menschen geben, die sagen: Psychoanalyse ist meine Form, mein Medikament.

Interview: Imke Zimmermann/AP

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