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Vorurteile gegen Dicke: Das sagen die stern.de-Leser

Am 22. Januar erschien auf stern.de ein Interview zur Stigmatisierung übergewichtiger Menschen. Die Wissenschaftlerin Anja Hilbert hatte ermittelt, dass jeder Vierte Vorurteile gegen Betroffene hegt. Unter den stern.de-Lesern ist daraufhin eine hitzige Diskussion darüber entbrannt, ob die Vorurteile berechtigt sind.

1000 Deutsche hatten die Forscher der Universität Marburg im Rahmen der weltweit ersten repräsentativen Studie angerufen und über ihre Einstellungen zu Adipositas befragt. Das Ergebnis: Jeder Vierte stimmte platten Vorurteilen - wie 'Dicke sind faul' oder 'Dicke sind undiszipliniert' - zu. 55 Prozent waren unentschlossen, was die Forscher als Zeichen einer latenten Stigmatisierung werteten. Im stern.de-Interview sagte Studienleiterin Anja Hilbert, dass die Stigmatisierung oft mit einer Schuldzuweisung einherginge. Und das, obwohl auch Faktoren eine Rolle spielten, die Betroffene kaum selbst beeinflussen könnten. Als Beispiel nannte sie genetische und sozioökonomische Faktoren. Bei den stern.de-Lesern hat das eine heftige Debatte ausgelöst, in deren Verlauf sie mehr als 60 Kommentare verfassten.

Der Einfluss der Gene

Gerade über die von der Wissenschaftlerin angesprochene Schuldfrage stritten sich die Leser. Während sich einige klar zu Vorurteilen wie 'Dicke sind faul' oder 'Dicke sind maßlos' bekannten, riefen andere zur Mäßigung auf und wiesen auf mögliche Ursachen hin. Für Leser "chausen" war die Sache klar. Mitgefühl habe er nur mit jenen Betroffenen, die erblich bedingt fettleibig seien. "Die restlichen 95 Prozent der 'DICKEN' werden völlig zu Recht stigmatisiert: zu wenig Bewegung, faul und träge, maßlos, genusssüchtig, dazu häufig ungepflegt und ungebildet", so lautete das Urteil. Viele Leser bezogen sich in der folgenden Diskussion auf die Aussage, dass nur in fünf Prozent aller Fälle eine genetische Ursache für die Fettsucht vorliege. So einfach ist die Sache jedoch nicht, erklärt Wissenschaftlerin Anja Hilbert. In bis zu fünf Prozent aller Fälle sei die Adipositas durch ein einzelnes Gen begünstigt. Das bedeutet jedoch nicht, dass bei den restlichen 95 Prozent die genetische Veranlagung keine Rolle spiele. In den anderen Fällen seien es mehrere Gene, die zum Übergewicht beitragen, so die Wissenschaftlerin. "Gene spielen immer als Faktor eine Rolle, neben Umwelt- und Verhaltensfaktoren", so Hilbert.

Auch bei anderen stern.de-Lesern fanden die gängigen Vorurteile über Adipositas Zustimmung. Einige machten die Betroffenen für ihre Situation selbst verantwortlich. "Warum soll ich da Mitleid haben?", fragte "faustjucken_de". Kommentator "Lain" fragte "Warum immer dieser Schutz??" und sah eine einfache Lösung des Problems: "Wer regelmäßig Sport treibt und nur ein kleines wenig darauf achtet, was er isst, sollte ja wohl in der Lage sein, sein Gewicht niedrig zu halten", so die Einschätzung.

Entsetzen über Kommentare

Andere Leser waren bestürzt über die zahlreichen gehässigen Bemerkungen. "thu-sis" stellte fest: "Ich bin über den Großteil der Kommentare und geistigen Ergüsse hier entsetzt." Nicht jeder, der dick sei, sei "automatisch eine fauler Fresser", schrieb "aeternitas" und rief dazu auf, Betroffene nicht auch noch "blöd dafür anzumachen". "Echolot" sah in der Diskussion ein typisches Beispiel "für die fortschreitende Respektlosigkeit seinen Mitmenschen gegenüber".

Unter den Kommentatoren waren auch Leser, die selbst an Übergewicht leiden und von ihrem eigenen Kampf gegen die Pfunde berichteten. "thu-sis" schrieb beispielsweise: "Ich war seit meiner Kindheit adipös, habe unzählige Diäten und Abnehmversuche hinter mir, die wegen des berühmten Jo-Jo-Effekts gescheitert sind. Erst als nach Jahren endlich ein Arzt auf die Idee kam, meine Schilddrüse zu kontrollieren, ging es besser." Ähnliches hat auch "Medley" erlebt: "Ich esse schon seit Ewigkeiten keine süßen Sachen (Bonbons, Kuchen, etc.) mehr, trinke kein Bier oder sonstigen Alkohol, meide alles was fett ist, ernähre mich gesund, und ich habe, zu meinem eigenen Leidwesen TROTZALLEDEM Gewichtsprobleme!" Gegen Schuldzuweisung wehrte sich "Medley": "Wie die Leute daher zur Überzeugung kommen, dass das Körpergewicht ein Produkt des eigenen Willens ist, ist mir ein vollständiges Rätsel."

Missbrauch als Ursache

Als mögliche Ursachen diskutierten die Leser zahlreiche Faktoren. "quintus11" wies daraufhin, "dass die dicken Erwachsenen von heute oft die dicken Kinder von damals" seien und Betroffene daher nur bedingt Schuld hätten. "raindeer" nannte übermäßiges Essen eine "Sucht" und machte auch die Lebensmittelindustrie für das Problem verantwortlich, "die gezielt hochkalorische, zuckerstrotzende Kinderlebensmittel herstellt, um verfressene Konsumenten ranzuzüchten". Andere Leser wiesen auf psychische Ursachen hin. "Frankie_2007" bezeichnete sich selbst als stark übergewichtig und berichtete davon, als Kind jahrelang missbraucht worden zu sein. "Fresssucht/Adipositas ist gerade auch bei Frauen ein Weg, um sich für Männer unattraktiv zu machen", heißt es in dem Eintrag. "Maria1000" bestätigte diesen Zusammenhang und fand es "seltsam", dass dies "im Gegensatz zur gesellschaftlich mehr 'anerkannten' Essstörung Magersucht" bei Adipositas wenig bekannt sei.

"Warum geht's immer gleich um Schuld?", kritisierte "WeitWeg", und "algernon" fragte: "Muss jeden Tag über jemand anderen hergezogen werden??? Vielleicht ist die schlimmste Sucht auf der Welt immer über jemand anderes herziehen zu können."

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