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Schlag 12, der Mittagskommentar aus Berlin Pegida im Niedergang: miesgelaunt, verbittert, rechts


Der Auftritt des niederländischen Islam-Hassers Geert Wilders in Dresden hat gezeigt: Die selbsternannten Verteidiger des Abendlandes sind zu einem traurigen rechten Rest geschrumpft.
Von Tilman Gerwien

Eine große Wiese am Ufer der Elbe. Viele Deutschland-Fahnen. Viele Lonsdale-Kapuzenpullis und Thor-Steinar-Jacken. Bei der Zugangskontrolle zum umzäunten Versammlungsbereich steht ein Männchen. Das Männchen fühlt sich ganz groß, weil es kontrollieren darf. Es hat einen schwarzen Ledermantel in Gestapo-Optik an. Drinnen in der Menge dann: Hausmeister-Typen, Türsteher-Typen, stiernackig und kahlköpfig. Burschenschafter und Russland-Versteher. Manche haben ihre blondierten Frauen dabei. Sie machen Erinnerungsfotos mit ihrem Handy. Auf einem Transparent steht: "Großröhrsdorf erhebt sich!"

Dann die Rufe: "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!", donnert es tausendfach über die Elbwiesen. Die Polizei hatte vorher gebeten, die nahegelegene Brücke zu verlassen, um "Fluchtwege freizuhalten".

Ja, ein Fluchtweg wäre jetzt nicht schlecht. Nur raus hier, nur weg. Gut, dass die Elbe so nah ist. Hat man das hier überstanden, kann man gleich in den großen Fluss kotzen.

30.000 Menschen hatten die Pegida-Organisatoren zum Auftritt des niederländischen Anti-Islam-Agitators Geert Wilders erwartet. Um die 10.000 kamen schließlich. Wer dabei war, wer das gesehen hat, kann sich bei den Organisatoren nur bedanken: Pegida, das rätselhafte Phänomen, über das Pfarrer und Soziologen, Literaten und Parteienforscher monatelang rätselten, es hat sich selbst entschlüsselt, spätestens seit gestern.

Was jetzt davon noch übriggeblieben ist, nach diversen Flügelkämpfen und Abspaltungen, das sind mitnichten die schweigenden Bürger aus der Mitte der Gesellschaft, enttäuscht von der etablierten Politik, mit denen ein Dialog lohnen würde. Das ist der rechte Bodensatz. Der schlecht gelaunte traurige Rest, angeführt von einem mehrfach vorbestraften Mann, der im Anzug und hellblauer Krawatte und mit Hitler-Scheitel daherkommt und gestern eine Veranstaltung leitete, die an Trostlosigkeit nicht mehr zu überbieten war: verbittert, seelenvergiftet, voller Ressentiments gegen alles, was dieses Land modern, schön, bunt und erträglich machen könnte. Gott, schütze unser deutsches Vaterland davor!

Billige moralische Selbst-Überhöhung

Geert Wilders redete eine knappe halbe Stunde zu den Deutschland-Fahnen-Trägern über Islamismus und Überfremdung und Grenzen, die endlich wieder dicht gemacht werden müssen in Europa. Er rief dazu auf, in den heldenhaften Kampf zu ziehen zur Verteidigung des "jüdisch-christlichen" Europa. Das ist geschickt, das muss man Wilders lassen: Selbst die traurigste Plattenbau-Existenz kann sich nach einer solchen Rede noch als Verteidiger der abendländischen Zivilisation fühlen. Billiger ist moralische Selbst-Überhöhung nirgendwo zu haben. Unten schwenkten sie ihre Fahnen und riefen: "Wir sind das Volk!" Pegida, das war immer eine höchst zweifelhafte Vereinigung. Aber es war, als im letzten Winter bis zu 25.000 Menschen in Dresden auf die Straße gingen, auch ein beachtliches politisches Experiment: ziviler Ungehorsam aus der ewig schweigenden Mitte der Gesellschaft, eine neue Aufmüpfigkeit gegen die Arroganz der politischen Klasse und die Selbstgewissheit der Medien, gegen Denkschablonen und Sprachverbote und gegen von oben verordnete Zumutungen wie den eindimensionalen Satz, dass der Islam "zu Deutschland" gehöre.

Pegida jetzt: Das ist nur noch ostdeutscher Kohlrouladen-Patriotismus, ein Jägerzaun-Spießertum, das sich anmaßt, für unser Land zu sprechen.

Sie rufen: Wir sind das Volk!" Aber sie sind nicht das Volk. Diejenigen, die Pegida nicht wollen, diejenigen, die ein Deutschland, wie es Pegida will, nicht wollen - die sind mehr. Viel mehr.

Ist das nicht großartig?


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