Amsterdam "Bei allen ist eine Schraube locker"


Das "Freud" in Amsterdam ist kein gewöhnliches Restaurant. Das liegt allerdings nicht so sehr an den mediterranen Speisen, als vielmehr an den Mitarbeitern. Denn bei der Namenswahl haben sich die Besitzer schon einiges gedacht.
Von Albert Eikenaar

Es war der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen höchstpersönlich, der das erste Menü servierte. Das war am 20. April und nun, kaum fünf Monate später, läuft der Laden wie verrückt. "Freud" ist dann auch kein normales Speiselokal in Amsterdam, sondern ein tolles Restaurant, wo nur ehemalige Psychiatriepatienten arbeiten, vom Koch bis zur Bardame, von der Gastfrau bis zum Kellner.

"Bei allen ist eine Schraube locker", behauptet Gerda Hahn, Künstlerin und nebenberuflich Autorin von Kochbüchern. Zusammen mit ihrer Freundin, der Psychologin Renske Kastelein, kam sie vor zwei Jahren während einer genüsslichen Weinrunde auf den Gedanken, ein Hilfsprojekt zu starten für Menschen, die "auf dem Irrweg" sind.

Aus einer kleinen Idee entstand ein großartiges Unternehmen

Weil Gerda Hahn damals schon Kochkurse gab, entstand im Kopf der beiden Frauen der vage Plan, ein informelles Wohnzimmerrestaurant zu entwickeln. Als sie dann bei den Vorbereitungen auf Sponsorsuche gingen, stießen sie auf die Stiftung 'Doen' (Machen), die Menschen in geistiger Schieflage hilft, wieder in der Gesellschaft zu integrieren. Auch andere Organisationen zeigten sich bereit, das Portemonnaie zu zücken.

So entstand aus einer kleinen Idee ein großartiges Unternehmen. Jedenfalls auf Papier. Dabei blieb es nicht. Denn, so meinten die Zwei, wenn wir imstande sind, auf einem bescheidenen Niveau ehemalige Geisteskranke zu unterstützen und sie zurück zu führen unter andere Menschen, dann sollte uns das ebenfalls in größerem Rahmen gelingen können.

Sie fanden eine Agentur von Zeitpersonal bereit, die richtigen Mitarbeiter zu vermitteln. Es galt dabei eine strenge Bedingung: sie mussten eine psychiatrische Vergangenheit haben und einen Job suchen. Kastelein: "Für solche Menschen ist es ein riesiges Problem, eine Stelle zu finden. Überall werden sie abgewimmelt. Wer will schon einen Verrückten einstellen?" Für diese Zielgruppe wollte das Duo "Freud" entwickeln, für Männer und Frauen, die wieder richtig ticken, aber trotzdem für ewig und drei Tage als Irre gebrandmarkt werden.

Nur nicht durchschnittlich

Inzwischen zählt die Belegschaft etwa 30 Personen, die selber entscheiden, ob und wann sie therapeutisch arbeiten. Mal fünf, mal zehn Stunden am Tag. Gerda und Renske sind da lockere Arbeitgeber. Hauptsache die Organisation stimmt. "Es ist hier keine Anstalt", sagt Gerda "wir bieten "normalen" Service und "normale" Qualität. Die persönliche Stimmung des Kochs oder der Serviererin darf keine Entschuldigung sein, wenn doch etwas schief geht. Wir arbeiten im Prinzip mit professionellem Standart".

Diese Ausstrahlung hat auch das Lokal - modern, frisch, hellgrün gestrichen, vertraut gemütlich. Die Küche ist leicht mediterran angehaucht und gar nicht so durchschnittlich. Zwei Küchenchefs und zwei Oberkellner haben die Leitung. Sie sind ohne Webfehler. Die Speisen zeigen Flair. Als Einstimmung zum Beispiel ein Salat mit feinen Roseval-Kartöffelchen, Basilikum und Hummeröl, Mozzarella auf gegrillten Zucchini mit Paprika und dazu Tintenfischstückchen.

Hauptgerichte, Desserts und Weine bieten dieselbe Großzügigkeit für ebenfalls "normale" Preise. Im Moment wird "Freud" noch unterstützt. Allmählich muss sich das Etablissement selbstständig wirtschaftlich behaupten können.

Und das Essen?

Das Restaurant "Freud", etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegen, hat inzwischen einen festen Kundenstamm aufgebaut, der schon längst nicht mehr daran denkt, dass er von Manisch-depressiven oder Schizophrenen bedient und bekocht wird. Kaum ein Besucher macht noch zynische Witze über das Personal.

Das ist jedoch immer auf kritische Bemerkungen vorbereitet. "Wenn gefragt wird, ob die Bedienung tatsächlich verrückt ist, wird derjenige mit dem Standardsatz abgespeist: "Das werden Sie wohl heute noch zu spüren bekommen. Dann ist schnell Schluss mit lustig", so erzählt Gerda Hahn schmunzelnd. Sie und Renske haben ihr Ziel vorläufig erreicht. Sie bieten einer Gruppe von geistig angeknacksten Menschen einen Halt sowie eine Beschäftigung und neue Perspektiven. Mancher konnte bis zu zehn Jahre keine Arbeit finden.

Und das Essen? Laut Werbung: "Wahnsinnig lecker!".


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