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Anderes Amsterdam Glashaus trifft Piano-Frachter

Tulpen, Coffee-Shops und Rotlicht-Milieus. So kennt man Amsterdam. Die Niederländische Hauptstadt hat aber einiges mehr zu bieten. Auf einem Spaziergang zeigt Ellen ten Damme ein neues Viertel am Hafenrand.

Hinter ihr ertönt ein Schrei, dann ein dumpfes Klatschen, doch Ellen ten Damme dreht sich nicht einmal um. Für sie ist es der Jingle des Sommers. "Die jungen Hüpfer hier lieben es, von dieser Brücke zu springen, ist doch herrlich". Die Sängerin und Schauspielerin sitzt auf der Reling ihres Hausboots nahe der feuerwehrroten Pythonbrücke, die sich zwischen zwei Neubauvierteln im Oostelijk Havengebied krümmt. Ellen lässt die Füße baumeln und blickt übers Hafenbecken auf die neue Stadt am Meeresarm IJ. Früher wurden hier Erze und Gewürze aus Ostasien angelandet, später nutzten Hausbesetzer die Kaianlagen als Spielplatz. Schließlich übernahmen die Stararchitekten und inszenierten ihre Neuinterpretation einer Metropole am Wasser – mit Architektur-Ikonen wie dem mit Zink verkleideten Walvis, einem Wohn- und Büroblock wie ein Wal, der in der Luft schwimmt.

Amsterdam hat am Wasser gebaut. Die Tränen kommen vor allem "Architektur-Jüngern aus der ganzen Welt, die hierher wallfahren, um unsere Bauten anzubeten", spöttet Ellen ten Damme, die in Deutschland aus dem "Tatort" und durch Konzerte mit Udo Lindenberg bekannt ist. Sie freut sich, wenn die Besucher weiterziehen. "Dann ist es wie im Urlaub: zantral, ruhig, freie Sicht aufs Wasser. Beste Lage." Wenn sie mit ihrem rostigen Rad über die Java-, Borneo-, KNSM- ( benannt nach der Königlich Niederländischen Dampfschifffahrtsgesellschaft) und Sporenburg-Eilande rollt, passiert sie futuristische Sozialwohnungsburgen, venezianisch anmutende Glashäuser, in denen sich eigens geschaffene Kanäle spiegeln, und schräge Fassaden mit trapezförmigen Fenstern, die manche als "Architektur für Touristen" schmähen. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht alle rauen Ecken verlieren", sagt die Sängerin, der es im Hafen schon fast zu aufgeräumt ist.

Ein Mekka für die kreative Klasse

Im Osten wächst Amsterdam bereits weiter, werden neue Inseln zum Stadtteil IJburg aufgeschüttet, mit noch mehr Design-Büros und schicken Wohnungen für die kreative Klasse. Lösungen für das Zusammenleben auf engstem Raum zu finden ist Teil der kollektiven Identität. So entstanden zu den modernen Wohnvierteln auch Liegeplätze für viele der rund 2500 Hausboote Amsterdams – schließlich besteht die Stadt aus rund 90 Inseln, verbunden durch 1281 Brücken über 165 Grachten. "Neue Freiräume für Nonkonformisten", sagt Ellen ten Damme. Neben Renomierprojekten von Architekturstars wie Hans Kollhoff und Frits van Dongen hat ein Panoptikum alter Boote an den Kais festgemacht: bullige Schlepper, Fischtrawler, Schleppkähne und Motorschiffe wie Ellens 40 Meter langer, geräumiger Frachter mit dem Piano im gemütlichen Wohn- und Esszimmer und einem kleinen Musikstudio im Bug. Selbst als Star hat die Holländerin hier ihre Ruhe.

Das Areal schloss sie schon in den Achtzigerjahren als "freie Kraker-Republik" ins Herz, als hier längst die ersten Boote festgemacht hatten, natürlich ohne Genehmigung. Deshalb mag sie den Hauch von Hausbesetzerromantik im Schiffsrestaurant "Het Einde van de Wereld". Von ihrem Geheimtipp am Südufer von Java-Eiland reicht der Blick weit über die Architektur-Kette am Hafenrand bis hin zum gläsernen Muziekgebouw und dem Hauptbahnhof. In der Kombüse der ehemaligen Anarchistenkantine kochen Freiwillige seit Jahrzehnten gute, günstige Mahlzeiten und veranstalten Konzerte, die auch die Bewohner der Wohnkuben mit den Arne-Jacobsen-Stühlen in den Fenstern anlocken – Althippies und eine kreative Elite in friedlicher Koexistenz.

"An solchen Orten spüre ich noch ein Gefühl von Freiheit, das Amsterdam gut tut", sagt Ellen. Sie profitiert selbst davon, dass sie nicht Wand an Wand mit ihren Nachbarn lebt: "So beschwert sich niemand über meine Musik." An eines musste sie sich in dieser fast autofreien Nachbarschaft aber erst gewöhnen: an die Stille – wenn nicht gerade Kinder von der Pythonbrücke springen.

Michael Friedrich

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