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Salzburger Land: Bad Gastein in den Alpen: Auferstanden aus Ruinen

Das verwitterte Alpendomizil Bad Gastein gilt seit Jahren als Geheimtipp stilbewusster Großstädter. Jetzt steht der österreichische Kurort vor seiner nächsten Neuerfindung.

Von David Baum

Bad Gastein: der verwitterte Alpenkurort im Salzburger Land

Der italienische Architekt Comini gestaltete Bad Gastein als Perle der Belle Époque

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Der Einstieg hinter dem alten "Badeschloss" galt als streng gehütetes Geheimnis. Wer ihn dennoch fand und es wagte, trotz der allgemein bekannten Klagewut des Eigentümers einzusteigen, dem eröffnete sich eine faszinierende Welt. Das alte Grand Hotel gehörte zu jenen Prunkbauten des Alpenkurorts Bad Gastein, die vor fast zwei Jahrzehnten von einem Wiener Immobilienspekulanten mit großen Versprechen übernommen worden waren und die dieser seitdem vor sich hin rotten ließ. So sah es im Inneren auch aus: Niemand hatte je die Betten abgezogen, dafür lag dicker Staub und herabgefallener Putz über allem, sogar Blumen in Vasen standen da, die kurz vor der Jahrtausendwende verdorrt sein mussten. Morbide Stillleben vergangener Zeiten.

Die Geschichte hätte gut als Setting für einen Roman Thomas Manns getaugt, der einst seine Sommerfrische in Bad Gastein verbrachte. Stattdessen wurde sie in Stil-Magazinen wie "Monocle" niedergeschrieben und in die Welt getragen. Sie erzählt vom Untergang eines mondänen Orts im Salzburger Land, der ob seiner eleganten Belle-Époque-Bauten und der Beliebtheit beim Jetset als "Monaco der Alpen" bekannt war, aber nicht mehr in die Zeit passen wollte und schließlich an den ominösen Investor gelangte, der es aus unbekannten Gründen in einen fatalen Dornröschenschlaf schickte.

Wem in Bad Gastein langweilig ist, der ist ein langweiliger Mensch

Natürlich kommt auch in diesem Märchen jemand zum Wachküssen vorbei. Es sind weniger Prinzen als liebenswerte Glücksritter, Kreative, die in der Morbidität und in den unverhofften Freiflächen, die sich in Bad Gastein plötzlich auftaten, ihre idealen Projektionsflächen fanden.

Als einer der Ersten kam der Hamburger Olaf Krohne, der sich mit seinem Freund Jason Houzer den Traum erfüllte, das "Regina" zu einem mondänen Boutiquehotel umzubauen und damit einen Ort für großstädtische Bohemiens zu schaffen. Gerade haben sie den "Grünen Baum" dazupachten können, in dem allerlei bekannte Gesichter aus der Berlin-Mitte-Szene anzutreffen sind – unter den Gästen wie im Personal.

Szenen einer coolen Szene: Friedrich Liechtenstein im Hotel Regina.

Szenen einer coolen Szene: Friedrich Liechtenstein im Hotel Regina.

Oder Christof Erharter, der selbst ein bisschen verwunschen wirkt und die "Villa Excelsior" zu einer Art bewohnbarem schrillem Schrein für Kaiserin-Sisi-Fans umgestaltet hat. Der Wiener Architekt Ike Ikrath plant und baut unentwegt an den Häusern, die er und seine Frau Evelyn betreiben – darunter das "Hotel Miramonte", die "Alpenlofts" und das "Haus Hirt".

Relativ neu sind die beiden Berliner Jan Breus und Stefan Turowski am Werk, die vor Jahren die frühere Jausenstation "Rudolfshöhe" umgestaltet und ausgebaut haben. Und überall wird wild gefeiert, werden Konzepte entwickelt, Romane geschrieben, wird ein Kunstfestival nach dem anderen gegründet – darunter Friedrich Liechtensteins Film-Happening "Erste Vertikale" oder die "Sommer.Frische.Kunst", die inzwischen hochkarätige Künstler wie Andreas Mühe oder Jorinde Voigt anziehen. Der dänische Bildhauer Jeppe Hein plant sogar aus dem verwilderten Gasteiner Quellpark eine künstlerische Installation zu machen. "Wem in Bad Gastein langweilig ist, der ist ein langweiliger Mensch", sagt Hotelier Ikrath forsch.

Vom Kaiser zum Hipster

Dass neben schicken Menschen aus Wien, München und Hamburg vor allem die Berliner ins Tal strömen, birgt einen ironischen Verweis auf die Geschichte des Ortes. Schließlich war es der alte deutsche Kaiser Wilhelm I., der mehr als 20 Sommer ins 800 Kilometer entfernte Gasteinertal reiste, um in den radonhaltigen Wannenbädern zu kuren. Seinen Hofstaat und zuweilen Reichskanzler Bismarck brachte er gleich mit.

Das Deutsche Kaiserreich wurde also zeitweise von Bad Gastein aus regiert – vielleicht auch deshalb dieses ungebrochene Hauptstadtfeeling. Die gemütliche Promenade, die steigungsfrei rund um den Ort führt, ist dem imperialen Stammgast zu verdanken, der – wie man weiß – nicht gern aufwärts schritt. Heute liebt es Friedrich Liechtenstein, hier nicht minder majestätisch zu lustwandeln.

Kunststar Jorinde Voigt bei einer Vernissage des Artweekends.

Kunststar Jorinde Voigt bei einer Vernissage des Artweekends.

stern

Kaum hat es sich die Avantgarde gemütlich gemacht, kündigt sich erneut Veränderung an. Das Land Salzburg vermeldete im November den unerwarteten Scoop, das historische Ensemble des Stadtkerns vom Sohn des inzwischen verstorbenen Investors erworben zu haben. Darunter das berühmte Hotel Straubinger, in dem Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann einst seine Ausbildung absolvierte. "Es ist jetzt eine immense Herausforderung, die da vor uns liegt", sagt Ikrath, der inzwischen auch Obmann des Tourismusverbands ist. "Wir brauchen Betreiber, die ein Gespür für den Spirit des Ortes entwickeln." Die herrschaftlichen Häuser des italienischen Architekten Angelo Comini würden ein gehobenes, anspruchsvolles Publikum verlangen. "Es muss gerade so groß sein, dass es wirtschaftlich nachhaltig ist, aber doch so klein und gediegen, dass es sich in die filigrane Struktur dieses Ortes einfügt", sagt Ikrath.

"Soziale Kultur" und "business leisure"

Erste Gespräche mit möglichen Betreibern sind angeblich vielversprechend verlaufen. Mit Spannung verfolgen die Bad Gasteiner und ihre Gäste das Geschehen, immerhin geht es um einen gemeinsamen Traum: der alpine Tourismusort, der allem widerspricht, was man sonst darunter versteht. Dabei soll es auch um eine neue "soziale Kultur" gehen, um "business leisure" für die Angestellten des Tourismusbetriebes. Schließlich ist es immer schwieriger, Personal zu finden; besonders gute Köche werden wie seltene Erden gehandelt.

Winterliches Mondschein-Dinner im Nationalpark Hohe Tauern auf 1590 Meter.

Winterliches Mondschein-Dinner im Nationalpark Hohe Tauern auf 1590 Meter.

stern

Manchem Berliner mag dieses Bad Gastein wie ein Déjà-vu vorkommen. Ein Ort, angeschrammt von den Verletzungen der Geschichte, der sich neu definieren darf, bald international im Fokus und schließlich vor einer eigenartigen Herausforderung steht: keinesfalls normal zu werden.

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