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Jungfraujoch in der Schweiz: Selfiesticks im Schnee: Wie Asiaten die Alpen erobern

Sie kommen wegen Kälte,  Bergen und Fernsicht: Araber, Inder, Chinesen und Koreaner lieben das Jungfraujoch. Bei ihren Europatrips unternehmen sie auf dem Weg von Rom nach Paris einen Abstecher zur höchsten Bahnstation Europas. Selbst im Schnee sind sie optimal vernetzt.

Kleine Scheidegg

Umsteigen auf der Kleinen Scheidegg in 2000 Metern Höhe: Beim Wechsel zwischen den beiden Zahnradzügen wird auf dem Weg zum Jungfraujoch schnell für ein Erinnerungsfoto posiert.

Jihyo Kim kommt aus Busan in Korea und reist für einen Monat allein durch Europa. Paris, München, und Rom sind ihre bisherigen Stationen. Doch vor ihrem Rückflug ab Barcelona ist die Schweiz dran. Luzern, Zürich und Interlaken lauten ihre Ziele. Heute ist das Jungfraujoch dran. Für den Ausflug per Bahn auf das Dach Europas hat sie einen ganzen Tag eingeplant.

Der Trip zum "Top of Europe", so die Eigenwerbung der Jungfraubahnen, liegt bei Koreanern voll im Trend. Jihyo ist auf den Spuren prominenter Landsleute: Erst im September hatte der ehemalige Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon das Jungfraujoch besucht. Einen Monat später ließ sich Rap Monster (bürgerlicher Name: Namjoon Kim), Frontmann der extrem erfolgreichen koreanischen Boygroup BTS, im Schnee auf 3500 Meter Höhe ablichten.

Seine Jungfrau- und Luzern-Bilder verbreiteten sich in Windeseile über die sozialen Netzwerke und wurden mehr als 640.000 Mal gelikt. Nicht umsonst wurde BTS bei den 2017 Billboard Music Awards als "top social artist" geehrt.

Adventure Hochburg Interlaken

Auch die 21-jährige Jihyo ist dank Facebook und des koreanischen Messenger-Dienstes KakaoTalk mit ihren Freunden in der fernen Heimat ständig in Kontakt, lässt sie an ihren Schweiz-Erlebnissen teilhaben. Auffallend viele junge Koreaner schlendern durch die Straßen Interlaken und stellen 90 Prozent der Gäste der örtlichen Jugendherberge. Darunter sind auch im Partnerlook gekleidete Twen-Paare.

Die Hotellerie hat sich auf diese Globetrotter eingestellt. Auf dem Frühstücksbüfett dampft heißer Reis, unter den aus der mitgebrachten Dose Kimchi gemischt wird. "Koraner lieben Aktivsport bei uns", sagt Nathalie Röthlin von Interlaken Tourismus. Ganz oben steht Paragliding vom Beatenberg, meist als Tandemflug ausgeführt, und Canyoning im Sommer.

Dreimal mehr Araber als Deutsche

Interlaken setzt auf die Besucher aus Asien. Laut der Statistik übernachteten 2016 doppelt so viele Koreaner wie Deutsche in dem Schweizer Ort zwischen dem Thuner- und Brienzersee. Selbst mehr Inder (46.000) nächtigen hier, werden nur noch von den Chinesen (119.009) und Araber aus den Golfstaaten (123.000) getoppt.

"Die Zahl der Reisebusse geht seit Jahren zurück", sagt Röthlin. Den Trend setzten verstärkt Individualreisende. Eher treten die Chinesen in Gruppen auf. Das Fremdenverkehrsamt gibt den Einheimischen sogar Tipps im Umgang mit den chinesischen Gästen.

"Asiaten existieren nicht"

Dieser Satz ist in einer Broschüre für Ortsansässige zu lesen. Darin heißt es weiter: "Chinesen sind Chinesen, Koreaner sind Koreaner … alle wollen nicht mit anderen verwechselt werden." Speziell an Rezeptionisten in Hotels richtet sich der Hinweis: "Die Nummer 4 gilt in China als Unglückszahl. Vermeiden Sie es, wenn möglich, den Chinesen eine Zimmernummer zu geben, welche eine 4 beinhaltet. Dagegen sind die Nummern 6, 8 und 9 Glückszahlen." Ähnliche Verhaltenstipps gibt es auch für den Umgang mit anderen Besuchernationen.

Vor dem Hotel an der Bushaltestelle stehen zwei Gäste aus den Emiraten. "Wir lieben das Wetter hier", sagt Achmed aus Abu Dhabi. Ende November sieht es in Interlaken grau aus, bedeckter Himmel, und das Thermometer zeigt drei Grad plus. Solche tiefen Temperaturen haben er und seine halb verschleierte Frau noch nie erlebt. "Morgen wollen wir zum Jungfraujoch. Wir haben noch nie Schnee angefasst."

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Die Jungfraubahn am Fuße der verschneiten Eiger Nordwand.

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