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Skifahren in Österreich: Mit Maria Höfl-Riesch auf der Piste in Obertauern

Wo die Abfahrten kurz und heftig sind: Auf Obertauerns weiß polierten Hängen verbringen wir einen Skitag mit der dreifachen Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch.

Von Oliver Creutz

Auf Obertauerns schneesicheren Pisten unterwegs mit Maria Höfl-Riesch

Kurze, aber harte Abfahrten: die dreifache Olympiasiegerin Höfl-Riesch, 33, in Obertauern

Wer ist die Frau, die auf der Piste in Rennhaltung losrauscht, die Knie tief gebeugt, den Hintern nah am Boden? Wer ist die Frau, die den Hang hinabjagt und den Schnee der bestens präparierten Piste aufwirbelt? Die Skiläufer, die sie gerade umkurvt wie Riesenslalom-Tore, bleiben stehen und schauen dem Blitz hinterher.

"Gelernt ist gelernt", sagt die Frau, als sie am Lift ankommt. "Wäre ja schlimm, wenn's anders wäre. Das war doch viele Jahre meine Hauptbeschäftigung." Die Frau nimmt ihre Schneebrille ab, zeigt ihre großen Augen, und schnell wenden sich die Köpfe der Umstehenden in ihre Richtung. Das ist doch nicht die ... Ja, ist sie: Maria Höfl-Riesch, dreifache Olympiasiegerin.

"Ich erzähle der Welt, wie schneesicher Obertauern ist"

Ein Wintermorgen in Obertauern, knackige Minusgrade, Sonne, ein paar Wolken. Höfl-Riesch hat sich Zeit genommen, um mit uns Ski zu fahren. Eine Genusstour, wie sie findet, bei einem Tempo, für das ein Autofahrer innerorts mit einer hohen Geldstrafe belegt würde.

Höfl-Riesch ist Ski-Pensionistin, ihre letzte Abfahrt als Rennfahrerin legte sie 2014 hin; sie endete mit einem Sturz. Höfl-Riesch verließ ihre Karriere in einem Hubschrauber, der sie ins Krankenhaus transportierte. Das passte zu einer Athletin, die alles erreicht hat – und bereit war, dafür alles zu geben. Die nach zwei Kreuzbandrissen mit Anfang 20 weitermachte, die sich im Kraftraum schindete und die die Angst überwand, die sie packte, wenn sie im Starthäuschen stand und vor ihr eine schattige, unruhige Piste lag.

Heute arbeitet Höfl-Riesch als Kommentatorin fürs Fernsehen; sie geht als Fitnesstrainerin auf große Kreuzfahrten. Und sie ist Schneebotschafterin: "Ich erzähle der Welt, wie schneesicher Obertauern ist und wie toll man dort Ski fahren kann." Die Familie ihres Mannes, des Sportmanagers Marcus Höfl, sei früher stets nach Obertauern gekommen; außerdem habe sie das Gebiet oft als Trainingsgelände genutzt. Die Hänge sind kurz und heftig – ideal für Pistensäue, die keine langen Waldabfahrten benötigen.

Unendlich weiß: Panoramablick über die Bergwelt des Salzburger Lands

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Wer mit Maria Höfl-Riesch fahren will, sollte ihr Tempo halten können. Wir sind zu viert unterwegs; unsere Begleitung: Chris, der Chef einer Skischule, sowie ein Kollege aus der Agentur ihres Mannes. Unser Fotograf dagegen scheidet nachwenigen Runden aus. Höfl-Riesch wartet nicht gern. Wir sehen ihn erst in der Mittagspause wieder.

Gut, dass der Mann im Skiverleih morgens die passenden Bretter anbot, als der Reporter sagte: "Etwas Griffiges, bitte." – "Fährst gut?", fragte der Servicemann. Ja, einigermaßen, ich brauche bitte einen Ski, der mir die Chance lässt, Anschluss an Maria Höfl-Riesch zu halten. "Die Maria, soso", sagte der Servicemann und holte einen knallroten Atomic hervor, eine Waffe. "Der müsste passen."

Eine Schneeschüssel

Skimodelle sind ein gutes Thema für den Small Talk beim Liftfahren. Höfl-Riesch trägt einen Männerski, ein Slalommodell, kurz, schwer, schnell. Als sie später lossaust, sagt der Skilehrer Chris: "Wahnsinn, welchen Druck sie auf die Bretter bringt." Er wird diesen Satz ein paarmal wiederholen an diesem Tag.

Hüttenstärkung: Kaiserschmarrn im Sonnhof

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Unter den Skigebieten Österreichs gilt Obertauern als Klassiker. Die Schneeszenen des Beatles-Films "Help!" entstanden hier. Man kann die Momente von 1965 im Internet anschauen, als Musikvideo zum Lied "Ticket to Ride": Sie wirken heute eher wie ein Sketch von Monty Python. Doch es ist sofort zu erkennen: In Obertauern gibt es jede Menge Schnee. Der Ort liegt auf mehr als 1700 Meter Höhe, er gilt als "Schneeschüssel". Seine Lifte reichen bis auf rund 2300 Meter; die Pisten sind nahezu baumfrei: eine endlos scheinende weiße Fläche, die wie frei geblasen wirkt.

Maria Höfl-Riesch, die ungern längere Zeit auf Ski verbringt ("Ich bekomme schnell kalte Hände und Füße"), will gegen 11 Uhr in die Gamsmilchbar unterhalb der Zehnerkarspitze. "Die Gamsmilch müsst ihr probieren", sagt sie, und die Wirtin serviert vier Gläser, deren Inhalt aussieht wie ein dünner Latte macchiato. Einmal am Strohhalm gezogen: Rum! "Ein Proteinshake", sagt Höfl-Riesch grinsend. "Gut gegen die Kälte."

Im Hüttenfernseher läuft ein Abfahrtsrennen der Damen. Höfl-Riesch schaut engagiert zu: "Die Piste ist eine Katastrophe. Wenn ich das sehe, bin ich froh, dass ich nicht mehr fahre." Skifahren mag jetzt ein Genuss für sie sein, aber los gelassen hat sie der Sport nicht.

"Aufi geht's": Höfl-Riesch im beheizten Sessellift

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Höfl-Riesch fährt am liebsten Pisten mit Bodenwellen; wer ihr folgt, spürt einen leichten Stoß im Bauch. Wie auf der Raupenbahn. Taucht mal ein schwarzes Teilstück auf, zack, schnell abbiegen, "das nehmen wir mit", und unten freut sie sich, wie gut sie runtergekommen ist. Genuss sei auch, sagt sie, dass sie bei Eis oder aufkommendem Nebel mal bremse. "Das ist bei den Rennen leider nicht möglich gewesen."

Rasend schön

Um halb eins hat Höfl-Riesch genug genossen. Wieder Hütte. Bei Kaiserschmarrn und Fitnesssalat reden wir über die Bilanz ihrer Karriere. Was hat ihr das Skifahren persönlich gegeben? "Ich habe Werte kennengelernt, die ich ins normale Leben übertragen konnte: Leistungsbereitschaft, Fair Play, den Umgang mit Erfolg und Misserfolg." Ihr Vater habe ihr bei gebracht: "Im Sieg nicht zu euphorisch sein und in der Niederlage nicht quieken wie ein Schwein." Das habe sie nicht immer geschafft. Hat sie Freundinnen gewonnen in ihrer Profi-Zeit? "Das ist im Skizirkus schwierig. Wer sich über den Sieg einer Konkurrentin freut, der heuchelt. Natürlich ärgert es einen, wenn die andere schneller war."

Am Abend zurück beim Skiverleih. "Wie war's mit der Maria?", fragt der Servicemann.

Rasend schön.

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