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Skifahren in Tirol: Auf Eis gelegt

Der Hintertuxer Gletscher südöstlich von Innsbruck ist der einzige in Österreich, der das ganze Jahr über für Skifahrer und Snowboarder geöffnet ist. Die schätzen neben abwechslungsreichen Pisten und hochalpinem Panorama vor allem die Schneesicherheit

Von Gunnar Herbst

3250 Metern Höhe über dem Zillertal: Auf dem Hintertuxer Gletscher

3250 Metern Höhe über dem Zillertal: Auf dem Hintertuxer Gletscher

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Trotz der schlechten Sicht lockt der Neuschnee viele Skifahrer und Snowboarder auf die Pisten des Hintertuxer Gletschers in Tirol. Er ist der einzige in Österreich, der das ganze Jahr über für Wintersportler geöffnet ist: etwa drei Quadratkilometer groß, bis zu 120 Meter tief, vermutlich mehrere Hunderttausend Jahre alt. Im Sommer umfasst das 2600 bis 3250 Meter hohe Skigebiet elf Lifte und rund 20 Pistenkilometer. Weil das Eis sich mehrere Meter im Jahr bewegt, müssen die Stützen der Schlepplifte regelmäßig mit Pistenraupen und Baggern umgesetzt werden.

Jetzt, im Winter, wächst das Skigebiet auf 21 Lifte und 60 Pistenkilometer an, dann reicht es hinunter bis ins Dorf Hintertux auf 1500 Meter. Man kann nur noch erahnen, wo der Gletscher beginnt und wo er endet. Manche sagen, man könne ihn unter den Skiern spüren. Der Schnee fühle sich anders an, weil das mächtige Eis die Pisten von unten kühle. Aber zu beweisen ist das nicht, man muss schon daran glauben.

Hochgefühl auf 3250 Meter Höhe

Den meisten Skifahrern ist das auch egal. Sie freuen sich über die sanften und steilen Hänge. Über die Skischaukel auf dem Plateau und den trockenen Schnee. Über die schnellen Seilbahnen, die hier "Gletscherbusse" heißen, drei Fahrten, dann ist man oben. Oft freuen sie sich auch über das hochalpine Panorama, bei gutem Wetter sieht man bis zur Zugspitze und zu den Dolomiten. Auf 3250 Meter Höhe wird die Luft spürbar dünner. Und noch etwas muss man beachten: Wer abseits der markierten Hänge fährt, riskiert, in eine Gletscherspalte zu fallen – was tödlich enden kann.

In rund 30 Meter Tiefe, unter der Skipiste, scheint das Schneegestöber weit entfernt. Langsam geht Norbert Span tiefer und tiefer hinein in die Gletscherhöhle, die 2007 entdeckt und ein Jahr später für Besucher geöffnet wurde. Bei milden null Grad führt der Weg des 50-jährigen Glaziologen durch Spalten und künstliche Eistunnel, vorbei an einem 32 Meter tiefen See. In einem Hohlraum mitten im Gletscher hält Span inne. Neben meterlangen Eiszapfen stehen verbogene Säulen und bizarre Gebilde in Türkis-Blau-Silber. Manche erinnern an Fabelwesen, andere an Fantasiegebäude.

"Gletscher verändern sich ständig", sagt Span, "hier versteht man, wie vielfältig ihr Innenleben ist." Und wie sie entstehen: Wenn sich Schnee über Jahre verdichtet, wandelt er sich zunächst zu Firn, dann zu Eis. Ab einer Dicke von 30 Metern beginnt es, talwärts zu fließen und Spalten aufzureißen. Der Glaziologe aus dem benachbarten Wipptal misst Bewegung und Profil der Gletscher, berät, hält Vorträge, kuratiert Ausstellungen. Span kennt viele der rund 850 Gletscher in Österreich, von denen nur acht als Skigebiet genutzt werden. "Der Hintertuxer ist besonders malerisch."

Der Olperer-Lift am Hintertuxer Gletscher im Zillertal bringt die Gäste ins "ewige Eis". Skifahren ist hier ganzjährig möglich. 

Der Olperer-Lift am Hintertuxer Gletscher im Zillertal bringt die Gäste ins "ewige Eis". Skifahren ist hier ganzjährig möglich. 

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Inzwischen ist Span in der Randkluft angekommen, einem schmalen Raum zwischen Berg und Gletscher. Fast senkrecht fällt die Felswand ab, an der das Eis klebt. In den Alpen haben Gletscher die Landschaft geformt, erzählt Span, sie haben Täler ausgeschürft und Moränen aufgeschüttet. Doch seit Mitte der 80er Jahre schrumpfen sie massiv. Der Hintertuxer Gletscher hat sich seit der Kleinen Eiszeit um das Jahr 1850 von 2000 auf 2600 Höhenmeter zurückgezogen – zu wenig Niederschlag, zu viel Sonne. "Vor allem ihre Strahlung setzt dem Gletscher zu", sagt Span. "Aber er kann schnell wieder wachsen, fünf schneereiche Winter und kühle Sommer reichen aus."

Gletscher sind auf Niederschlag angewiesen, der Schnee ist ihr Lebenselixier. Er reflektiert etwa 90 Prozent der Sonnenstrahlen und schützt so das Eis. Erst wenn der Gletscher seine weiße Schutzschicht im Sommer verliert, schmilzt er ab. Dann geht es an die Substanz.

Milde Winter, wenig Schnee

Weil der Hintertuxer Gletscher am Alpenhauptkamm liegt, bekommt er Niederschlag von Norden und von Süden. In dieser Saison fiel der erste Schnee schon im September. So könnte man fast die traurigen Alpenbilder aus den Jahren zuvor vergessen: grüne Hänge mit weißen Streifen aus Kunstschnee.

In den vergangenen vier Wintern sank allein in Österreich die Zahl der Skifahrertage pro Saison von 54,4 Millionen auf 52,5 Millionen. Buchungen blieben aus, viele Urlauber fahren inzwischen lieber in die Sonne oder bleiben zu Hause, statt für viel Geld in den Bergen ins Grüne zu schauen. Vor allem Skigebiete in tieferen Lagen bangen zu Beginn der Wintersaison, ob Schnee und Gäste auch wirklich kommen.

Per Lift geht es für Skifahrer und Snowboarder aufwärts

Per Lift geht es für Skifahrer und Snowboarder aufwärts

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Das Problem wird sich verschärfen. Forscher gehen davon aus, dass die Schneegrenze in den Alpen weiter steigt. Umso mehr wird sich der Wintertourismus in hohe Regionen wie den Hintertuxer Gletscher verlagern. Jährlich kommen etwa eine Million Besucher in das Skigebiet, 65 Prozent im Winter. Einer von ihnen ist Ed Sheeran, der Mitte Oktober das Video zu seinem Song "Perfect" drehte, Hintertux lieferte die perfekte Winterkulisse. Auch Skivereine und Rennteams schätzen die Schneesicherheit: 59 Nationen trainieren am Gletscher, Österreicher mit Deutschen, Russen mit Weißrussen, Südkoreaner mit Chinesen, Kinder ebenso wie Olympiasieger, in Sommer und Winter.

Fangzäune und Vliesbahnen

Die Region lebt vom Gletscher. "Auch deshalb liegt es in unserem Interesse, ihn so lange wie möglich zu erhalten", sagt Matthias Dengg, 35, von der Zillertaler Gletscherbahn. Sein Urgroßvater Franz Dengg baute den ersten Sessellift, zusammen mit vier anderen Bauern, 1949 wurde er eröffnet, die Stützen waren aus Holz. Dafür belasteten die Gründer der "Schiliftgesellschaft Hintertux" ihre Höfe und Grundstücke mit Hypotheken. Nach und nach bauten sie das Skigebiet weiter aus. Heute sind ihre Nachkommen gemachte Leute.


Bis zu 1,5 Millionen Euro im Jahr gibt das Unternehmen für Maßnahmen aus, um den Gletscher zu bewahren. Im Frühjahr legen Pistenraupen große Schneedepots an seinen Rändern an, die zudem künstlich beschneit werden. Zwischen Mai und August decken weiße Vliesbahnen fast zehn Prozent seiner Fläche ab, um ihn vor Sonnenstrahlen zu schützen. Ab Herbst werden Fangzäune aufgestellt, die verhindern, dass der Wind den Neuschnee wegweht. "Weil der Gletscher bewirtschaftet wird, schmilzt er langsamer ab" , sagt Matthias Dengg, "aber wir können seinen Schwund nur bis zu einem gewissen Maß aufhalten."

Am nächsten Tag hat der Himmel aufgeklart, bis zum Horizont leuchten die verschneiten Berge in der Sonne. Auf den Pisten suchen Skifahrer und Snowboarder ihr Glück im Neuschnee – und die Probleme des Hintertuxer Gletschers sind unter einer tiefen weißen Schicht verschwunden.

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