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Hinterstoder in Österreich: Countdown zum Weltcup: Im Schnee von morgen wedeln

Alle paar Jahre kommt der Ski-Weltcup nach Hinterstoder, das nächste Mal 2020 – doch die Vorbereitungen haben schon begonnen. Für das Dorf wirkt das Rennen als Motor für Investitionen.

Von Gunnar Herbst

Skifahren in Hinterstoder: Wer die Piste Nummer sechs hinabfährt, blickt auf den Großen Priel (ganz rechts) und die Spitzmauer (links davon)

Skifahren in Hinterstoder: Wer die Piste Nummer sechs hinabfährt, blickt auf den Großen Priel (ganz rechts) und die Spitzmauer (links davon)

Hier im Schuss runter? Mit 120 km/h auf vereister Piste? Und dabei auch noch vier, fünf Tore umfahren? Unvorstellbar! Wie soll das gehen? Schließlich hat der Steilhang eine Neigung von bis zu 60 Prozent, da fehlt nicht viel zum freien Fall. Und so rutschen Hobby-Skifahrer lieber ganz vorsichtig den Steilhang der "Hannes-Trinkl-Weltcupstrecke" in Hinterstoder hinab, die allen offensteht, wenn nicht gerade Rennen gefahren werden, dann aber ohne Tore. Bloß nicht zu schnell werden oder gar stürzen. Und mit jedem Schwung wächst die Bewunderung für jene Könner, die das "Kanonenrohr", wie dieser Teil heißt, im Schuss runterrasen.

Während einem all das durch den Kopf geht, wedelt Eveline Rohregger, 42, leichtfüßig ins Tal. Kurz darauf verschwindet sie als kleiner Punkt in den nächsten Streckenabschnitt. Die Hinterstoderin führt heute durch die Weltcupstrecke, und man merkt schnell, dass sie früher eine erfolgreiche Skirennläuferin war. 2016 wurde sie Rennleiterin des Ski-Weltcups in Hinterstoder, als weltweit einzige Frau bekleidet sie diese Position. Alle paar Jahre werden hier an einem Wochenende zwei Rennen ausgetragen: der Super-G und der Riesentorlauf der Herren, das nächste Mal Ende Februar 2020.

Die Vorbereitungen haben bereits begonnen

Seit 1986 kommt der Ski-Weltcup in unregelmäßigen Abständen nach Hinterstoder, eine Autostunde südlich von Linz. Es grenzt an ein Wunder, dass die Königsklasse des alpinen Wintersports den Weg ins beschauliche 910-Einwohner-Dorf findet – in ein kleines, feines Skigebiet mit 42 Pistenkilometern und 14 Liften zwischen 600 und 2000 Höhenmetern. Mit Abfahrten für alle Ansprüche, von Kindern und Könnern gleichermaßen. Mit schneereichen Nordhängen, Beschneiungsanlagen für 35 Pistenkilometer und spektakulären Panoramen.

Sicherheitsnetze fangen die Rennfahrer bei Stürzen auf. Herwig Grabner leitet das Organisationskomitee des Ski-Weltcup in Hinterstoder.

Sicherheitsnetze fangen die Rennfahrer bei Stürzen auf. Herwig Grabner leitet das Organisationskomitee des Ski-Weltcup in Hinterstoder.

Es war wohl dem Netzwerk von Evelines Vater Rudi zu verdanken, dass Hinterstoder zum Weltcuport wurde. Rudolf Rohregger war Vizepräsident des Österreichischen Skiverbands (ÖSV) und Technischer Delegierter der Fédération Internationale de Ski (FIS), 1986 holte er das Weltcup-Rennen erstmals nach Hinterstoder, zunächst auf die Bärenalm. Im Jahr 2011 zog das Rennen auf die neu gebaute Hannes-Trinkl-Weltcupstrecke um, eine der schwierigsten Abfahrten der Welt. Sie hat alles, was Rennläufer und Zuschauermögen: Steilhänge, Wellen, Sprünge und einen langen flacheren Abschnitt am Ende.

"Auf dieser Strecke trennt sich die Spreu vom Weizen", sagt Eveline Rohregger. Als Rennleiterin sorgt sie mit ihrem Team dafür, dass "die Piste im perfekten Zustand ist". Perfekt, das heißt beim Ski-Weltcup: komplett vereist. Nur, wie schafft man das? "Zunächst beschneien wir, dann reißen wir den Schnee mit Pistenwalzen auf und sprühen Wasser in die Hänge", sagt Rohregger. "Bevor das gefriert, müssen wir die Piste walzen, sonst hat man nur Klumpen." Verdichten nennt sie diesen Prozess, den auch Lufttemperatur, Niederschlag und Sonneneinstrahlung beeinflussen.

Das Ergebnis ist eine mehr als einen Meter dicke Eisschicht – so glatt, dass Hobby-Skifahrer auf ihr keinen Halt finden. Die steinharte Konsistenz soll allen Athleten ähnlich gute Bedingungen garantieren, egal, ob sie früh oder spät ins Rennen starten.

Die "Hannes-Trinkl-Weltcupstrecke" hat eine Neigung von bis zu 60 Prozent

Die "Hannes-Trinkl-Weltcupstrecke" hat eine Neigung von bis zu 60 Prozent

Über ein Jahr ziehen sich die Vorbereitungen für den Ski-Weltcup in Hinterstoder hin. Schon im Sommer zuvor befestigen Rohregger und ihr Team einen Teil der insgesamt 15 Kilometer langen Sicherheitsnetze, im Winter verdichten sie die Pisten. Und während des Rennens entfernen sie als sogenanntes Rutschkommando nach jedem Lauf die Rillen der Athleten.

Eveline Rohregger schläft wenig in den Wochen vor dem Ski-Weltcup. Dann wächst ihr Team auf bis zu 300 freiwillige Helfer an. Die meisten sind Mitglied im USC Raiffeisen Hinterstoder – dem Verein, der den Ski-Weltcup durchführt.

Volksfest und Wirtschaftsfaktor

"Am Renntag ist das gesamte Dorf im Ausnahmezustand", sagt Herwig Grabner, 45, Chef des Organisationskomitees. Der Sportmanager und sein Team verantworten beim Ski-Weltcup in Hinterstoder alles, was abseits der Strecke geschieht: von der Finanzierung über Sicherheits- und Verkehrskonzepte bis zu Konzerten oder dem Tribünenbau. 15 000 Zuschauer kommen pro Renntag, die Siegerehrung ist mitten im Ort, überall wird gefeiert.

Die Hütte und Jausenstation "Die Alm" an der Hirschkogelbahn

Die Hütte und Jausenstation "Die Alm" an der Hirschkogelbahn

"Rund 2,2 Millionen Euro kostet der Ski-Weltcup in Hinterstoder", sagt Herwig Grabner. "Es ist die größte Wintersportveranstaltung in Oberösterreich." Dafür bekommt das Dorf nicht nur ein großes Volksfest, sondern auch viel Aufmerksamkeit. Die Fernsehübertragung der Rennen macht das Skigebiet in aller Welt bekannt.

So gesehen ist der Weltcup eine Investition in die Zukunft und ein Motor für große Projekte: Im November soll das Alprima Aparthotel mit etwa 380 Betten eröffnet werden. Zudem will die Bergbahnen AG bis 2022 einen neuen Zubringer bauen, der 3000 statt wie bisher 2400 Personen pro Stunde ins Skigebiet bringt. Und langfristig soll der Nachbarort Vorderstoder durch zwei neue Bahnen an Hinterstoder angebunden werden. Der Weltcup macht all das möglich.

Ein letztes Mal geht es auf die SuperG-Abfahrt der Hannes-Trinkl-Weltcupstrecke: durch ein flaches Stück und die Panorama-Kurve zum Schröcksi-Jump, wo die Athleten 40, 50 Meter weit fliegen. Nach der Badi-Corner folgen Kanonenrohr und Sturmhang. Kurze Verschnaufpause, die Beine brennen. Jetzt über den Hexenboden zum Hochstand-Jump und endlich ins Ziel.

Geschafft. Arme hochreißen, Ski abschnallen, jubeln – und auf die Uhr schauen. Vier Minuten für die 1942 Meter lange Abfahrt, das ist nicht schlecht. Auch wenn die besten Rennläufer dafür gerade mal anderthalb Minuten brauchen.

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