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Interview

Klimawandel in den Bergen: "In Schneekanonen zu investieren ist der Wahnsinn"

Im Hochgebirge lassen sich die Klimaveränderungen viel deutlicher feststellen: So eröffnete Kitzbühel die Skisaison im Oktober mit Kunstschnee auf grünen Hängen bei 20 Grad Wärme. Wir sprachen mit dem Geologen, Fotograf und Kletterer Ralf Gantzhorn über den Klimawandel in den Bergen.

Die Klimaveränderung wird im Bild per Schieberegler sichtbar: die Westseite des Cerro Grande in Patagonien ©Ralf Gantzhorn

Herr Gantzhorn, sind Gletscher das Fieberthermometer der Alpen?

Der Klimawandel steht uns nicht bevor, wir befinden uns mitten drin. Besonders die Alpen sind betroffen. In den Ostalpen stieg die Durchschnittstemperatur in den vergangenen 100 Jahren um fast 2 Grad, global war es eher die Hälfte. Alle Gletscher befinden sich auf dem Rückzug. Im Ötztal dürften die meisten Gletscher in vier Jahrzehnten weggeschmolzen sein.

Aber der letzte Winter war sehr schneereich. Zermatt war wegen der Schneemassen mehrmals von der Außenwelt abgeschlossen.

Doch es folgte ein heißer Sommer. Für die Schweiz war es der heißeste seit 1864. Aufgrund der hohen Temperaturen war der Schnee aus dem Winter bereits Ende Juli komplett geschmolzen. Anfang August sahen die Gletscher nicht mehr weiß, sondern grau und schneelos aus wie sonst nur Ende September.

Sommerliche Temperaturen gab es 2018 bis Ende Oktober…

… es war auch ein außergewöhnlich trockener Sommer. Die Armee flog zum Beispiel in der Schweiz mit Hubschraubern bis zu 500 Einsätze, um Trinkwasser für Kühe auf entlegene Almen zu transportieren.

Wie erleben Sie die Klimaerwärmung in den Alpen?

In den 80er Jahren war ich das erste Mal auf dem Morteratschgletscher in der Schweizer Bernina-Gruppe. In diesem Sommer besuchte ich den Gletscher erneut und stand auf seinen Resten. Er ist um drei Kilometer geschrumpft. Das Dramatische dabei ist: Der Gletscherrückgang hat sich in den letzten Jahren enorm beschleunigt.

Gleichzeitig steigen Schneegrenze und die der Permafrostböden immer höher?

Die Dauer- oder auch Permafrostböden sind der Kitt der Berge. Der Frost hält Felswände und Schutthalden dauerhaft gefroren. Seit Jahren verlagert sich diese Grenze im Sommer immer weiter nach oben, auf 2400 Meter an den Nordhängen und auf fast 3000 Meter an den Südhängen. Das führt zu einer enormen Zunahme der Steinschlagaktivität.

Sind auch Wanderer vom Klimawandel betroffen?

Ja, denn die Zahl der großen Bergstürze hat zugenommen. So krachten im Sommer 2017 am Piz Cengalo in Graubünden mehr als drei Millionen Kubikmeter Fels ins Tal. Acht Bergwanderer werden seitdem vermisst. Wege müssen häufiger gesperrt werden und Wanderer müssen wegen möglicher Hangrutsche Umwege in Kauf nehmen.

Klassische Kletterrouten wie die Eiger-Nordwand werden fast nur noch im Frühjahr durchstiegen.

Im Sommer gibt es dort kaum noch Eisfelder. Im April liegt noch genug Eis und Schnee in der Wand, wenn die Temperaturen unter null sind. Im Sommer wird die Kletterei durch Steinschlag lebensgefährlich, die Wand löst sich praktisch auf.

Wie sieht es am Mt. Blanc aus, dem höchsten Berg der Alpen?

Der Weg der Erstbegeher ist im Sommer seit Jahren wegen der Spaltengefahr nicht mehr möglich. Auch der jetzige Normalweg über die Refuge du Goûter muss wegen Steinschlaggefahr häufig gesperrt werden. Trotzdem gibt es Leute, die die Gefahr nicht wahrhaben wollen. Dieser Anstieg soll auch – so wünscht es der Bürgermeister der zuständigen Gemeinde St. Gervais – im nächsten Jahr kontingentiert werden. 300 Personen pro Tag sollen dann maximal an den Berg gelassen werden…

… ähnlich wie am Mount Everest?

Eher wie es am Matterhorn praktiziert wird. Dort wurde die Hörnihütte auf 130 Schlafplätze zurückgebaut und gleichzeitig das Zelten in der Umgebung verboten. Das Übernachten setzt einen gewissen Geldbeutel voraus. Das können sich meist nur Leute leisten, die auch einen Bergführer anheuern. Somit ist das Bergsteigen auf eine bestimmte Klientel begrenzt worden.

Ist das Matterhorn ein Berg nur noch für Reiche?

Die Kletterer, die weniger Geld haben, weichen jetzt auf die italienische Seite aus und klettern über den Liongrat aufs Matterhorn. Nicht alle sind den Anforderungen gewachsen. Das fordert nun statt der Schweizer die italienische Bergrettung zu Einsätzen heraus.

Muss sich im Alpentourismus wegen des Klimawandels grundsätzlich etwas ändern?

Besonders der Skitourismus muss umdenken. Weil weniger Schnee fällt, muss man Kunstschnee produzieren. Das ist extrem energieintensiv und Wasserreservoirs müssen angelegt werden. Weil man den Skizirkus künstlich am Leben erhält, forciert man allerdings den Klimawandel - ein Teufelskreis. In Schneekanonen zu investieren, auch in den Mittelgebirgen wie dem Harz, ist der Wahnsinn. In Deutschland werden nur die Pisten in der Zugspitze-Region schneesicher bleiben.

Sie sind auch mit den Verhältnissen an der Südspitze Südamerikas vertraut.

Seit mehr als 30 Jahren kenne ich Patagonien. Die Region ist mit 20.000 Quadratkilometern die größte Gletscherfläche außerhalb der Arktis, Antarktis und Grönland. Dort sind die Auswirkungen des Klimawandels noch viel dramatischer: Es gibt Gletscher, die pro Jahr 700 Meter an Länge einbüßen.

Welche Gefahren drohen dort?

Eine weitere Gefahr durch den Klimawandel in Hochgebirgsregionen sind die "Glofs", spontane Entleerungen von aufgestautem Schmelzwasser, das plötzlich zu Tal fließt. Das stellt in den einsamen Tälern Patagoniens keine große Gefahr dar, aber anderswo in bewohnten Gebieten in den Anden und im Himalaya schon. Das Problem gab es auch am Unteren Grindelwaldgletscher. Vor Jahren hatte sich dort das Wasser unterhalb des Eisstroms angestaut, man fürchtete eine Flutwelle auf Grindelwald. Schließlich hat man den Gletschersee angebohrt und das Wasser läuft seit 2010 kontrolliert durch einen Stollen ab. 

Welchen Beitrag kann jeder einzelne von uns zum Klimaschutz leisten?

Ganz einfach: Weniger fliegen und Auto fahren, Kerosin müsste besteuert werden, in der Schifffahrt müssen statt Schweröl saubere Energieträger zum Einsatz kommen.

Sollte man nur noch mit Bahn und Bus in die Alpen reisen?

Es wäre schön, wenn es so problemlos ginge. Aber mit dem Zug braucht man aus Norddeutschland teilweise länger als man nach Patagonien fliegen kann.

Die Jungfraubahn am Fuße der verschneiten Eiger Nordwand.

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